Logbuch
WELTFLUCHT.
Ich lese, wenn im Anflug auf ein Restaurant, niemals die Kommentare auf Guggel oder im Träffel-Ettweiser. Hier tobt die Querulanz und man erfährt etwas über den miesen Charakter des Rezensenten, niemals aber verlässliches über die Lokalität. Vor allem aber vermisst man HEITERKEIT. Der unzufriedene Gast ist immer ernst; es ist ihm ernst. Er hat den Charakter der Leberwurst. Der mittelalterlichen Medizin galt die Leber als Organ der Lebenssäfte; was heute dem Herzen oder den privaten Organen zugerechnet wird.
Es gibt wenig Hotelrestaurants, die wirklich funktionieren; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Niedergang jedes Lokals beginnt zudem damit, dass der Gastraum zum Wohnzimmer der Belegschaft wird. Ich habe hier eine Eckkneipe mit Außentischen, deren erster von Spülhilfe und Koch zum Rauchen genutzt wird. Ohnehin eine Plage, die Tabak-Junkies im Eingangsbereich; hier dann die Küche mit Service beim Perzen und Witzeerzählen, während im Lokal das Geschäft hängt. So wird das nichts.
Sitze gestern in einem noch leeren Hotelrestaurant; aber unangenehm lautes Palavern aus der Küche, im Lokal unüberhörbar. Man nimmt keine Rücksicht. Klar, das einzige, was wirklich stört, ist der Gast. Man macht zudem auf moderne asiatische Küche. Ich habe nichts gegen Fusionsküche; selbst nicht, wenn der Vietnamese Lamm mit Ente anbietet. Man nimmt ja jetzt so cross-over-Gerichte. Ich berichte aus dem DONG A in Tiergarten; sehr laute Küche, aber kein übler Laden. Es gab eine fein aufgeschnittene Entenbrust mit sauscharfem Gemüse. Auch die Spicy Beef Roll zu empfehlen; hatte ich statt Dessert. Da verstand ich dann endlich „Ente Schaf“.
Es ist Zeit, sich von den Widerlichkeiten der Welt und den Plattitüden der Politik wieder den famosen Dingen zuzuwenden. Bis hin, von mir aus, zu Heiterkeiten, und seien es Witze. Kann ich mal Pause von der permanenten Propaganda haben? Habe neulich schon über Kloster nachgedacht. Kapuziner Kresse züchten. Brot brechen, Wein trinken. Von mir aus auch Ente scharf.
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DIE IDEE DES NACHBARN.
Die großen Konditoren stehen mit langen Messern vor der Torte, die unsere Welt bedeutet, und wollen die Aufteilung der Kuchenstücke ändern. Das könnte den Krümeln eigentlich egal sein, aber sie haben gelernt, dass es beim Streit um die Sahnetorte sehr schnell zu Feindlichkeiten kommen kann und die langen Messer zu anderem Einsatz kommen als nur die Tortenstücke zu heben. Nachbarn werde Feinde.
Das Beispiel aus der Backstube ist eigentlich zu läppisch für die Erfahrung, die gerade die Ukrainer mit ihren beiden Schutzmächten machen, der alten, inzwischen ungewollten, und der neuen, die sich plötzlich launisch von einer anderen Seite zu zeigen droht. Osteuropäer und Balten schauen genau hin. Ich habe hier keine geopolitischen Vorlieben auszuloben oder zu verwerfen, weil mich die Sinnlosigkeit jedes Krieges vor solchen Kalkülen sperrt. Ich bin, was der scheidende Kanzler dieser Republik ein pazifistisches Provinzarschloch genannt hat. Bert Brecht hat mich nämlich gelehrt, dass man sich vor Zeiten, die Helden verlangen, als kleiner Mann zu hüten habe.
Die globale Torte wird also neu geteilt. Dabei darf man nicht jeden der großen Zuckerbäcker für ein Genie, gar den Weltgeist, halten. Es mag auch vordergründigere Motive geben, etwa den Neid auf die Kirsche auf dem Sahnestück des anderen. Aus der Clownerie der Stummfilme kennt man noch vordergründigeren Gebrauch von Torten. Mich dauern die Abscheulichkeiten auf allen Seiten, wenn auch unterschiedliche Grade der Entmenschlichung mich zur politischen Parteinahme veranlassen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Habe ich als Krümel, der nicht gefragt wird, wenn der Kuchen spricht, es auch konkreter? Ja, ich würde Europa gerne erhalten wissen. Mir imponiert noch immer die Idee einer Zusammenarbeit westlich gestimmter, sprich liberal gesinnter Rechtsstaaten als Gemeinschaft guter Nachbarn. Wer das als Deutscher zerstört wissen will, hat aus zwei Weltkriegen nichts gelernt. Hier liegt einer der Gründe, warum man die Neue Rechte auch dann nicht gewähren lassen sollte, wenn sie international Beifall erhält. Meine Meinung.
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SOHN OHNE VATER.
Vor einem Vierteljahrhundert habe ich einen damals jungen Dichter kennengelernt, der Mut zur Provokation hatte und Lust in Kulturveranstaltungen aufzutreten, die ich zu organisieren hatte. Gestern lese ich im Feuilleton des Tagesspiegel, dass er der anerkannteste deutschsprachige Gegenwartsdichter sei. Das freut mich für ihn.
Der damalige Titel lautete „Kanaksprak“, oder so ähnlich; jedenfalls ist der sprachmächtige Feridun Zaimoglu gebürtiger Türke und als originär deutscher Dichter gelobt, schließlich als Person zu einer geradezu orientalischen Freundschaft in der Lage. Ich meine das im positivsten Sinn, den das Wort haben kann. Ich greife gestern zum Handy und, tatsächlich, ich habe noch eine Nummer. Er geht ran. Ich gratuliere zum Votum des Feuilletons und sage ihm: „Ich habe Dich Arsch entdeckt!“
Jetzt kommt das, was ich orientalisch nenne; er bestätigt und lässt sich die wunderbarsten Dankesformeln einfallen. Alles halbwahr, aber vollnett. Mir fällt dabei ein, dass ich ihn mal in Kiel besucht habe, in Begleitung einer Mitarbeiterin. Es war ein langer Tag und ich ging zeitig ins Bett. Die junge Frau und der charmante Dichter sollen aber noch um die Ecken gezogen sein. Sie hatte morgens deutliche Schatten unter den Augen. Das habe ich jetzt nicht wieder erwähnt, weil gefährlich. Man könnte im nächsten Roman landen.
Zaimoglu dichtet mit spielerischer Phantasie und märchenhaften Bildern sehr nah am Leben. Er ist ausdrucksstark bis ins Groteske. Er kann Paradoxie. Ich glaube keine Sekunde, dass es in SOHN OHNE VATER (sein neuer Roman) um Dritte geht. Feridun, Du hast Recht, den Verlust des Vaters gleicht nichts aus. Auch den des vermissten. Um die verstorbene Mutter kann man trauern; den verlorenen Vater ersetzt nichts. Es bleibt einfach ein Loch. Jedenfalls bei mir, der ich nun wirklich in vielem der Sohn meines Vaters bin.
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NAZI BAZI.
Zu den allfälligen Schimpfwörtern, mit denen man Rechte zu bezeichnen pflegt, jedenfalls aus linker Perspektive, gehört die Kurzform des Nationalsozialisten der NSDAP als Nazi. Das verselbstständigt sich, so wie man im bayerischen vom Gauner als Bazi spricht. Wo ich Nazi höre, erklingt auch Fascho als Schimpfwort, dem historischen Phänomen des Faschismus aus Italien und England wie meinem Vaterland entlehnt. Mir gefällt nicht, dass hier eine historische Referenz zu kleiner Münze gemacht wird.
Darin einig bin ich mit Professor Götz Aly, den ich auf der Moabiter Brücke zum Bahnhof Bellevue treffe (in Begleitung eines jungen Mannes, der doppelt so groß ist wie er, was seine Rolle als Exzellenz noch unterstreicht). Ich grüße freundlich, er winkt. Aly hat geschrieben, dass der Begriff Faschismus seinen Wert verloren habe, als er zum bloßen Schimpfwort verkam.
Da ist etwas dran. Wir müssen schon eine Diktatur mit Terrorapparat nach innen wie außen sehen, eine Auflösung des Rechtsstaates mit korporatistischer Wirtschaft und eine rassistisch begründete Volksgemeinschaft. Das alles unter dem Schleier eines nostalgischen Nationalismus. Nur mal so für den Anfang gesagt.
Mein Herr Vater hat sie nur „die Braunen“ genannt und biografisch von „der braunen Zeit“ gesprochen, die ihn habe zum „Kanonenfutter“ machen wollen. Damit war seine Verachtung formuliert gegenüber den Nazi Bazi. Er hat auch wenig von „den Roten“ erwartet, die aus der Weimarer Republik ein „Sowjetdeutschland“ (Clara Zetkin) machen wollten. Seine Wahrnehmung war, dass schon die Generation seines Vaters das Land ins Unglück geführt hatte; und der war kaisertreu.
Götz Aly soll ein neues Buch haben. „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. Werde ich mir besorgen.