Logbuch
GEDICHTE.
Seit der AfD-Grande, genannt „der Pinsel“, Anstreicher aus Sachsen, im TV-Interview kein DEUTSCHES Gedicht aufsagen konnte, steigt der Stress in der politischen Klasse. Was, wenn man jetzt auch gefragt würde. Und eine Zote ja nicht geht…
Da wäre ich auch in Not. Das Goethesche „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ ist sexuellen Inhalts, sprich unpassend. Was aber dann rezitieren?
Ich habe mal den Trivial-Philosophen Precht erlebt, wie er bei einer Tonprobe SCHILLERs GLOCKE vortragen konnte. Komplett. „Fest gemauert in der Erden / Steht die Form aus Lehm gebrannt.“ Das war sehr eindrucksvoll. Mein Gedächtnis reicht nicht mal für die einschlägigsten Geburtsdaten. Von Passwörtern ganz zu schweigen.
Soll ich das mit dem Birnbaum aus Brandenburg nehmen? Wo der skeptische Vater den Geiz des Sohnes durch eine Grabbeigabe überlistet? Oder das, wo ein Tyrannenmord mittels Dolches im Gewande geplant wird? Das mit der Tochter aus Elysium? Wo immer das liegt.
Dann war da ja noch die Rettung des Schiffbrüchigen, dessen Mutter berichtet werden soll, dass es der eigene Bruder namens UWE ist. Oder, wo sich die drei Feen verabreden, das könnte man nehmen. Vielleicht auch, dass ein Sommerabend, verglichen mit der Angebeteten, einfach nicht mithalten kann? Schon gar nicht diesen Sommer.
Oder, zum Thema POLITICAL CORRECTNESS, dass die Gedanken frei sind? Vielleicht mit ein wenig Geographischem, von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt? Lieber diese andere Strophe, in der es um Einigkeit und Recht und Freiheit geht. Da kam der Dichter übrigens aus Wolfsburg; war aber historisch vor VW.
Überhaupt die Frage: Wählt man nach dem Dichter oder nach dem Gedicht aus? Und bei den Versen dann solche, die sich leicht behalten: „All meinen Feinden will ich verzeihn / Doch vorher schlage man ihnen / Die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ (Brecht) Wenn es was nettes sein soll, dächte ich an die beiden Segel oder den römischen Brunnen. Das ist es, der Brunnen in der Villa Borghese. Segel wie Brunnen sind zwar auch erotischen Inhalts, aber es bemerkt niemand. Dafür hat der Dichter sein Leben lang dran gefeilt. Das trage ich bei Lanz vor. Ich werde mir einen Zettel ins Portemonnaie legen und heimlich üben. Falls gefragt wird.
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DIE TRÄNEN DES EGON BAHR.
Als Willy Brandt vor der DDR-Spionage-Affäre in die Knie ging und der Fraktionsvorsitzende der SPD Herbert Wehner noch einen verlogenen Salut auf ihn, den Stürzenden, ausbrachte, verbarg der Brandt-Vertraute Egon Bahr seine Tränen nicht. Ein SPIN DOKTOR weinte; geht eigentlich nicht.
Es gibt, wie so oft, eine ganze Reihe von Wahrheiten. Wir schreiben das Jahr 1974 und der historische Rückenwind hinter dem ersten SPD-Kanzler flaut ab. Die FDP an seiner Seite, sie war Koalitionspartner, sehnt sich in Richtung CDU; Hans-Dietrich Genscher ist ein Mann, dem zu trauen, naiv wäre. Er lässt einen enttarnten DDR-Spion an der Seite des Kanzlers. Obwohl er Dienstherr des Verfassungsschutzes war und ihn hätte entfernen sollen.
Herbert Wehner, der Fraktionsvorsitzende der SPD, ein gelernter Sachse und geläuterter Kommunist, hat Beziehungen zum Chef des Bundeskriminalamtes, ein Herr Nollau, gelernter Sachse und Nazi in dunklen Zeiten. Ein seltsames Paar, beide wissen um den DDR-Spion, den sie gewähren lassen. Die Beamten des BKA interessieren sich stark für das Privatleben des Kanzlers, insofern der Spion davon wusste. Wehner und Nollau, diesen beiden zu trauen, wäre naiv. Wehner will Brandt ohnehin stürzen, jedenfalls glaubt er, ihn nicht halten zu können. Er hält ihn für angeschlagen.
Helmut Schmidt, der gern Kanzler werden will und nur Finanzminister ist, schaut dem Treiben zu. Er ahnt, dass die „Weibergeschichten“ von Brandt, der Kanzler zeigte sich gelegentlich promisk, zu einem Thema der Boulevardpresse werden könnten. Der enttarnte, aber in Brandts Nähe belassene DDR-Spion könnte hierzu plaudern. Das wiederum ist Schmidt als Grund für seine Nachfolge zu läppisch. Schmidt in machtpolitischen Fragen zu trauen, nun, das hatten wir schon. Man lese von Peter Zudeick „Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“, neu im Westend-Verlag.
Egon Bahr war Brandts SPIN DOKTOR schon seit ganz frühen Tagen, ein enger Berater und wohl auch Freund. Er weinte, weil sein Schützling stürzend gestürzt wurde. Beides, stürzend gestürzt. Brandt sagte zum Schluss, er sei nicht erpressbar. Das stimmte leider gleich mehrfach nicht.
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LEIDKULTUR.
Endlich Klartext: „Die Sozis waren immer auf der falschen Seite der Geschichte.“ Soll der Unionskandidat gesagt haben. Hat er (so) nicht. Egal.
Zweite Szene: Der Kandidat der AfD fordert im Interview mit einem Schüler mehr DEUTSCHE VOLKSLIEDER in der Schule und DEUTSCHE GEDICHTE, will dann aber keins nennen. Klug. Er hätte sich vertun können und das HORST WESSEL LIED singen. Der Mann ist ein bildungsferner Anstreicher aus Sachsen. Da wär die Hymne des Anstreichers Adolf Hitler ein möglicher Irrtum gewesen. Klug vermieden.
Anders als bei dem Kölner Boxer Peter Müller, genannt DE AAP, der 1953 im Maddison Square Garden die Hymne der SA auf der Mundharmonika gespielt haben soll, weil er sie fälschlicherweise für das LIED DER DEUTSCHEN hielt. Leitkultur des früheren Regimes; so genau nehmen die das im Ring nicht.
Zur DNA der SPD gehört der OTTO WELS MYTHOS. Ich teile das historisch wie politisch. Die SPD war die einzige Partei, die im Reichstag gegen das ERMÄCHTIGUNGSGESETZ der Nazis gestimmt hat. Da hört für Sozis der Spaß auf. Daran soll die Union nun gerührt haben. Damit ist der Kulturkampf ausgerufen. Das wird die Wahlbeteiligung der SPD-Wähler deutlich heben. Dumm für der konservativen Karnevalsredner aus Aachen, der die Linke einschläfern, aber nicht wach machen sollte.
Aus einem lustlosen Wahlkampf wird so doch noch eine epochale Entscheidung. Und Olaf Scholz muss sich nicht mehr für seine mickrige Amtsführung als Finanzminister rechtfertigen. Er schleicht sich in den Schatten von Otto Wels und Willy Brandt und gewinnt an Größe. Jedenfalls für seine Anhänger.
Die Union hat kein Glück, die SPD schon. Scholz wird die neue Regierung bilden können. Wir werden eine AMPEL kriegen. Ich leg mich mal fest.
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RECHTS VERSUS LINKS.
Es gibt eine Idiotie politischer Parolen, die man argumentativ nicht mehr auflösen kann. Etwa in der Aussage, dass Hitler ein Linker gewesen sei. Jede Relativierung dieses Teils deutscher Geschichte ist ohnehin nah an einem moralischen Verrat fundamentalen Ausmaßes. Man lasse das lieber.
Reflexhafte Debatte darum, dass der Nationalsozialismus der NSDAP seinen historischen Aufschwung genommen habe, indem er sich „linke“ Forderungen zu eigen machte. Da kann nicht sein, was nicht sein sollte. Da irre der Politikwissenschaftler Götz Aly; das hätten die „NS-Historiker“ (sic) schon mehrfach angemerkt. Die Historiker, diese eingeschworene Gesellschaft zur Verlangweiligung der Geschichte? Und die Politologischen vom dauerlinken OSI an der FU? Professorenstreit. Wen kümmert das? Diese Eifersüchtelei zwischen zwei Wissenschaften ist aber nicht uninteressant. Es geht um die moralische Scheidung zweier Welten.
Kann es ein Oxymoron von Rechtem und Linkem gegeben haben? Oder als tödliche Mischung wieder geben? Das aktuelle linke Milieu heult auf, weil eine so differenzierte historische Debatte die Verteufelung des Rechtspopulismus erschwert. Man will nachträglich aus dem „Nationalsozialismus“ begrifflich den Sozialismus tilgen, weil man den rechtsradikalen Charakter der AfD nicht verwässert wissen möchte. Es geht gegen die sogenannte Hufeisentheorie, nach der sich die Extreme von links und rechts treffen; eine durchschaubare Narration der politisch impotenten Mitte. Dazu habe ich zwei Meinungen.
Historisch ist es unzweifelhaft, dass sich die frühe NSDAP quasi-gewerkschaftlich gebärdet hat; um am Ende die Gewerkschaften aufzulösen. Aber sie inszeniert Volksgemeinschaft vor allem vor der Machtergreifung eben auch als Volksfürsorge. Das ist ja das innere Paradox von Populismus, dass er auch links daherkommt. Und dann woanders hingeht. Das ist das eine.
Das andere ist, dass es „die Linke“ nicht gab; man darf die KPD der Weimarer Republik nicht als Freunde von SPD und USPD lesen. Die Spaltung war von epochaler Bedeutung. Wenn Lenin explizit von der „Diktatur des Proletariats“ spricht, die millionenfach demokratischer sei als jede bürgerliche Demokratie sei, so meint er das auch so. Der Genosse Stalin hat daran ja keinen Zweifel gelassen. Mielke auch nicht.
Wie also kommen wir wieder auf gesichertes Terrain und Felsen unter die Füße? Mein Vorschlag ist, dass die Politologen in die Archive verbannt werden. Und die Historiker ins Philosophicum. Jeder auf das Terrain des anderen. Zumindest für ein Semester. Und dann wird miteinander geredet. Verlängerungsanträge für die Verbannung willkommen.