Logbuch
PRINZIPIEN.
Meine Prognose lag daneben. Ich hatte innenpolitisch eine SCHWARZGRÜNE Hegemonie kommen sehen; eine neue Strategie der Union, schon zu sehen in NRW, in Hessen und Schleswig-Holstein.
Die Grünen in Hessen hatten sich dafür auf das Servilste dienstbar gemacht und ihre wahren Gesinnungen weitgehend verborgen. Aber der hessische CDU-MP liebäugelt mit der Strategie seines Parteivorsitzenden Merz und will die Grünen als Feindbild, muss also mit den Sozen koalieren. Padautz, so geht Politik.
Da folgen die Hessen, die immer schon eine reaktionäre Note im Konservativen zu spielen wussten (siehe Alfred Dregger) jetzt dem Söderschen Empfinden, dem der Nazi-Bazi Aiwanger erträglich, um die Grünen ideologisch abwatschen zu können. Taktik über Strategie.
Diese Prinzipienlosigkeit ist das Merkelsche Gift, das nachwirkt. Das lässt sich auch nicht durch Exterritorialisierung lösen; so wie es Mussolinis Enkelin gerade mit Albanien vorführt. Zuwanderung ist kein Recht Dritter, seien es Personengruppen oder Schlepperbanden oder Geheimdienste feindlich gesinnter Staaten. Zuwanderung gewährt man nach Prinzipien, die man prüft, bevor sie erfolgt.
Es geht nicht ohne Leitkultur; wir müssen schon den Mut haben, uns da festzulegen. Wer diese Prinzipien nicht mitträgt, kann nicht zuwandern. Zum Beispiel, dass Frauen im Geltungsbereich der Menschenrechte leben, egal, was dieser oder jener Priester sagt. Wir haben hier keine Religionsfreiheit, sondern eine Freiheit von der Religion. Dies ist keine Theokratie.
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AUS DEM AUGENWINKEL.
Was liegt eigentlich zwischen einem „guten Freund“ (der bei Mädchen „beste Freundin“ heißt) und einem „entfernten Bekannten“, den man so gerade noch wiedererkennt? Wie nennt man diese eigenartige ferne Nähe auf der Mitte? Man sagt wohl „guter Bekannter“, ein seltsames Wort.
Gestern Abend treffe ich neben einigen alten Kolleginnen und Kollegen auch diesen einen Typen, mit dem ich mich immer verbunden gefühlt habe, aber nie in einem engen Sinne befreundet war. Es ist auch nicht so, dass wir ein Geheimnis zu teilen gehabt hätten, oder? Jedenfalls hatte ich im Geschäftlichen nichts mit ihm zu tun. Immer aber begrüßen wir uns mit einem festen Handschlag; erfreut, sich wiederzusehen.
Was uns in diesen Momenten verbindet, sie passieren in einem Vierteljahrhundert zuletzt höchstens einmal im Jahr, ist das AUGURENLÄCHELN. Unkomplizierter habe ich es nicht. Cato der Ältere wundert sich, warum zwei Auguren, wenn sie sich treffen, nicht lächeln. Nun, ich kann verraten, sie lächeln.
Es gab in der Antike den Beruf der Wahrsager durch das Betrachten der Eingeweide von Opfertieren und in der gleichen Profession die Jungs, denen dazu der Vogelflug reichte. Meint: Personen vom Fach, die sich einer Profession rühmten. Und wenn die sich ab und an aus dem Augenwinkel betrachteten, dann grinsten sie. Es ist so: AUGUREN lächeln, wenn sie sich treffen. Das ist die Verbundenheit der Geheimnisvollen, die voneinander wissen, dass sie gar kein Geheimnis haben. Das ist ihr Geheimnis.
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REICHSKRISTALLNACHT.
So lautete der zynische Begriff des PR-Managers der Nazis Joseph Goebbels, zunächst Reichspropagandaleiter der Partei, dann Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, für die REICHSPOGROMNACHT, mit der die Judenverfolgung als Volkssport freigegeben war. Verachtung und Spott spielten eine große Rolle in dieser Pädagogik des Völkermords.
Aus dem Februar 1933 lese ich eine Tagebucheintragung des Herrn Doktor, er reagiert auf die Bücherverbrennungen, nach der er geradezu enttäuscht ist, dass „nun jeder Nationalsozialist“ sei. Die „Bewegung“ verlor damals ihren exklusiven Charakter. Bald war jedermann erlaubt, von der Vertreibung seiner Nachbarn zu profitieren und deren Ermordung zu übersehen.
Dieser Zynismus ist der eigentliche Kulturbruch. Ich finde ihn wieder in dem fröhlichen Motto „From the river to the sea“, das die Befreiung des Nahen Osten von den Juden meint, und zwar von allen, wenn man genau hinhört. Man soll sie ins Meer treiben, meint das. Das kann man als Propaganda überhören wollen. Der, dessen Kristall hier zerschlagen werden soll, ist da hellhöriger. Er weiß, dass es nicht beim Geschirr bleibt.
Was die heutigen Berufskollegen von Herrn Goebbels zu diskutieren hätten, ist das Fach. Wo ist die Grenze zwischen Volksaufklärung und Propaganda? Was hat das damals erfundene Radio, der Volksempfänger, mit dem Internet gemein, wo X jetzt technisch kann, wovon das Dampfradio nur träumte? Warum ist nach 85 Jahren, wie Brecht das formulierte, der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kroch?
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ABUSUS: DER MISSBRAUCH.
Vor der Kirche an Berlins kürzester Allee, nach der germanischen Gattin Tusnelda genannt, sitzen drei Menschen auf der Bank und rauchen in aller Offenheit aus kleinen Pfeifen Crack, „rocks“ genannt, Kokainsalze. Es soll sich um einen extrem süchtig machenden Stoff handeln, der massiv in die Hirnchemie eingreift; die „Steine“ sind beliebt. Sie zeichnen ihre Nutzer erkennbar durch Zahnausfall. Ich flaniere da lang und stutze. Man zelebriert das auf der Kirchenbank.
Kriminalität nach dem allfälligen Betäubungsmittelgesetz wird in Berlin weitgehend toleriert. Das gilt am Ort als liberal. In einem Café sehe ich einen gutgekleideten Besucher kleine Kärtchen mit einer Handynummer beschriften und bei seinem Abgang an drei, vier Tische verteilen. Als eine der Visitenkarten liegenbleibt, lange ich danach. Gedruckt die Preise für Hasch, Koks und anderes, was ich nicht zu entschlüsseln weiß. Die Besitzerin des Cafés klärt mich auf: „Das ist das Kokstaxi!“ Sie bringen Dir den Stoff. Amazon für Junkies.
Um Strafverfolgung zu vermeiden, wird die Handynummer häufig gewechselt. Daher die handschriftliche Notiz. Ich erweise mich als Provinzdepp, der so etwas nicht schnallt. Offensichtlich kann man eine Halbwelt auch bei Tageslicht betreiben. Dabei waren die Folgen dessen schon immer sichtbar. Vermüllung, Beschaffungskriminalität, Verwahrlosung und unter den so Gescheiterten ein Milieu gegenseitiger Erbarmungslosigkeit. Wenn der Fahndungsdruck von Polizei und Justiz nachlässt, gedeiht der Slum. Die Getto-Spirale beginnt sich zu drehen.
Das ist die Kehrseite der von Touristen aus aller Welt so bewunderten Partykultur Berlins. Keine Sperrstunde für gar nichts. Ich scheue mich, hier eine restriktivere Ordnungspolitik zu fordern; zumal Drogenhilfe eben auch Hilfe für die Süchtigen meint; aber eigentlich wäre sie angebracht. Erwäge ich in einer Republik, die sich viel auf die Legalisierung von Bubatz zu Gute hält. Dass auch Alkoholmissbrauch zu erheblichen Folgen führen kann, räume ich auf Vorhalten ein. Wo also liegt die Grenze zwischen Usus, dem Gebrauch, und dem Missbrauch, Abusus. Gute Frage.