Logbuch

NATIONALCHARAKTER.

Die Annahme, dass es Charaktereigenschaften gibt, die aus der Nationalität folgen, ist falsch und vielleicht sogar bös. Es gibt aber schon unterschiedliche Kulturen, oder? Machen wir ein kleines Experiment. Wir haben einen Herrn A und einen Herrn B, die sich unterschiedlich verhalten. Herr A führt seine Mitarbeiter eher gleichberechtigt und entscheidet gern im Konsens. Herr B führt sie hierarchisch und regiert top-down. Sollte man sich nicht einigen, so geht Herr B sofort und unmissverständlich in die offene Konfrontation, Herr A vermeidet das lieber. Wenn es um Überzeugen und / oder Überreden geht, so richtet sich Herr A danach, wie es im Augenblick praktisch am besten passt, und Herr B nach seinen Prinzipien. Also genug des Spiels. Einer von beiden kommt aus Luzern am Vierwaldstätter See und der andere lebt am Starnberger See. Na, wer hat den Stiernacken? Oder: Der eine kommt aus Russland und der andere aus Schweden. Oder noch anders: der eine aus Australien, der andere aus Japan. So lässt mich meine Geschichte mit meinen Vorurteilen allein. 

PS: Vor 31 Jahren hat die Eiserne Lady in London einen Minister verloren, der seine Warnungen vor einer angeblich drohenden deutschen Vorherrschaft in der EU mit dem Nationalcharakter „der Hunnen“ begründet hatte, hinter denen die Franzosen als bloße „Pudel“ nur herdackelten. Der legendäre Nicolas Ridley. Ich habe ihn in seinem Club (Garrick in Covent Garden) mal kennengelernt. Gintrinker. Sehr englisch, der Herr.

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KLUGER KOPF.

Rabenmaske für Jens Spahn? Die SEUCHEN-ÄRZTE im Mittelalter trugen solche VOGELMASKEN. Für jedermann sichtbar, groß mitten im Gesicht. Evidenzbasiert, sozusagen. Man stelle sich vor: Lauterbach als schwarzer Rabe (übrigens gestern wieder mit fettigem Haupthaar im TV, aber das ist eine andere Geschichte). Zurück zu den Rabenmasken. Mir ist klar, warum die Pestärzte die trugen. Der alten Tante FAZ ausweislich der gestrigen Ausgabe aber nicht. Ha! Ich bin also jener kluge Kopf, der angeblich hinter ihr steckt. Das ist ein historischer Werbespruch des Blattes, dass hinter ihm immer ein kluger Kopf stecke. Ausgezeichnete Werbung damals aus mindestens zwei Gründen. Erstens lobt sie den Kunden, nicht den Hersteller. Eigenlob stinkt ja bekanntlich. Den Kunden loben: So klug ist nicht jeder. Zweitens sagt sie klar, was man von ihr hat, wenn man sie erwirbt: Zeitgenossen finden selbst einen durchschnittlichen Tropf genial, wenn er das Blatt vor dem Antlitz hochhält. Man zeigt sich mit der FAZ. Wer will schon beim Lesen der BILD oder von Open Pussy beobachtet werden? Also, das konservative Blatt rätselte gestern über die mittelalterlichen Vogelmasken; die Wissenschaft, schrieb es, rätsele auch. Das stimmt nicht. Die rabenhaften Schnäbel trugen die Kämpfer gegen die Pandemie aufgrund einer sehr aufmerksamen Naturbeobachtung; ihnen war nicht entgangen, dass sich Flöhe wie Ratten wie Menschenkinder mit dem Virus infizierten, aber nicht die Vögel. Und so wollten sie, wenn sie denn nächtens in den engen Gassen des unglückseligen Venedig dem Schwarzen Tod begegneten, von ihm für einen Vogel gehalten werden. Denn die Vögel mied die Pest, wie die Pest. Das nennt man evidenzbasierte Medizin.

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WERTE & NORMEN.

Die Wähler haben sich programmatisch entschieden. Nach ihrem weltanschaulichen Zuschnitt, im Sinne dessen, was sie normativ erwarten. Das hat die Pandemie ihnen nun auch wirklich abgefordert, ein klares Bekenntnis dazu, wes Geistes Kind sie sind und wem sie das Gemeinwesen anzuvertrauen wollen. Bei dem Grünen Kretschmann half das Motto „Sie kennen mich.“ Er räumt ein, dies bei Merkel gestohlen zu haben. Und bei der Sozialdemokratin Dreyer, die sich ihrer Freundschaft zum grinsenden Schlumpf Scholz rühmt, griff das Motto: „Wir mit ihr.“ Erinnert mich an den historischen Wahlkampf, den Altmeister Bodo Hombach für Johannes Rau in NRW gemacht hat; Motto: „Wir in NRW.“ Für alle Kandidaten in PRÄSIDIALEN WAHLKÄMPFEN gilt, sie müssen AUTHENTISCH sein. Bloße Chiffren helfen da nicht. Der Charakter des Politikers steht für wünschenswerte Visionen, eine historische Mission, ein bestimmtes Verständnis vom Gemeinwohl. Winfried also und Malu. Götterdämmerung für Angela, höre ich, die sich gerade entzaubere. Ich gönne allen, die gekämpft haben, ihren Wahlsieg; und jenen, die verloren haben, die Niederlage. Aber Werte und Normen? Ist das so? Es marschiert mit uns eine neue Zeit? Warum nur habe ich bei all dem einen so schalen Nachgeschmack?

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ABUSUS: DER MISSBRAUCH.

Vor der Kirche an Berlins kürzester Allee, nach der germanischen Gattin Tusnelda genannt, sitzen drei Menschen auf der Bank und rauchen in aller Offenheit aus kleinen Pfeifen Crack, „rocks“ genannt, Kokainsalze. Es soll sich um einen extrem süchtig machenden Stoff handeln, der massiv in die Hirnchemie eingreift; die „Steine“ sind beliebt. Sie zeichnen ihre Nutzer erkennbar durch Zahnausfall. Ich flaniere da lang und stutze. Man zelebriert das auf der Kirchenbank.

Kriminalität nach dem allfälligen Betäubungsmittelgesetz wird in Berlin weitgehend toleriert. Das gilt am Ort als liberal. In einem Café sehe ich einen gutgekleideten Besucher kleine Kärtchen mit einer Handynummer beschriften und bei seinem Abgang an drei, vier Tische verteilen. Als eine der Visitenkarten liegenbleibt, lange ich danach. Gedruckt die Preise für Hasch, Koks und anderes, was ich nicht zu entschlüsseln weiß. Die Besitzerin des Cafés klärt mich auf: „Das ist das Kokstaxi!“ Sie bringen Dir den Stoff. Amazon für Junkies.

Um Strafverfolgung zu vermeiden, wird die Handynummer häufig gewechselt. Daher die handschriftliche Notiz. Ich erweise mich als Provinzdepp, der so etwas nicht schnallt. Offensichtlich kann man eine Halbwelt auch bei Tageslicht betreiben. Dabei waren die Folgen dessen schon immer sichtbar. Vermüllung, Beschaffungskriminalität, Verwahrlosung und unter den so Gescheiterten ein Milieu gegenseitiger Erbarmungslosigkeit. Wenn der Fahndungsdruck von Polizei und Justiz nachlässt, gedeiht der Slum. Die Getto-Spirale beginnt sich zu drehen.

Das ist die Kehrseite der von Touristen aus aller Welt so bewunderten Partykultur Berlins. Keine Sperrstunde für gar nichts. Ich scheue mich, hier eine restriktivere Ordnungspolitik zu fordern; zumal Drogenhilfe eben auch Hilfe für die Süchtigen meint; aber eigentlich wäre sie angebracht. Erwäge ich in einer Republik, die sich viel auf die Legalisierung von Bubatz zu Gute hält. Dass auch Alkoholmissbrauch zu erheblichen Folgen führen kann, räume ich auf Vorhalten ein. Wo also liegt die Grenze zwischen Usus, dem Gebrauch, und dem Missbrauch, Abusus. Gute Frage.