Logbuch

AUGEN VOR OHREN.

Was wir über die Welt lernen, wird uns immer mehr in Clips gezeigt, sehr kurzen Filmszenen, die als dokumentarisch gelten wollen. Dabei greift der inszenatorische Code des Episodischen, weil zu mehr als einem Augenblick niemand mehr Zeit hat. Das verführerische Potential ist enorm. Der Augenblick im Wortsinn ist ein großer Manipulator.

Früher war es der „sound bite“, ein besonders typischer Spruch, der die Interpretation einer komplexen Sache auf den Punkt bringen sollte. Heute ist es der kurze Film, dem eine verräterische Geste zu entnehmen ist. Wir trauen unseren Augen mehr als den Ohren. Das Internet füttert beide. Meist mit vergifteter Kost, könnte man vermuten; man weiß es aber nicht.

Immer wieder Szenen, in denen der greise amerikanische Präsident schlicht hilflos wirkt. Ohnehin bewegt er sich staksig, einem Roboter gleich. Dann wirkt er auf offener Bühne schlicht orientierungslos. Man sieht den französischen Präsidenten ihm zur Hilfe eilen, dann Frau Meloni aus Mussolinis Heimat, jetzt mit Barack Obama jemand, der gerade tänzerische Begabung im Amt hatte. Man erinnert sich, dass sein Konkurrent ihn „Sleepy Joe“ nannte und ahnt, was dazu noch kommen wird.

Man kann die Episode leicht zur Evidenz machen, indem die Propaganda sie symbolisch stellt. Verräterische Körpersprache. Das böseste Symbol nennt sich Metonymie, wenn der Betrachter die Gewissheit hat, dass hier das demonstrierte Teil für das Ganze steht. Ist der Weltenherrscher nicht mehr bei Verstand? Diese gemeine Frage will man uns mit den Filmchen ins Herz pflanzen.

Nun, ich weiß es nicht. Das Alter ist nicht gnädig mit uns, mit niemanden von uns, und ich werde darüber nicht lästern. Schon gar nicht zu Gunsten des vermeintlichen Vitalismus wirklich verhängnisvoller Helden. Aber man wird schon fragen dürfen, wie gut beraten die amerikanischen Demokraten mit diesem Kandidaten waren. Könnte das nicht sein Sohn machen? Pun intended.

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NEUES AUS DEM STALHOF.

Immer schon habe ich ordentlichen Bibliotheken misstraut. Bei mir sind die Leseleichen über die Jahre zu einem solchen Berg angewachsen, dass ich sie einfach nur hintereinander in die Regale räume, den Stauraum anfüllend. Geordnete Privatbibliotheken haben etwas sehr Spießiges.

Jetzt fällt mir ein Buch in die Hand, dass ich während des Studiums gekauft haben muss (oder, was wahrscheinlicher ist, geklaut). Es behandelt den „Anmutigen Ort“ (ein Goethe-Wort) in der mittelhochdeutschen Dichtung. Alter Schwede, der „locus amoenus“. Das war kein geographisches Touristenziel, sondern eine träumerische Vorstellung von vollkommener Idylle. Natürlich durfte Sex dabei nicht fehlen, aber eben nicht so platt. Hohe und niedere Minne.

Wir üben uns mal in Mittelhochdeutsch:
„walt, scate, blûmen ûnde gras, scône ouwen, edilir brunnen und grûner clê.“ Wald also, Schatten, eine Blumenwiese, schöne Auen, ein edler Brunnen und grüner Klee. Es fällt auf, dass dieses Paradies aus der Perspektive eines Schäfers gepriesen wird, der Nahrung für seine Herde sucht und ein schattiges Plätzchen für sich. Die Schafzucht begleitet uns vom Alten Testament („Ich bin der Herr, Dein Hirte…“) bis zu den Sexspielen verklemmter Hofdamen im vorrevolutionären Versailles.

Es geht aber der Schäferlyrik weder um Lammbraten noch Gartenbau, sondern, man ahnt es schon, um Liebeskummer. Ich zitiere: „swer mit herzeleide/wære bevangen/kæme er dar in gegangen/er müeste ir dâ vergezzen.“ Na, klappt? Wer mit Herzensleid befangen wäre und dorthin ginge, der würde es dort vergessen. Geht doch. Ein Mittel gegen Liebeskummer, der anmutige Lokus.

Ich stelle den Schinken zurück ins Regal und stoße auf einen prächtig illustrierten Band zur Geschichte eines Handelsnetzwerkes von Brügge bis Novgorod. Die Hanse. Darin das Bild des Kaufmanns Georg Gisze zu Danzig, das Hans Holbein der Jüngere auf dem dortigen Stalhof von ihm und seiner Profession gemalt hat. Dazu morgen mehr.

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KEINE STRATEGIE.

Ich lausche bis morgens um vier Volkes Stimme in einer Frühgaststätte im Revier. Bottropsky, wegen der hohen polnischen Zuwanderung vor gut 100 Jahren so genannt. Danach kamen türkische Kumpel; jetzt Araber, aber der Pütt ist mittlerweile weg. Der Hochofen bald auch. Man faselt in den Medien von grünem Stahl. Glaubt hier keiner. Veränderungsverlierer.

Das Revier, zumal Bottropsky, das war mal sozialdemokratisches Stammland. Hierher kommen auch die Schlüsselfiguren der außerparlamentarischen Unterstützer von Rotgrün. Man nennt in der Kneipe die Strippenzieher des „Kampfes gegen Rechts“ beim Namen. Gleichzeitig sind aber alle Rathäuser in allen Revieren der Republik nach rechts gerutscht.

Rotgrün hat einen monothematischen Wahlkampf gegen RECHTS geführt, auch außerparlamentarisch, allerdings mit genau dem gegenteiligen Effekt. Rote wie Grüne haben an schwarz und braun abgegeben. Die moralische Oberwelle hat nichts genützt. Der Kampf gegen Rechts hat paradoxerweise dort Zulauf gebracht.

Für die SPD muss man klar sagen: Sie hat sich entkernt. Sie verliert ihre Milieus. Man ist bei Lars&Saskia&Kevin gelandet. Dasselbe ist für die Grünen richtig, der die Jugend nicht mehr als Trend folgt. Es ist egal, ob man die AfD nun blau oder braun nennt oder beschimpft, sie legt zu. Dagegen haben auch die politischen Inszenierungen von Correctiv nicht geholfen.

Man stellt die soziale Frage. Wo sind die 400.000 neuen Wohnungen? Wo der Kampf gegen die Inflation, etwa bei Lebensmitteln? Welche Wirtschaftspolitik? Wo ist der Erfolg der Elektromobilität? Mit dem Wärmepumpen-Diktat ist der hochliquide Markt der kleinen Wohnimmobilien schlicht zerschlagen worden. Enteignungsangst. Die Migration wird rhetorisch geglättet, aber nicht politisch gestaltet. Olaf klingt immer hohler.

Das alles, sagt man hier am Tresen, ist ganz einfach SCHLECHTE POLITIK. Oder keine. Man sagt das hier noch derber. Und droht. Seltsamerweise nicht mit einem Linksputsch; da ist ja nichts mehr, vielleicht außer der Wagenknechtschaft. Man droht, zugegebenermaßen nach dem vierten Bier, jetzt auch noch AfD zu wählen. Reaktanz.

Darauf, die Liberalen zu stärken, kommt hier niemand. Als ich FDP sage, droht Schläge. Und Herrn Merz hält man, ich zitiere, für ein Bürschchen. Zu Herrn Wüst höre ich gar nichts. Den kennen sie nicht. Seltsam. Meine Zweifel wachsen, ob die Tändelei von Grün und Schwarz die alte Republik noch hält.

Die Stigmatisierung der Rechten hat ihr hier jedenfalls nicht geschadet. Als ich gehe, singen schon die vermaledeiten Vögel im Nieselregen. Schietwetter. Von wegen Märchensommer.

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ARSCHGEWEIH.

Ötzi hat 61 Tattoos. Trotzdem eine Unart. Es gehört kein Anker auf den Oberarm, kein Segelschiff auf die Brust und keine Lolita auf den Bauch. Ich erteile hiermit ein Ornament-Verbot für den Steiß.

Ein Herr, der aller Wahrscheinlichkeit nach kein Herr ist, betritt in Begleitung einer Dame ein Edelrestaurant und entledigt sich nicht seiner Kopfbedeckung, einer Kappe. Ich muss hier nicht erwähnen, dass das gar nicht geht; der Gentleman zückt den Bowler, wenn in geschlossenen Räumen. Und der sprichwörtliche Prolet, Andy Capp genannt, gehört hier eigentlich nicht hin. Zu der Dame, die sehr wahrscheinlich keine Dame war, kein Kommentar.

Dann setzt der Lude am Nachbartisch doch die Kappe ab. Wir sehen, dass der komplette Glatzkopf vom Nacken bis zur Stirn mit großflächigen Tattoos überzogen ist. Von hinten wirkt der Schädel wie die Fratze eines Monsters. Damit sind wir, urplötzlich zu Anthropologen gewandelt, bei dem Ur-Motiv der körperlichen Verunstaltung in primitiven Kulturen: Der Feind, oder auch nur das wilde Tier, soll in Angst und Schrecken versetzt werden. Dazu also Tinte unter die Haut. Wie tief kann man sinken.

Früher waren Tätowierungen Seeleuten vorenthalten, die sich die Zeit während langer Flauten vertrieben, oder Knastbrüdern, die eine Träne tätowierten oder drei magische Punkte. Solche Stigmatisierungen sehe ich auch bei Jackenjungs, vulgo Rocker genannt. Das Milieu legt sich Ornamente zu. Dann wurde daraus ein Sport, schließlich eine Seuche. Heute hat jede mittlere Mutti was Buntes am Knöchel. Frivoles für die Feigen.

Es handelt sich um „tribalism“, ein primitives Hobby der Primitiven, entweder ethnologisch oder kulturell. Ich will das nicht. Der Herr will das auch nicht; jener, von dem bei Moses die Rede ist. Der Körper ist sein Tempel. Da gibt es nix durch Draht oder Tinte zu korrigieren. Setz die Mütze wieder auf, Du Depp! Did I make myself clear?