Logbuch

JOE SIX-PACK

Joe Biden ist vorbei. Ich denke an den weißen Hilfsarbeiter in der Provinz, der an seinen Monster-Pick-up gelehnt Bier aus der Dose säuft und Maiswhiskey; nennen wir ihn Joe Six-Pack. Was Politik ausmacht, sieht er beiläufig im TV und von dem lokalen Radiosender hört er Klartext. Die Politik soll sich raushalten. Das mit dem Attentat, das hat ihm aber imponiert. Amerika verliert so seine Präsidenten oder gewinnt sie.

Die erhoffte oder befürchtete Nominierung von Kamala Harris zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, sprich als Alternative zu Donald Trump, wird die republikanischen Wahlkampfstrategen nun dazu anspornen, Themen zu suchen, mit der sie Harris verhetzen können. Open Season: Die Jagd ist auf und zur Schmähung wird alles benutzt werden, was dem bösen Willen dient. Man muss Joe erreichen, Joe Six-Pack.

Dabei wird der amerikanische Traum seine eigenen Prinzipien mit Füßen treten. Harris ist eine Frau. Sie wird der afrikanischen und asiatischen Migration zugerechnet. Man wird Zweifel an ihrem baptistischen Glauben wecken und Hinduismus entdecken. Zudem soll sie mit einem Juden liiert sein. Soweit also Abstammung, Religion, Geschlecht. Mein amerikanischer Freund sagt, das alles mag Stoff liefern, wird sie aber nicht umbringen.

Es sind zwei Vorwürfe anderer Natur. Die Frau war exponierter Teil der Justiz; sie hat Verantwortung im Staat getragen. Sie ist POLITIKERIN. Die Frau entstammt einer Familie von Akademikern und ist studiert. Sie ist INTELLIGENT. Beides kann man Trump nun wirklich nicht vorwerfen. Mein amerikanischer Freund sagt das mit allem professionellen Ernst des SPIN DOCTORS. Er sieht es mit den Augen des Teufels.

„Erfahren und vom Fach, eine Intellektuelle und Berufspolitikerin?“ Man müsse das mit dem Spatzenhirn des Rednecks lesen. DEEP STATE & IVY LEAGUE? Da kann Joe Six-Pack nur ausspucken. Nicht mal ein appes Ohr hat sie. Eine AKADEMISCHE BERUFSPOLITIKERIN? Ein größeres Stigma gebe es nicht. So viel zum Zustand der Demokratie in Amerika.

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MYTHOS.

Das Lexikon kann sich nicht entscheiden. Der Mythos sei einerseits eine ganz grundlegende Wahrheit. Andererseits ein bloßes Lügengebilde. Das muss kein Widerspruch sein. Ausgeführt am Beispiel des Bergmanns.

Ein Knappe ist der Paria des Proletariats, ein armer Hund, der sich untertage schinden muss. Es geht auf Gold, Erz, Edelstein, Silber oder Kohle, für ein Dubbel, kalten Kaffee und Schnaps. Er macht den Bergherrn und die Kohlebarone reich und geht selbst, bitter um Atem kämpfend, zugrunde. Mein Vater hat alles darangesetzt, nicht wie sein Vater jeden Tag ins Loch zu müssen. Übertage, das war schon ein Etappensieg.

So, und jetzt Novalis zum gleichen Thema:
„Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen mißt
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoß vergißt;
Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt geht.
Er ist mit ihr verbündet
Und inniglich vertraut
Und wird von ihr entzündet,
Als wär sie seine Braut.
Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Fleiß und Plage;
Sie läßt ihm keine Ruh.
Die mächtigen Geschichten
Der längst verfloßnen Zeit
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.
Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klüft
Strahlt ihm ein ewges Licht.
Er trifft auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.
Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf
Und alle Felsenschlösser
Tun ihre Schätz ihm auf.
Er führt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.
Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm,
Doch fragt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.
Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld,
Er bleibt auf den Gebürgen
Der frohe Herr der Welt.“

Was stimmt? Beides.

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UNPOLITISCHES.

Obwohl der Umgang mit Propaganda zu meinem Beruf gehört, habe ich, wie soll ich sagen, einen empfindlichen Magen. Ich sehe die Bilder vom Parteitag der Trump-Partei (früher: Republikaner) in Milwaukee und könnte kotzen. Minderjährige Enkelinnen des Kandidaten werden zu öffentlichen Leumundsbezeugungen verleitet und von ihrem eigenen Vater als „sexy“ bezeichnet. Der Kandidat küsst den aufgebahrten Helm des Feuerwehrmanns, der statt seiner erschossen wurde. Einen Salut hätte ich noch verstanden als Ehrenbezeugung, aber ein Kuss? Gott, sagt er, sei mit ihm, habe neben ihm gestanden; darum habe er überlebt.

Gott mit uns, also. Es schlägt mir auf den Magen; was aber Unprofessionalität zu nennen ist. Es gilt in der politischen PR der Satz des großen Barnum („The greatest Show on Earth“): „Noch nie ist ein Zirkus Pleite gegangen, weil er das Niveau des Publikums unterschätzt hätte.“ Man kann aber wohl doch sagen, dass dem amerikanischen Kandidaten durchaus ein stattliches Maß an Mut zur Banalität gegeben ist. In der Neuen Rechten gilt das als Erweis von Volkstümlichkeit.

Szenenwechsel. Der englische König verliest gekrönt die Regierungserklärung seiner Minister und zupft schlechtgelaunt am mächtigen Hermelinmantel, den livrierte Knaben nicht zu seiner Bequemlichkeit zurechtgelegt hatten. Von der Güte seiner Mutter hat er nicht viel mitbekommen, ist zu vermuten. Aber was ist das für ein royales Hochamt in diesen Zeiten? Weniger banal als die Krönung in Milwaukee, ja, aber frei von Peinlichkeit? Ich bin nicht sicher. Aber meine Teenerven melden sich noch nicht. Man ist da korrumpierbarer, weil das Common Wealth nachwirkt. Stichwort Bostoner Tea Party.

Olaf ist da frugaler. Olaf der Dröge. Jetzt muss ich mal meinen Kanzler loben. Was immer er macht, wo immer er zögert, wie auch immer er druckst: Ich behalte mein Frühstück bei mir. Bei dem Herrn Bundespräsidenten komme ich da gelegentlich an meine Grenzen. Und beim großserbischen Herrn des Lithiums ist alles verloren. Sanity bag please.

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DREI, VIER WICHTIGE NAMEN.

Man weiß wenig von Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi, dem persischen Mathematiker des 19. Jahrhunderts, außer dass er algebraische Gleichungen so vorbildlich zu lösen wusste, dass durch die lateinische Fassung seines Namens der Begriff ALGORITHMUS entstand. Heute ist das Wort in aller Munde; was nicht heißt, dass die Schlaumeier auch wissen, wovon sie reden. Es handelt sich um die Selbststeuerungsanweisung für kybernetische Maschinen, die in großem Stil Informationen verarbeiten. Hegemonie-Monster.

Es begann wahrnehmbar mit der Unart des Einzelhändlers Amazon, uns als seine Kunden darüber zu belehren, was andere Kunden, die das, was wir bestellt haben, auch noch bestellt hatten, also einer personalisierten Empfehlungsmaschine für nunmehr gläserne Kunden. Mittlerweile führt das Regime der Algorithmen dazu, dass ein und dieselbe Plattform eine konservativ gesinnte Nutzergruppe („Blase“) rechts einstimmt und eine liberal gestimmte links, weil sie deren Verhalten der Vergangenheit verarbeitet und zur Ausweitung der Nutzungszeiten verwertet.

Die Plattform X bildet regelrechte „mobs“ und Facebook „cults“; Mobbing und Subkulturen formen großes Geschäft. Und politischer Missbrauch liegt nah. Da taucht ein zweiter großer Name auf: Marshall McLuhan, ein kanadischer Publizist, der den Beginn der Massenkommunikation mit dem Satz zusammenfasste: „The medium is the message.“ Gilt in digitalem Zeitalter für den Algorithmus, der die bevorzugte Verbreitung steuert. Algorithm is the message.

Dritter großer Name: Edward Bernays, der 1928 seine Begründung der Public Relations unter dem Titel PROPAGANDA vorlegt (deutsche Ausgabe mit Nachwort von mir bei Amazon). Der Neffe Sigmund Freuds preist die „invisible rulers“ als „hidden persuaders“. Damit steht das Paradigma der aktuellen Kritik am Unvermeidlichen, der Herrschaft der Herren des Algorithmus. Und darum geht es tatsächlich, um Vor-Macht. Hegemonie.

Insider story: Als sich die „posts“ von dem Plattformbesitzer Musk nicht mehr automatisch (!) durchsetzten, bekamen sie einen Präferenz-Code. Er lautete naiv wie fundamental: „author_is_elon“. Damit stand der „post“ immer oben. Das gefällt mir. Es gefällt mir sogar sehr: Autor_ist_Klaus.