Logbuch
KITSCH.
Des Guten zu viel. Nicht des Schlechten. Was den Kitsch von der Kunst unterscheidet, ist die SPARSAMKEIT großer Kunst. Ich schaue auf dieses alte Gemälde und sehe, wie ein wunderbar vielsagender Gesichtsausdruck mit ganz wenigen Pinselstrichen erreicht wird, einigen Farbklecksen. Beethoven spielt eine Klaviersonate mit zwei gegenläufigen Motiven, zwei, nicht drei. Ich lese dieses Gedicht und bin fasziniert, wie eine Metapher und karge Worte so viel Weisheit einfangen. Das fällt mir ein, als ich einen Fernsehkoch höre, der sich gegen das Drapieren von Tellern mit unzähligem Schnickschnack wehrt; drei Dinge, sagt er, nicht mehr, und die perfekt gemacht. Ein Wiener Schnitzel nimmt Zitrone und Sardelle, allenfalls noch einen Gurkensalat. So wie auf ein Butterbrot von gutem Brot nur eines gehört, gesalzene Butter. Punkt. In einen Kaffee gehört Kaffee und Wasser; der vermeintliche Reichtum der Starbucksschen Zutaten ist albern. An einen Anzug bester Wollstoff, ein ordentlicher Schnitt und allenfalls eine Blume im Revers. Am deutlichsten aber merkt man es an einer Rede. Ein großer Redner ist wortkarg. Niemand konnte das besser als Willy Brandt, der sich selbst die allergrößten Plattitüden noch abrang, als wenn auf einen schnellen Satz die Todesstrafe stünde. Ich erinnere immer, wenn ich etwas aufgehübscht finde, das vernichtende Urteil von Ernst Bloch, der über ein Geschwätz abfällig sagte: „Das häusliche Setzei mit Bratkartoffeln ist hier bis zur Unkenntlichkeit garniert!“ Welch ein Wort.
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DAS GEHEIMNIS DES LEBENS.
Keine kleine Nummer. Die Doppelhelix der DNA wurde 1953 von den Engländern Crick & Watson entdeckt. Ja, aber... Sie sollen es in den Cavendish Studios in Cambridge vollbracht haben. Schrieb gestern auch die WELT am SONNTAG. Und bezichtigt sie eines PLAGIATS und einer sexistischen Attitüde gegenüber der bestohlenen Wissenschaftlerin ROSALIND FRANKLIN vom Londoner King‘s College. Und sie hätten eine Bemerkung über deren Frisur gemacht. Ach je. Damit hatte man das Thema im Zeitgeist der „political correctness.“ Gefällt mir nicht, weil zu zeitgeistig. Das war anders, habe ich selbst vor Ort erfahren. Ich war vor einigen Jahren anlässlich einer Buchrecherche mit zwei Kumpel vor Ort. Die Geschichte hat, wurde uns versichert, einen anderen SPIN. Richtig ist, dass die beiden „Entdecker“ ihre Erkenntnis aus der Literatur hatten, nicht dem Labor. Und wo sind sie drauf gekommen? In der Kneipe. Die beiden Trunkenbolde standen jeden Abend nach Dienstschluss in einem Pub namens THE EAGLE, der in Cambridge bekannten RAF-Bar (nach einem Luftwaffenoffizier, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte). Ich erinnere mich gut, eine entsprechende Gedenktafel im EAGLE gesehen zu haben. Der Wirt wusste zu erzählen, dass ein Enkel von Watson die angebracht habe. Er dementierte auch nachdrücklich das Gerücht vom Plagiat. Die genialen Scotch-Trinker hätten halt nur zwei & zwei zusammengezählt; so sei das in der Spitzenforschung, man müsse belesen sein und kombinieren können. Vielleicht hilft auch ein wenig Demut. Und natürlich die ortsübliche Kultur des Feierabend-Absackers im Pub. Wehmut, Zeiten waren das. Übrigens steht auf der anderen Straßenseite vom EAGLE jener Apfelbaum, dessen Frucht ISAAK NEWTON unter dem Baum liegend auf den Kopf gefallen sei, womit er die Schwerkraft entdeckte. Das halte ich allerdings für einen Mythos.
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SO NETT.
So nett, das Sonett. Eine Gedichtform, nicht ganz einfach. Erst zwei Strophen als Vierzeiler, dann zwei Strophen als Dreizeiler, Quartett und Terzett genannt. Die Endreime sind kompliziert angeordnet, zum Beispiel zunächst ABBA ABBA (umarmender Reim) und dann CDE DEC. Kann nicht jeder. Goethe und Shakespeare mal außen vor. Tja, das Sonett in Jamben (ein Versmaß), da bin ich endgültig überfordert. Jetzt aber mal Butter bei die Fische:
„Als wir zerfielen einst in DU und ICH / Und unsere Betten standen HIER und DORT / Ernannten wir ein unauffällig Wort / Das sollte heißen: ich berühre dich. // Es scheint: solch Redens Freude sei gering / Doch wenigstens wurd „sie“ so unverletzlich / Und aufgespart wie ein gepfändet Ding. // Blieb zugeeignet und wurd doch entzogen / War nicht zu brauchen und war doch vorhanden / War wohl nicht da, doch wenigstens nicht fort //Und wenn um uns die fremden Leute standen / Gebrauchten wir geläufig dieses Wort / Und wussten gleich: wir waren uns gewogen.“
Des besonderen Bezuges wegen ist dies Gedicht nicht zum Schulgebrauch geeignet, auch nicht im sogenannten „Home Schooling“; davor rettet auch nicht der Hinweis auf den „anerkannten“ Dichter (Hochliteratur). Es ist der aus Augsburg stammende Berthold Eugen („Aigihn“) Brecht, den die Nazis über die Welt vertrieben. Daher viele unfreiwillige Trennungen, einige vielleicht willentlich, aber halbherzig; siehe oben.
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DER VOLKSMUND.
Die Leute reden nicht nur, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern auch so, wie ihnen die Löffel stehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die große Verbreitung eines ganz passablen Englisch bei den Holländern damit zusammenhängt, dass das Fernsehen die amerikanischen Serien nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln sendet. Na ja, und sie sind erfahrene Händler, die Moffen. Haben mal die Welt beherrscht.
Eine gesprochene Sprache gliedert sich vertikal und horizontal; sozial von unten nach oben wie geografisch nach der jeweiligen Heimat. Obwohl meine Frau Mutter den allergrößten Wert auf ein lautreines Hochdeutsch bei ihrem Sohn legte, sagen mir Kollegen anderer Regionen nach, man höre bei mir den Pott noch immer raus. Selbst Schwaben wagen solche Hinweise. Damit wird es grundsätzlich. Was heißt hier Pott? Gemeint ist der Rheinisch Westfälische Stadtbezirk (Geographendeutsch), wegen der dortigen Montanindustrie auch Rheinisch Westfälisches Kohlenrevier genannt, oder eben der Pott. Volksmund.
Wer wie selbstverständlich in aller Kürze vom REVIER spricht oder dem POTT, der kommt von hier. Das Bergwerk war der PÜTT nach dem Lateinischen „puteus“, im Deutschen erhalten in der „Pfütze“ oder dem „Poet“ (Hugenpoet, der Krötensumpf). Der Arbeitsort wird im Volksmund erfragt mit „Auf welchen Pütt gehse?“ In der Hochsprache lautet das: „Wo war der Vater angelegt?“ Das wurde ich anlässlich meines Bewerbungsgesprächs bei der Ruhrkohle AG von dem Bergassessor gefragt. Es war der richtige Pütt, ich war drin, eingestellt. Vor Hacke ist duster.
Damit das mal ein für alle Mal klar ist: Das Revier begann Mitte des 18. Jahrhunderts in Oberhausen. Man war bei der GHH, kurz für Gute Hoffnungs Hütte, und deren Pütts rund um Osterfeld und Sterkrade. Meine Großväter waren auf Neue Hoffnung, ein GHH-Pütt; mein Vater bei der Ruhrchemie in Holten. Ich habe an der Ruhr-Universität in Bochum studiert und in meiner Kneipe einen Orchestermusiker namens Herbert Grönemeyer ertragen müssen. Das alles bestimmt den Ton.
Im Gegensatz zum Saargebiet oder dem Rheinland hat es der Pott aber nie zu der edlen Bezeichnung RUHRLAND geschafft. Wir, die wir von da wech kommen, wissen warum. Weil der reputationsbildende Fluss nie die Ruhr, sondern immer die Emscher war. Wem das ein Lächeln ins Gesicht zaubert, der kommt von hier.