Logbuch

PFLICHTJAHR WIEDER DA.

Rentner sollen ein verpflichtendes Soziales Jahr leisten. Die faulen Säcke sollen noch mal ran. Sagt einer der Wirtschaftsweisen. Das ist sicher eine gute Idee; es gibt ja so viel zu tun. Gerade im Sozialen. Und bei der Kriegstüchtigkeit.

Ein Ansinnen gleicher Art hatte zuvor unser geschätztes Staatsoberhaupt. Der Bundespräsident wollte aber die Jungen in Zwangsarbeit stecken. So eine Art Barras im Sozialen. Das ist noch näher an dem ursprünglichen Konzept seines Quasi-Vorgängers Hermann Göring, dem Reichstagspräsidenten der vorigen Republik, dem Erfinder des Pflichtjahres.

Allerdings war dazu damals die Rechtsgrundlage klarer: Die Nazis hatten gesetzlich eine Arbeitspflicht eingeführt. Und das Landjahr, dem ledige Frauen unter 25 unterworfen wurden, sollte diese in der Nahrungszubereitung trainieren, was ja der Volksgemeinschaft nur nützen kann. Die Frau als lebenslange Magd oder ewiges Dienstmädchen.

Meine Frau Mutter war auf ein elendes Gehöft im tiefen Osten und einen Haushalt besserer Kreise in Wuppertal dienstverpflichtet. Es hat sie für ihr Leben geprägt, wusste sie aus tiefer Trauer zu berichten. Jetzt also auch unser Omma und den Oppa in‘s Pflichtjahr. Bravo.

Ich habe den Vorschlag, hier zunächst bei den Pensionären zu beginnen, jenen notorisch Geschonten, also von Beamten, die die Schwielen bekanntlich nicht an den Händen, sondern am Hintern haben. Jedenfalls bei allen, die weniger als 40 Jahre Arbeitserfahrung haben. Ich selbst hatte meinen ersten Job mit 16; ich bin also 57 Jahre dabei und für den neuen Schwachsinn ganz sicher raus.

Nicht in meinem Namen, nicht mit mir. Did I make myself clear?

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DER AKT MIT DEM AKT.

Mein alter Lateinlehrer Attila Huch trug noch Gamaschen und war auch sonst ganz vom alten Schlag. Man kann sich unsere Überraschung als pubertäre Eleven nicht vorstellen, als wir von ihm hörten, dass eine gelungene Rede gebaut sei wie ein glücklich verlaufener Liebesakt. Padautz!

Das war ein Zitat des Dichters Ovid, der sich der Kunst der Liebe (ars armandi) gewidmet hatte, sollte uns Grünschnäbeln aber zeigen, wie man einen Vortrag baut. Dabei bedarf es einer gewissen Geduld; die Vorzeitigkeit gilt eher als Unglück. Wir hatten im Dreischritt aufzubauen, was zu einem glücklichen Schluss gelingen sollte. These, Antithese, Synthese. In dieser Reihenfolge.

Solche Redekunst ist der Generation TikTok fremd. Sie platzt schon beim Vorspiel (pun intended) mit einem vorgetäuschten, jedenfalls vorzeitigen Orgasmus heraus. Ejaculatio praecox. Das prägt die Erwartung. Der TikTok-Leser will nach drei Zeilen Empörung empfinden oder er flieht aus Horror vor einer Hinhaltetaktik sofort zum nächsten Akt. Eine Generation der Vorzeitigen, die stolz auf ihre fehlende Impulskontrolle ist.

Ich liebe all meine Leser! Insbesondere, wenn sie wirklich lesen. Und zwar bis zum Schluss. Diese Unsitte der vorschnell Empörungswilligen insbesondere bei Twitter / X langweilt mich zutiefst, obwohl sie glaubt, besonders aufregend, sprich schnell zu sein. Man schießt hier immer aus der Hüfte und meist daneben. Was niemanden stört, da der nächste Irrtum ja nur einen Post entfernt.

Das konnte man beim SPIEGEL lernen. Ein gutes Stück brauchte drei Dinge: Aufgalopp, Erklärstück, Apotheke. Die bittere Medizin zum Schluss konnte auch mal eine veritable Pointe sein. So man sie hatte. Wie man das dann in der Redaktion nannte, will ich nicht eigens nennen, da ich mein Stück eigentlich frei von sexuellen Konnotationen halten möchte. Kein Schweinkram im Logbuch! Ovid hin, Ovid her.

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DAS ENDE EINES TABUS.

Ein Tabu versucht, etwas im Leben zum Unsagbaren zu erklären und damit verschwinden zu lassen. Früher galt dieses vorsätzliche Verschweigen für sexuelle Themen. Darüber sprach man nicht. Heute gilt es für rechte. Gemeint ist jene politische Realität, die es, ginge es nach den Gutmeinenden, gar nicht geben sollte. Etwa die Tatsache, dass ein Viertel der Wählerschaft der AfD ihre Stimme gibt. Das ist zur Zeit die stärkste Partei.

Eine solche Tabu-Zone gibt es auch in der Publizistik, neuerdings mit abgetakelten Springer-Leuten unter dem unverständlichen Kürzel NUIS. Hier landet wohl auch Geld rechter Kreise des Mittelrheins, die mir, weil Nachbarn zum Westerwald, schon länger in der Nase stechen. Die CDU in Rheinland-Pfalz ist hier offenbar verfilzt, einschließlich der fidelen Weinkönigin Klöckner, die es zur Bundestagspräsidentin geschafft hat. Da ich mal eine Kolumne in der örtlichen Rheinzeitung hatte, als diese noch unzweifelhaft liberal war, sind mir Anfeindungen aus genau diesem rechten Milieu vertraut. Mich beschimpfte etwa ein Herr Fuchs, CDU-MdB, inzwischen wohl verstorben.

Alle Hoffnungen, den rechtspopulistischen Kram der AfD loszuwerden, indem man eine Debatte um deren Propaganda-Themen tabuisiert, sind hinfällig. Man hat auch den Sexualtrieb nicht erledigt durch das Schweige-Zölibat. Zudem gibt es dazu keinen Grund. Man kann offen und klar sagen, warum man die Volksgemeinschaft von Weidels Gnaden nicht will. Das ist ja auch nicht schwer. Was die da wollen, ist nicht meine Welt. Können wir Punkt für Punkt durchgehen.

Das gilt zum Beispiel für meine Nachbarn, insbesondere die in Berlin. Den Sohn des italienischen Zuwanderers, der eine Pizzeria betreibt. Den armenischen Schuhmacher, den ich gestern um neue Sohlen bat. Die vietnamesische Blumenfrau, die mir von ihrem Besuch in der Heimat erzählt. Die türkischen Bäcker an der Ecke. Die kurdische Schneiderin. Der griechische Physiotherapeut, mein Freund Leo. Und meine Osteopathin aus Südafrika. Meine Nachbarn und zum Teil eben auch meine Freunde. Wir leben gut zusammen. Migration muss man gestalten wollen; wir wollen das.

Ich könnte aus den gleichen Milieus auch meine Gegner benennen, sogar die Feinde. Da ist vieles unverträglich und bedarf des Verbots wie der Verfolgung. Ich lasse das aber hier, da wir uns schon verstanden haben und ich nicht Lohnschreiber bei einem Hetzer aus Koblenz bin, der mit seinem kleinen Vermögen die CDU nach rechts zu drängen gedenkt, wozu sich Julia Klöckner im neuen Sommerkleid auftakelt. Die Aufgetakelte bei den Abgetakelten. Staccato von rechts.

Die Brandmauer war eine Metapher der Feigheit. Man wollte damit ein Tabu festigen, das nicht zu festigen ist. Das Böse ist in der Welt, bieten wir ihm die Stirn. Vielleicht könnte in diesem Sinne auch Jörg Pilawa auf seine neue Flamme einwirken.

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BEWEISLASTUMKEHR.

Jeder gilt als schuldig, solange nicht eindeutig das Gegenteil bewiesen ist. Dieser Satz entspricht einem Menschenbild, das mit Skepsis noch vorsichtig beschrieben ist. Aber lebensklug. In geschäftlichen Dingen spricht er von einer großen Erfahrung. Zumal wer sein Geld an der Börse in fremde Hände gibt, der sollte lieber so denken denn blauäugig. Alles Betrüger.

In der Politik gilt ohnehin, dass man keine Niedertracht auszuschließen hat. Hier ist Parteifreund die Steigerung von Feind. Der erfahrene Horst Seehofer wurde gefragt, ob es in der Politik Freundschaft gebe; seine Antwort war klar und eindeutig: „Nein!“ Wer Geschichte studiert, weiß, dass Kriegsgründe meist große Lügen. Alles Verbrecher.

Aber im Privaten, da ist man doch vor großen Enttäuschungen sicher? Nun, damit ist es wie mit Radio Eriwan: „Im Prinzip ja!“ Aber man soll auch schon von Bösem zwischen ehedem Vertrauten gehört haben. Mord zum Beispiel ist in der Mehrheit aller Fälle eine Beziehungstat. Im Familienkreis vorwiegend zu Weihnachten. Alles Schlampen.

Deshalb hat die Familienministerin Josefine Paul in NRW recht, wenn sie Meldestellen für unerwünschte Meinungen betreibt, die noch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze liegen. Sie führt zu Recht an, dass die Delinquenten um die Strafnorm wüssten und diese vorsätzlich unterschritten. Das lässt der Zeitgeist nicht durchgehen. Da muss man die Beweislast halt umdrehen.

Im Stadtbild ist nicht das nachweisbare Verhalten bestimmter Gruppen das Problem, sondern Männer überhaupt. Wer diesen Makel sein Eigen nennt, der darf seine Unschuld beweisen. Nachdem man den Beschuldigungen gegen ihn initial Glauben geschenkt hat. Also ist eine gewisse Zurückhaltung in der anschließenden Unschuldsbeteuerung klug.

Frau Paul, die Familienministerin, ist mit der sächsischen Justizministerin verheiratet. Man könnte sich unter Ehegatten daher mal beim Frühstück über Rechtspolitik unterhalten. Wenn ich mir die Anregung erlauben darf, in einer Zeit, da höheren Orts mit großer Geste über Beweislastumkehr schwadroniert wird.