Logbuch
AUF DER GLATZE LOCKEN DREHEN.
Mein Kollege Peter D. fragt gestern, ob ich in Katar war, weil er eine feine Uhr japanischer Provenienz für einen Blender hält. Mangelnde Wertschätzung gegenüber japanischer Technologie. Banaler Fehler. Und ich bin nicht in Katar, sondern in Istanbul, also dem europäischen Teil der Türkei.
Wir schlendern durch den Basar zum Frühstück. Ich verstehe meinen türkischen Freund nicht auf Anhieb; wir sprechen Englisch miteinander und Ali hat einen beträchtlichen Akzent. Rauskommt am Ende das Schlagwort „brazilian butt lift“, also ein Anheben des Gesäß nach südamerikanischer Art. Ein brasilianischer Arsch. Ich hatte gefragt, was Damen aus den Vorstädten Nordenglands in die Hotels Istanbuls treibt, wo sie offensichtlich einen Pauschalurlaub mit einer chirurgischen Behandlung verbinden.
Ich ahne, wie hier die der Fehlernährung geschuldete Figur korrigiert wird. Man entfernt Viszeralfett („Wampe“, bei Männern „Bierbauch“) und lagert das am Hintern des Weibchens so ein, dass eine Attraktivität der Rückseite entsteht, die den Begattungswillen der Männchen steigert. Sie machen, was ich in Kreuzberg bei den Lippen junger Mädchen an gewünschter Deformation sehe, am Hintern. Geht das chirurgisch gut? Nicht immer. Es bleibt auch schon mal eine Aphrodite auf dem Tisch, scherzt er; meint: Es gibt Kunstfehler, auch Todesfälle.
Die spinnen, die Ladies aus Hull. Aber gemach. Ich sehe Gentlemen mit blutigen Verbänden auf dem Haupt. Sie machen den Kloppo und lassen sich Haupthaar einpflanzen. So erhält die Glatze wieder Locken, womit man dann jene lockt, die mit dem Popo wackeln, der mal ein Bäuchlein war. Im Ernst: Für kleines Geld gibt es Locken für den Liverpooler und Urlaub für die mitreisende Gattin und das Kind. Ein neuer Tourismus für Flüchtige vor dem NHS. Das ist das blühende englische Gesundheitssystem, das sie mit den Milliarden finanzieren, die sie durch den Brexit gespart haben. Ironie aus.
Ali spottet über die Inglesen; ich kann es ihm nicht verdenken, als ich erfahre, was da bei den Herren der Schöpfung verpflanzt wird. Genitalbehaarung. Auf den Kopf. Haupthaar vom Sack. Alta!
Logbuch
KULTURKAMPF.
Ich schlage eine vergleichende Mentalitätsstudie in Österreich und Ostdeutschland vor. Kärnten und Sachsen etwa. In beiden deutschsprachigen Regionen hat die NEUE RECHTE ein Drittel der Stimmen und ist stärkste Partei. Prognose für FPÖ wie für AfD 32%. Die Konservativen von ÖVP und CDU klar abgeschlagen. Die Grünen in Austria bei 10% und die Sozis bei 23%, also noch um 16 Prozentpunkte stärker als die SPD in Sachsen (7%), bundesweit aber nur noch bei einem Sechstel (Olaf hat fertig).
Was ist da passiert? Ich meine nicht mit dieser oder jener Zahl. Gibt es eine neue Tektonik? Ein Drittel der Wähler mit rechtsradikaler Ambition? Kann das sein? Besonders putzig finde ich, wenn Österreicher DEUTSCHNATIONAL gestimmt sind. Die wollen wieder den Anschluss? Weitere Frage: Kriegen wir einen europafeindlichen Sockel, wie er in Austria und Großbritannien zu bemerken ist, dann auch im deutschen Osten? In ganz Deutschland? Und was sind das für Leute in den ominösen Drittel?
Mich interessiert deren Mentalität. Es geht mir dieser Spruch durch den Kopf, dass alte Leute sonderlich werden. Zeigt sich hier die demographische Langlebigkeit? Steile These: Die NEUE RECHTE besteht aus zu alten Männern in ländlich verödeten Räumen mit sehr niedrigem Bildungsniveau und klarer Vorliebe für Volksmusik. Der HÄSSLICHE DEUTSCHE lebt auf Rente in Chemnitz und Klagenfurt.
Das ist natürlich Quatsch. Trotzdem würde es mich interessieren: Was sind das für Mitbürger, die sich da zu einer schweigenden Mehrheit formieren, die nicht mehr schweigt? Kann man davon ein Bild, eine Innenansicht, malen? Nicht im Spiegel ihrer ideologischen Selbstbeschreibung, sondern mit kühlem Respekt sozialempirisch betrachtet. Eine Milieustudie. Ein Mentalitätsprospekt. Eine Anthropologie der Biedermänner. Gibt es so was schon?
So wie wir das rotgrüne Milieu der Altachtundsechziger beschreiben können, aus dem die Herren Steinmeier, Trittin und Habeck sowie die Damen Göring-Eckart und Baerbock stammen. Da hat historisch ganz verschiedene Binnenmilieus, aber dann einen zusammengeschmolzenen Zeitgeist, der gerade an der Macht ist. Ich sage nur HEIZUNGSGESETZ. Der Zorn auf die Ampel hat ja mit der Aversion gegen diese Mentalität zu tun. Das bringt mich zu der Frage: Haben wir einen KULTURKAMPF, in dem zwei kulturell unvereinbare Blöcke sich gegenüberstehen? Oder in inniger Hassliebe aneinander reiben?
Das würde Glanz & Elend der Ampel erklären. Verlust der Hegemonie.
Logbuch
PREMIUM.
Eine gute Flasche Wein, aus unerklärlichen Gründen auch „Fläschchen“ genannt, das ist eine gutbürgerliche Vorstellung von Genuss. Es fehlt ihr die Vorstellung von übermäßigem Rausch oder proletenhaften Ritualen; was sie vom Kasten Bier oder der Pulle Schnaps deutlich unterscheidet.
So sagt mein Freund Kurt, er trinke nicht, außer ab und an ein Gläschen Wein. Es könne auch schon mal ein Fläschchen werden. Wir haben es also mit dem zu tun, was die Antiken „Maß und Mitte“ genannt haben. Was also muss man dafür ausgeben?
Wir beginnen bei ALDI, wo es Gutes für Alle geben soll. Man kann weniger als 5€ für eine Flasche zahlen, dazu reiches Angebot. Man kann an die 10€ ran reichen, aber nur selten drüber. Als Faustregel könnte gelten: Wer hier mehr als einen Heiermann investiert, fährt gut.
Nun zu den Restaurantpreisen, sprich dem Unerfreulichen. Weil die Preise für die Speisen nicht kostendeckend sind, greift eine Mischkalkulation; man nimmt es bei den Getränken von den Lebendigen. Das Glas 0,2l offenen Weins (er kommt aus einem 10l Plastikschlauch) zu 18,60€, alter Schwede. Da verkauft jemand einen Einstand von 30 oder 40€ zu 840€.
Wir sind in Leipzig in einem Bio-Restaurant neben einem Bio-Markt und die Karte ist dramatisch knapp: Drei Hauptgänge, Lachs, Steak, Pilze, aus. Aber hundert Flaschenweine vornehmlich deutscher Herkunft. Die Preise liegen im Schnitt bei 200€, gern auch schon mal 600€; wohl gemerkt pro Fläschchen. Der Faktor 20: Ist das schon Wucher?
Man kennt das auch von guten Restaurants. Wenn Du der Restaurantleiterin freie Bahn gibst, dann langt sie schon mal zu. Sei‘s drum. Im Bio-Bumms zu Leipzig ist das Essen auch noch schlapp; das läuft hier unter „Ossis legen“. Es wird Zeit, dass das Falco wieder aufmacht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich stehe im stationären Einzelhandel, sprich bei „Jacques“ und verkoste Weiße. Hier gilt die ALDI-Regel plus 10€ Sockel. Man kann in Ausnahmen knapp unter 10€ bleiben, aber der Preis sollte an die 15 oder 20€ ranreichen, dann wird es richtig schön.
Jetzt zum Nachrichtenwert: Ich habe in dem Weinladen eine Pulle zu 87€ in der Hand („pro Fläschchen“) und denke wie folgt: „Das Geld hätte Dir die nette Kellnerin auch abgenommen, ohne dass Du gezuckt hättest. Stell Dich also nicht an!“ Ich hab mich selbst überredet und eine Kiste von dem Franzosen genommen. Morgen ist, ohne Dinner, versteht sich, Blindverkostung im heimischen Wohnzimmer.
Faktor 15 zwischen zwei Pullen. Wehe, ich schmeck das nicht. Ich werde berichten.
Logbuch
SCHÖNE NEUE WELT.
Wenn mein Internet-Verleger von den klassischen Medien spricht, nennt er sie „legacy“, was Erbe oder Vermächtnis meint. Allerdings schwingt dabei keine Ehrfurcht vor einem kulturellen Vermächtnis mit; es wird Verachtung zum Ausdruck gebracht vor den Alten Medien wie Zeitungen oder Fernsehen, denen die Welt der Neuen Medien entgegengehalten wird. Das Digitale blickt auf das Analoge herab.
Ich meine meinen Verleger im Netz. Er hat über die Jahre 15.000 Beiträge von mir gebracht. Die im Internet möglich gewordenen Sozialen Medien sehen sich als demokratische Foren, in denen die Nutzer (früher Leser oder Zuschauer genannt) das Sagen haben. Die Pressefreiheit der klassischen Presse war eine Einwegkommunikation; das Vermögen der Zeitungszaren ihre Meinung gedruckt zu sehen oder einer Politischen Klasse ihren Mainstream zu senden. Die Sozialen behaupten, dass eine solche Zensur bei ihnen nicht stattfinde.
Demokratie im Netz? Das ist eher naiv und eine politische Floskel. Gerade wenn ich meinen eingangs zitierten Verleger nehme, sieht man sehr deutlich, wenn man hinschaut, wie politische Inhalte der „far right“ gefördert werden. Das Netz zensiert nicht, es fördert gezielt. Natürlich bietet der Auswahlzwang des Mediums Zugang für offene wie verdeckte Förderung von Themen, hinter denen sich politische Intentionen verbergen. Algorithmus.
Gestern saßen bei meinem Italiener gleich vier oder fünf Köpfe der Alten Zeiten. Der große, sprich lange Chefredakteur der ARD und das Gerupfte Huhn, seine Korrespondentin aus Paris, der krakeelende BILD-Boss und der rechte Schweizer mit den schrecklichen Krawatten. An getrennten Tischen, eh klar. Alle pensioniert, viele schon Mitte 70. Sie alle erleben die Neuen Zeiten als Verfall.
Die Helden der Sozialen sieht man hier im Restaurant nicht, weil sie im Privaten irgendwo vor ihren Schirmen hocken und sich die Pizza von einem Sikh auf dem Fahrrad bringen lassen. Oder Berauschenderes vom einschlägigen Taxi. Derweil enttarnen sie Weltverschwörungen und gründen Bewegungen neu. Und dieserhalben fordern sie Redefreiheit für jedermann, auch den Roboter. Habe ich das zutreffend beschrieben?