Logbuch
GEWALT NUR GEGEN SACHEN.
Die friedliche deutsche Revolution ist anders gelaufen als die französische („la terreur“) im 18. Jahrhundert. Der Bürgerprotest, der das DDR-Regime zu Fall brachte, war stolz darauf, nie zur Gewalt aufgerufen zu haben; damit war einer Gegenwehr des autoritären Staates die politische Berechtigung entzogen. Die sanfte Revolution war gleichwohl machtvoll, aber eben kein Terror. Das kapieren die „Kleba“ (Kleber) nicht, die Straßen und Flughäfen sperren. Dumme Fanatiker.
Ich habe als Schüler und Student eine Protestbewegung in den Terror abgleiten sehen. Aus der Ferne schien uns der Studentenführer (welch ein Wort) Rudi Dutschke als Robin Hood unserer jungen Kultur. Da passten Bob Dylan und Karl Marx unter ein kulturelles Dach der Schwärmerei. Dann aber wandelte sich der Slogan „Gewalt nur gegen Sachen“ zu Mordkommandos eines Untergrundterrors. Das war nicht mehr mit der Dylan-Romantik zu verbrämen. Diese Erfahrung fehlt den Klebas, die jetzt nur Gewalt gegen Sachen auszuüben meinen. Es ist aber Gewalt gegen Menschen. Anarchie ist nur lustig, wenn man ihr nicht ausgesetzt ist.
Weil der Staat nicht ihren Vorstellungen zur Klimapolitik folgt, erpressen sie die Bürger durch symbolischen Entzug der Freizügigkeit. Straßen werden blockiert, der Flughafen jetzt auch. Und weil die Aktivisten sich ihre Handflächen mit Zyankleber versauen, dürfen sie als Märtyrer gelten. Auch der Terror der (selbsternannten) Märtyrer ist Terror. Ich komme als ehemals freier Bürger nicht mehr aus Berlin raus. Es bleibt im Moment verlässlich nur die Bahn, die nicht mehr verlässlich ist. Also bleibe ich auf dem Land.
Der Klimaprotest verliert gerade sein sympathisches Antlitz; es bleibt die Fratze des Fanatismus. Nötigung als Haltung, weil angeblich übergeordneter Notstand. Terror als vermeintliche Notwehr. Das ist politisch nicht klug. Und was sagen dazu die Grünen, die die Geister riefen, die sich nun verirren? Der Wind, der die Grünen in ihre Ämter getragen hat, verliert durch die Kleba das Frühlingshafte. Modergeruch kommt auf. So enden Jakobiner. Man schlage nach in den Geschichtsbüchern: Frankreich 1793 folgende „la terreur“.
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HEUTE EIN KÖNIG.
Der neue Eigner Sozialer Medien, einer der ganz Reichen, bittet den abgewählten Machthaber zurück auf den Olymp. Was bei Wahl und Putsch misslungen ist, gelingt; seine Majestät krönt sich jetzt trotzig doch. In welchem Jahrhundert sind wir?
Will man einem Slogan aus der Bierwerbung etwas abringen, so eignet sich das „Köpi“ genannte Gebräu aus Duisburg-Ruhrort, berühmt wegen seines guten Wassers. Heute ein König. Scherz beiseite. Aber wenn heutzutage einer König ist, so Elon Musk. Eine Erscheinung des feudalen Absolutismus.
Der im Kalifornischen amerikanisierte Südafrikaner Musk hält sich für die Stimme des Volkes und damit Gottes. Das ist das Gottesgnadentum der Könige. Beleg? Er selbst zitiert in bestem Latein „vox populi, vox dei“ zu seiner Entscheidung, Donald Trump nach einer angeblichen Umfrage wieder auf Twitter zuzulassen. Der Spruch heißt zu gut deutsch: Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes. Nämlich seine. Keine falsche Bescheidenheit.
Wir erleben eine Re-Feudalisierung von Öffentlichkeit. Die Herrscher über die Medien gebärden sich wie Könige und pflegen ihren Thron wie ihre Höfe. Nicht nur autokratisch, nein, selbstherrlich im prahlenden Eigenlob des Königs, der sich vom Hofstaats feiern lässt. Elon Musk ist König Arthus und wir vielleicht seine Tafelrunde, wenn wir nicht nur die Hofnarren sind. Dass er den Heiligen Gral hüte, das verspricht der König; aber er verspricht viel.
Vielleicht ist das die Internet-Illusion im Kern, ein neuer Mythos, dass hier jeder ein wenig König sein kann. Jeder an seinem Handy ein Herrscher. Der Stil auf LinkedIn deutet ja schon darauf hin: Auto-Ästimation von jedermann, Eigenlob, das neuerdings duftet. Leadership! Auf Twitter ist man ja schon länger Weltenrichter. Demnächst wenn man seiner Majestät den Obolus gewährt und dafür einen blauen Haken bekommt.
Der Habermas‘sche Traum der herrschaftsfreien Deliberation, dieses Idyll der bürgerlichen Demokratie, ist mittlerweile in die Hände der digitalen Oligarchen gelegt, die sich gegenseitig auf die Schultern klopfen. Deren Gospel lautet: Jeder ein König, der sie, die Kaiser, groß sein lässt. Es sind nunmehr alle frei, lernen wir, die ihrer Ketten spotten.
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DIVERS.
Rumpelstilzchen. Wenn man den Namen weiß, dann zerreißt es sich. Wenn man den falschen Namen sagt, wird man zerrissen. Das Diverse ist ein sprachliches Minenfeld. Diskriminierung, die zweite.
Die ideale Belegschaft von Unternehmen soll vielfältig nach Herkunft, Alter, Geschlecht sein. Selbst sexuelle Präferenzen oder Körpergröße oder Gewicht sind jeweils ein Kriterium. Die Mischung soll stimmen. Warum? Damit keine Eigenart bevorzugt oder benachteiligt werde. Ideal ist möglichst divers. Quoten aller Art. Nun gut.
Das hat einen ernsten Hintergrund, wo Rassismus oder Sexismus herrschten. Ich denke an Apartheid-Regime oder Männergesellschaften oder einen vitalistischen Körperkult, der Menschen mit einer Behinderung ausgrenzt. Dazu ist keine Ironie angebracht. Ob das dann auch bei der Differenzierung von x biologischen Geschlechtern gilt, dazu will ich mich nicht äußern. Es geht mir um das Tabu der Denomination, das Theater mit politisch korrekten Titeln.
Was mich intellektuell umtreibt, ist nicht Vielfalt, sondern das schwelende Benennungstabu. Man will möglichst viele Ethnien (Herkünfte), toleriert aber eine massive Sprachverwirrung, wie ich die Unterschiede denn alltagssprachlich benennen darf. Es gibt dann ungeschickte Wörter und solche mit massiven Sanktionen. Und Euphemismen aller Art. Darf ich den Fettleibigen noch „dick“ nennen oder ist seine Adipositas eine Behinderung, die nicht verhaltensbedingt ist, also nicht selbst erworben, also ein sprachliches Tabu? Watt nu? Wohlgenährt? Oder hochnotpeinliches Schweigen als Elefant im Raum?
Eine Historikerin hat mir aus einem englischen Archiv erzählt, in dem die Nutzererfassung über zwanzig Kriterien der Abkunft differenzierte, bevor es den Bibliotheksausweis gab. Migrationskataster. Aus der Politik kenne ich Proporzkalküle, nicht nur nach Männern und Frauen, sondern auch danach, aus welcher Region sie kommen, die als Mandatsträger dann repräsentieren. „Welche Gesellschaft bildet das ab?“ Alles noch verständlich, solange man darüber reden kann.
Grotesk wird es, wenn Unterschiede gemacht werden, die nicht mehr benannt werden können, und zwar in klarem Lutherdeutsch. Wenn es wichtig ist, dann will ich auch in klarer Alltagssprache darüber reden können wollen. Was ist eine LGBTQ*-Bar? Ich will es eigentlich nicht wissen, weil jedwedes Denominationstabu erneut und nachhaltig Diskriminierung erzeugt. Worüber man nicht reden kann, darüber sollte man schweigen.
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ANSTAND.
Man könnte meinen, dass das Wissen darüber, was sich so gehört und was nicht, eine Frage der Erziehung sei, so dass es ganz unterschiedlich ausfallen kann, je nach Kinderstube. Da wo Erziehung gänzlich fehlte, herrschte also ein Urzustand. Wegen dieser Fragestellung war man früher sehr interessiert an Wilden, insbesondere Findlingen, die, im Urwald entdeckt, in die Zivilisation kamen und nun bestaunt werden konnten. Kaspar Hauser soll so ein Wilder gewesen sein.
Der Philosoph Immanuel Kant hatte dazu, wie zu vielem anderen, eine radikal andere Ansicht. Er glaubte daran, dass es ein moralisches Gesetz in uns gebe, gegen das wir zwar verstoßen könnten, aber es nicht tilgen. Er glaubte, dass uns ein Grundverständnis von Moral mitgegeben und damit allen Menschen eigen sei. Das ist kühn, weil man sich dann fragen muss, warum die Lebewesen Mensch sehr lange brauchen, bis sie erwachsen sind. Weitaus länger als die anderen Tiere.
Das berühmteste Zitat des ollen Kant lautet: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir". Wenn das meint, dass uns ein Gefühl von Anstand angeboren, verstärkt sich die Verwunderung. Allen?
Weiß der Sklavenhändler also, wen er da in Ketten wie ein Stück Vieh hält? Könnte dem Religionsfanatiker klar sein, dass Frauen natürlich Menschen sind? Wissen die sich Bekriegenden um das Unrecht, zumindest einer von beiden Parteien?
Anstand. Es handelt sich um eine Annahme mit vielleicht schwacher Wirklichkeit, aber hoher Sinnhaftigkeit. Wir beschließen: Es ist zwar nicht so, aber wir sollten es annehmen. Manchmal verlangt einem Philosophie echt etwas ab. Wie dem Sternengucker, der nicht weiß, wo das Universum endet, egal wie lange er in den Himmel glotzt. Könnte Herr Precht dazu bitte mal was sagen? Oder Herr Lesch. Beide bei Herrn Lanz? Man kann die Leute mit einer solchen Verwirrung eigentlich nicht allein lassen, oder?