Logbuch

GENOSSENSCHAFT.

Die Freibeuter um KLAUS STÖRTEBECKER irritierten die braven Bürger, weil sie ihre Beute gerecht untereinander teilten. Eine frühe Form der Genossenschaft.

Die HANSE nannte sie deshalb LIKEDEELER, niederdeutsch für „Gleichteiler“. Das fand man erstaunlich. Wir sind Anfang des 15. Jahrhunderts. Oft versorgten die Piraten belagerte Städte oder eingeschlossene Heere mit Proviant, den VIKTUALIEN, daher auch VITALIENBRÜDER genannt. Betonung auf Brüder. Eine Bruderschaft, die gerecht teilte.

Im Gegensatz zu den abhängigen Söldnern agierten STÖRTEBECKER und seine Genossen oder Brüder als freie Unternehmer. Das gibt es bis heute, höre ich, als Freibeuter russischen Ursprungs in Kriegsgebieten. Das europäische Mittelalter legalisierte die Piraterie, indem den Freibeutern mittels Kaperbriefen erlaubt wurde, ihre Beute öffentlich zu verkaufen. Wenn es die erbeuteten Besitztümer der jeweiligen Feinde waren. Handfeste Diplomatie.

Und ab und an hat man sie geköpft. So kommt der Schädel meines Urahnen in das Hamburgische Museum für Stadtgeschichte. Er war abgeschlagen und dann öffentlich präsentiert worden. STÖRTEBECKER ist übrigens niederdeutsch für „Stürz den Becher“: Klaus soll es zu seinen Lebzeiten mit Trinkgefässen von vier Ellen aufgenommen haben. Und zwar „ex“, in einem Zug. Das ist sicher übertrieben, ein klein wenig.

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WAHL OHNE WÜRZE.

Journalisten vermissen WÜRZE bei der Wahl. Was sie eigentlich meinen ist: billige Skandale, gratis Medienrummel. Klug, wenn Politiker das verweigern; sie wollen nicht BILLIGES OPFER werden. Es darf gegähnt werden.

Man kann an dem LUNGERNDEN, an der spekulativen Haltung sehen, worauf manche Journalisten lauern: einen HYPE, der ihnen das Geschäft erleichtert. Das ist das AASGEIER-GEN der Zunft. Kluge Politik verweigert das. Sie gibt VALIUM. Weil es den Wählern nicht eigentlich um das SCHRILLE geht. Hier liegt das GENIE der SOLIDEN; sie sind solide.

Kein SCHICKI MICKI. Beispiel Kommunalwahl in BRAUNSCHWEIG, eine verschlafene, aber noch vollständige Stadt, die in ihrer Durchmischung sehr typisch ist. Mit SCHRILLEM hat hier niemand eine Chance. Aber Teile der Presse lauern darauf. Andere Teile machen eine grandiosen Job in der DURCHARBEITUNG des kargen Angebotes. Viele dünne Bretter sind zu bohren. Ja, es mangelt an DICKEN BRETTERN.

So scheiden sich die Rollen in den Redaktionen. Die SKANDALHUNGRIGEN murren und die mit der KÄRRNERARBEIT sind fleißig. Der Leser akzeptiert aber die leichte Langeweile und wählt so, wie eben brave Bürger in diesen Zeiten wählen. Wie auch die Wähler im Bund die leichte Langeweile wollen. Das ist es ja, was den Kandidaten Olaf Scholz trägt. SOLIDITÄT bis an die Grenze zum Einschlafen; nein, bis in den Tiefschlaf. VALIUM ist nach Corona die Droge der Wahl.

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KOMPLIMENT VERGIFTETES.

Der deutsche Philosoph HEGEL soll in Jena (Thüringen) NAPOLEON „den Weltgeist zu Pferde“ genannt haben. Leider falsch.

Der kriegsführende Franzmann war zwar in Jena (Thüringen) und ritt just aus, als der Herr Professor von der Post kam (ein überfälliges Manuskript musste nach Bamberg zum Verleger) und unerwartet vor dem berühmten Besetzer stand. Diesem Hallodri. Beladen mit Hoffnungen aus aller Welt. So weit, so gut.

Tja, Jena (Thüringen). Man sieht ja heutzutage nix mehr von der alten Uni-Stadt, weil die Autobahn durch zwei völlig unmotivierte Tunnel geführt wird. Man darf da nicht abfahren. Ich erinnere aber in der Stadt einen Turm der Linsenschleifer zu Jena. Zeitz oder so. Die zu DDR-Zeiten Tauschgeschäfte machen mussten: Observatorien (in Wolfsburg) gegen Trabi-Motoren (Polo-Aggregate für Eisenach, Thüringen). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Also HEGEL. Er hat NAPOLEON „eine Weltseele zu Pferde“ genannt. Eine SEELE, nicht einen Geist oder gar den Weltgeist. Das ist auch ein Kompliment, aber weit geringerer Dimension. So als würde man, den großen deutschen Philosophen ein „Nachdenkerchen“ nennen. Den WELTGEIST dachte man sich nicht als marodierenden Korse, der sich an den Weinkellern und Ehebetten wie Mädchenstuben Jenas zwecks Fraternisieren verging. Bei dem Weindiebstahl sollen die Franzosen übrigens auf Widerstand gestoßen sein.

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EIN PERFEKTES DOUBLE.

Der englische Schauspieler Rowan Atkinson, der die Rolle des Mister Bean berühmt gemacht hat, erzählt in einer Talkshow des britischen Fernsehens die Episode, wie ihn in seiner Freizeit auf einem Schrottplatz ein Zeitgenosse anhaut, dass er dem Mimen sehr ähnlich sähe, der den Mister Bean spiele. Er könne bestimmt ein Vermögen damit machen, auf Parties als „look alike“ aufzutreten. Die Einräumung von Atkinson, er sei eben jener Mime, hält er für einen schlechten Witz. Das Eingeständnis wird als eitle Wunschvorstellung bloß belacht.

Die gleiche Episode um einen Doppelgänger finden wir bei dem Erfolgsliteraten Daniel Kehlmann in dessen Roman „Ruhm“, wo ein Parodist dem Original die Identität stiehlt. Erzählerisch hübsch gedoppelt, indem der Berühmte aus lauter Langeweile zunächst als Parodie seiner selbst auftritt, dabei aber nur mittelprächtig abschneidet. Niemand glaubt Dir Deine Identität, außer Du trittst als Karikatur Deiner selbst auf.

Nun will ich keinen Plagiatsverdacht gegen Daniel Kehlmann erheben, der neben dem mediokren „Ruhm“ auch sehr gute Werke verfasst hat; zuletzt „Lichtspiel“ über GW Pabst und das einnehmende Wesen des Faschismus. Guter Mann. Sollte allerdings keine Halbfabrikate mehr abliefern. Durchgerutscht. Haben die Lektoren bei Rowohlt permanent Pause?

Wie gesagt, ich habe nicht die Webersche Krankheit und stelle Plagiatoren nach, aber folge doch der Brechtschen Einlassung, dass man Fragen des geistigen Eigentums mit einer gewissen Laxheit zu begegnen habe. Deshalb die Frage: Was würde ich machen, wenn ich einer perfekten Kopie meiner selbst begegnete, und der Kerl bereit wäre, mich abzulösen? Ich könnte also ohne Verlust und klammheimlich in den Sack hauen. Im aufziehenden Zeitalter der KI keine ganz irreale Idee. Die Maschine macht für mich weiter.

Was wäre ich ersatzweise lieber? Geld spielt keine Rolle. Kerngesund und steinreich. Auf geht’s! Wissen Sie was? Mir fällt nichts ein. Ich langweile mich geradezu beim Versuch einer originellen Antwort. Gezeichnet, der Mythos von Sisyphos.