Logbuch
UNVOREINGENOMMEN.
Vieles im Englischen geht auch der deutschen Zunge glatt; einiges fällt aber schwerer, Zungenbrecher. So die Tugend der „impartiality“. Das ist nicht, was hier in Debatten „ausgewogen“ meint. Der Reihe nach.
Ein „ausgewogenes“ Meinungsbild bemüht die Vorstellung der Mitte, also eine Balance der Kaufmannswaage, die Justizia hochhält. Dazu sollen beide Seiten gehört worden sein. Die hier propagierte Temperatur ist die des Lauwarmen. Die Annahme eines mittleren Glück unterstellt aber, dass es ein Kontinuum zwischen zwei Polen gibt, auf dem man mit dem Finger brav hin und her fahren könne. Diese Annahme ist nicht unvoreingenommen.
Zwischen Täter und Opfer eines schreienden Unrechts, etwa einer Vergewaltigung, gibt es keine lauwarme Mitte, in der die Weisheit schlummert. Wie will man „ausgewogen“ würdigen, dass eine Dreijährige, Weise zumal, eine auszutauschende Geisel sei? Man kann sich wg. Ausgewogenheit nicht des Rechts auf rigorose Urteile berauben lassen.
Die historische BBC-Tugend der „impartiality“ spricht nicht vom abschließenden Tenor der publizistischen Bewertung, sondern der Einstellung des Betrachters. Unvoreingenommen soll er sein. Sagen, was ist. Es geht dabei nicht um Wahrheiten, die der einen Seite oder die der anderen. Bevor sich an der Wahrheitsfrage die Philosophen die Arme brechen, will der Historiker wissen, was wirklich geschehen ist.
Ich lese eine unvoreingenommene Analyse des jüngsten Nahostkonflikts und werde mit Beispielen beschäftigt, wie sich dazumalen die Franzosen als Kolonialmacht in Algerien verhalten haben; nicht klug nämlich. Die Frage danach, was ist, hat Wurzeln, die danach fragen, was war. Wirklichkeiten. Nun könnte eben das zu etwas führen, was neudeutsch „Kontextualisierung“ heißt; sprich der Mischtemperatur des Lauen.
Es bleibt bei dem Recht des rigorosen Urteils, gegen jedermann.
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HERRCHEN & FRAUCHEN.
Zum Verhältnis von Herr und Knecht hat der große Philosoph Hegel alles gesagt, was zu sagen ist. Nicht rechnen konnte er mit den Merkwürdigkeiten, wenn sich Verkleinerungsformen einschleichen. Ein Bericht aus der Alltagskultur.
Hunde werden in Kinderwägen durch die Promenade geschoben. Nicht in dazu missbrauchten alten Gefährten, nein, eigens angeschafften Karren, vierrädrig, mit Sichtfenster für den chauffierten Köter. Das ist unzweifelhaft pervers.
Zuerst sah ich es als Rucksack: ein Haustier-Tournister. Die Dame stand vor mir an der Kasse und so ein Puffpudel knurrt mich von ihrem Rücken her an. Das Vieh lässt sich tragen. Dann sah ich es auf dem Weihnachtsmarkt in Buggies, regelrechten Pet-Vehikel. Das Tier vollbringt seinen Ausgang getragen, sprich geschoben. Im eigenen Kinderwagen. Das Haustier als Kindersatz. Ekelhaft.
Wir sind in der Welt der Leckerli, noch so ein Deminuativ. War die alte Lehre, dass der Köter körperlich den Ausgang brauche, so ist die neue, dass das Hundchen sich zu verlustifizieren gedenkt und gefahren wird. Der Tugend-Terror des Terriers. Darauf ein Leckerli. Spätrömische Dekadenz.
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MONEY NEVER FUNNY.
„When in Rome, do as the Romans do!“ So lautet eine polyglotte Reiseempfehlung amerikanischer Zunge. Ich folge ihr, um nicht aufzufallen; wenn auch mit geringem Erfolg.
Im Café Wien in Wernigerode (Harz) ist Geschichte präsent. Der Laden stammt aus dem 16. Jahrhundert, als Posamentier- und Putzgeschäft gegründet, und seitdem in der Hand örtlicher Konditoren, einige Jahre durch das Regime der HO geschliffen, aber noch in Takt. Den Gast begrüßt ein Schild mit dem Hinweis, dass er vom Personal platziert werde. Der DDR-Charme des Harz, wo er Sperrgebietiet, weil Grenze zum Klassenfeind, war.
Der Gast am Nachbartisch reißt beim Bezahlen einen Witz, den die Bedienung komisch finden muß, da sie herzlich lacht. Er fragt, auf die Rechnung starrend: „Ist das Zloty oder Westmark?“ Die Kellnerin lacht echt. Ich verstehe es nicht mal. Aber, da man in Rom es so machen soll, wie die Römer, merke ich mir den.
Als mein Zettel für vier Fiaker (am Ort gesüßter Kaffee mit Kirschwasser und Sahnehäubchen zu 5€ das Stück) kommt , gucke ich auf den Zettel und frage das mit den Zloty oder der Westmark. Der junge Mann schaut mich fassungslos an und sagt in leicht gebrochenem Deutsch: „Karte oder bar!“ Ich schaue ihn an. Er kommt aus dem Indischen und lächelt mich mit der stets freundlichen Gnadenlosigkeit von indischen Geschäftsleuten an, wenn es um Geld geht.
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VENI VIDI VICI.
Die Geschichtsschreibung alter Schule konzentrierte sich auf Schlachten, weil bei kriegerischen Großereignissen wenigstens feststand, wer Gewinner und wer Verlierer war. Mit dem Sieg im Feld war dann auch klar, wem die darauf folgende Heldenverehrung galt. Selbstbewusst durfte der Cäsar dann darin davon singen, dass er kam, sah und siegte. Veni, vidi, vici.
Unternehmensgeschichten tun sich da schwerer, selbst wenn der Bogen von den kargen Anfängen bis zur imposanten Größe gelingt. Man ist selbst bei der erfolgreichen Vernichtung eines Konkurrenten nicht allein dadurch schon Patriot. Hilfreich ist es, wenn der eigene Erfolg als epochal gelten kann. Dabei befördert den Ruhm, wenn man das Genie des Erfinders reklamiert.
Was aber, wenn all das fehlt. Vor mir sitzt ein verdienter Mann ohne Eigenschaften, der sein Wirken und natürlich sich selbst in den Geschichtsbüchern sehen möchte. Er hebt immer wieder zu Episoden an, die er mehr durchlebt denn gestaltet hat. Er habe Glück gehabt, sagt er, wenn das Schicksal ihn verschonte. Oft wurden die Geschicke ganz gut gewendet; zu wirklichen Niederlagen kam es nicht. Alles in allem hat man sich bemüht.
Wie mache ich daraus ein Heldenepos? Es wäre gut, wenn er die Leidenschaft von Artus in sich verspürte und ich als seine Gesellen Iwein, Galahad, Erec, Lancelot, Gawein oder Parzival einsetzen könnte. Ich baute ihm dann ein Schloss namens Camelot und ließe sie die Schale verwahren, in die die Schweißtropfen des Gekreuzigten gesammelt wurde, den Heiligen Gral. Stattdessen erzählt er mir von einer Maschine, die die Hannover Messe 1973 in Erstaunen versetzte; er habe noch den Artikel aus den VDI-Nachrichten. Heute gehört sein Laden Chinesen.
Man würde als Historienmaler, aber auch als Autobiograf, zum heroischen Zyniker, jedenfalls für Existentialismus anfällig, könnte man sich nur all die alltäglichen Vergeblichkeiten als Glück vorstellen. Aber da ist ja nichts, was aus dem Ozean der Belanglosigkeit wirklich herausragte. Ich kam, ich sah, ich versiegte.