Logbuch
NEUER WEIN IN ALTEN SCHLÄUCHEN.
Wo der Wein, der ja die Wahrheit ist, so alles drin ist. In der TIMES finde ich einen Tropfen zu günstigem Preis von Aldi empfohlen, in einer Plastikflasche. Ups. Die Gastronomie nutzt schon lange Plastikschläuche in Pappkartons, bei Jaques‘ Weindepot zu 5 und 10 Liter auch für den Hausgebrauch. Eigentlich stammt der Spruch mit den Schläuchen von Jesus; aber wer ist heute schon noch bibelfest.
Ich lausche dem Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung NZZ, der ein gutes Blatt macht, das sich rechts positioniert, im bürgerlich liberalen Sinne. Er ist kein Freund des linken Haltungsjournalismus mit Beamtenbezügen oder aus anonymen Stiftungsgeld und geißelt die blasierte Selbstgefälligkeit der Öffentlich-Rechtlichen; also jene Selbstlegitimation ideologisch gesteuerter Publizistik zur vorzüglichen Staatsmacht („Vierte Gewalt“). Welch eine Anmaßung.
Dann plaudert er aus dem Nähkästchen, wie seine Redaktion Informationen aus dem Internet prüfe; man habe drei, vier Spezialisten für OSINT. Alter Schwede! Das ist „open source intelligence“, ursprünglich die Nutzung öffentlich zugänglicher Quellen zu Zwecken der Nachrichtendienste. Beispielsweise werden so gefälschte Bilder von einer Kriegspartei enttarnt, erzählt er. Ich glaube, dass das geht, auch bei der relativ perfekten amerikanischen Propaganda; aber dazu später.
OSINT, das ist doch alter Wein in neuen Schläuchen. Die Historiker macht nichts anderes; Quellenstudium genannt. Der Kommunikationswissenschaftler macht nichts anderes. Wir reden in der Philosophie von KRITIK und in den Naturwissenschaften von STUDIE. Bei all diesen Anstrengungen gilt: Jede Quelle ist suspekt, aber jeder Informant wird gehört. Journalisten alter Schule sprechen von RECHERCHE. Tjo, aber OSINT, das hat was von James Bond.
Jetzt komme ich mit den Schläuchen und den Weinen durcheinander. Jedenfalls geht es im Journalismus, den die NZZ meint, um die Frage der WIRKLICHKEIT: Was war wirklich? Und zur Beantwortung dessen, sagt der NZZ-Redaktor, mische man in guter französischer Tradition kräftig Meldung und Kommentar. Ups, so geht also rechte Publizistik? Darf man das? Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Mein privates OSINT geht so: Ich habe es nicht so gern, wenn die Dinge zu gut passen. Das ist immer der Fall, wenn ein Ereignis in einem erkennbaren Interesse mit hoher symbolischer Bedeutung aufgeladen wird. CUI BONO: Wem nützt das? Ich glaube nicht an Zufälle; es gefällt mir nicht, wenn die Ideologie mich regelrecht anspringt. Denn Propaganda ist immer wahr, wenn man sie selbst fragt; das ist ihr Wesen.
Übrigens war das auch der Trick des Nazareners: Er hat mit missionarischem Eifer Gleichnisse erzählt. Ein fiktionales Ereignis sollte den Pharisäern Unrecht geben und bei seinen Jüngern alle Zweifel ausräumen. Und natürlich hatte er sich das nur ausgedacht, der Schlawiner. Im Wein liegt die Wahrheit. Nur das mit dem jungen Wein in den alten Schläuchen oder eben umgekehrt, das kapier ich immer noch nicht. Ich bleibe folglich bei Glasflaschen.
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GUTE MIENE.
Wir alle lernen, wenn unter Leuten, auf unseren Ausdruck zu achten. Die beherrschteren Zeitgenossen schaffen es gar, auch zu bösem Spiel eine gute Miene zu zeigen. Der Schauspieler hieß früher MIME, weil er sie gekonnt beherrschte, diese MIMIK. Das geht mir durch den Kopf, als ich im Essener Folkwang Museum alte Kameraden treffe.
Nun muss man mit dem Begriff der alten Kameraden vorsichtig sein, zumal in einem Gebäude, in dem der Geist von Berthold Beitz umgeht, der historisch der neue MIME für die alten Kameraden war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich treffe also zwei Kollegen aus alten Tagen, Pressesprecher der örtlichen Industrie.
Der eine, er dauert mich, ist der Adlatus eines Despoten, der am Ort in viel zu großen Schuhen läuft und eine Rolle gibt, die sie spöttisch „das Ruhrbarönchen“ nennen. Es macht offensichtlich nicht glücklich, für einen Parvenue arbeiten zu müssen. Einige seiner Gesichtsmuskeln verweigern immer wieder unwillkürlich den Dienst. Die Augen starr, immer angestrengt, eine Spannung um Nase und Stirn, kein Lächeln. Ach, ich fürchte, er ist kein glücklicher Mensch.
Das fällt mir auf, weil ich im Minutenkontrast dazu diese ehemalige Kollegin treffe, die von fast ausgelassener Fröhlichkeit ist, als wir die alten Zeiten erinnern. Sie weiß gar eine kleine Heldentat zu loben, die ich vor Jahren zu ihren Gunsten begangen haben soll. Wie nett. Mir fällt ein Zitat ein, das mir kürzlich entgegengehalten wurde, der letzte Satz aus Camus-Klassiker: „Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“
So ist es. Sisyphos ist glücklich. Dazu übe man MIMIK. Stirn nicht in Falten, Nase nicht gerümpft, dem Mund ein Lächeln erlaubt, die Augen leuchtend. Reinen Herzens Freude empfinden. Geht doch!
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SLOTERDIJK, TAGE UND ZEILEN.
Teilnahme an einem Trachtenabend in Oberbayern in Begleitung einer asiatischen Reisegruppe und Nachdenklichkeit über das Wesen des Deutschen. Die Burschen (sic) tanzen Schuhplattler und die Madeln (sic) drehen sich im Kreise, was vor den SCHENKELKLOPFENDEN die Röcke hochfliegend hebt und den Blick auf tadellos weiße Unnabuxen freigibt.
Der männliche Prahltanz soll dem Balzverhalten des Auerhahns abgeschaut sein, also archaisch; ich habe da Zweifel, weil der ganze Zinnober erst Ende des 19. Jahrhunderts aufkam und am Ende sogar eine Tiroler Mode war, sprich österreichisch. Von dem weiblichen Kleidungsstück namens Dirndl (Verkleinerungsform von Dirne) wissen wir, dass es jüdische Kleidungsfabrikanten im Westfälischen ersonnen haben. Ich war kürzlich in München bei Loden Frey und habe mich modisch auf den Stand gebracht.
Der weibliche Hals-Brust-Bereich, kurz und französisch Dekolleté genannt, wird wieder verhüllt; edelste Tüchlein kommen zur Anwendung. Die Dame bei Loden Frey verrät mir unter leichtem Erröten, dass die Wursttheken auch nicht mehr so voll seien wie ehedem, da auch die Röcke noch der großzügigeren Weite bedurften. Man achte bei den Holden auf seine Figur, was wohl auch milchwirtschaftliche Folgen hat.
Die Ausdifferenzierung von männlicher und weiblicher Kleidung beginnt bei Hofe im 14. Jahrhundert und hat zu zahlreichen Übertreibungen geführt. Einer Kurtisane des Sonnenkönigs wurde gar nachgesagt, sie zöge bei Bällen obenrum völlig blank. Dem Bürgermädchen war aber Zucht befohlen. Man trug den Schleier vor dem Busen, der zwar verhüllte, aber doch auch zeigte, eine Doppeleigenschaft, die schon der stets verhalten lüsterne Goethe lobte.
Zurück zu den Krachledernen. Die asiatischen Gäste sind begeistert über das biologisch ursprüngliche Wesen der ländlichen Kultur. Mir ist es ehrlich gesagt etwas peinlich. Sind wir so vordergründig? Mir fällt auf, dass sich vieles um Verführbarkeit und Verführung dreht. Kultur als Begattungspraktiken. Was einem Volk der Viehzüchter vielleicht noch nahe lag.
Auf dem Hotelzimmer, der notorischen Sauferei knapp entkommen, lese ich vom 77jährigen Philosophen Sloterdijk, dass er sein neues Tagebuch mit Gedanken über die Tragik der Kinderlosigkeit vermarktet; also dann doch lieber Schuhplattler.
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KEINE AMAZONEN BITTE.
Es werden bald wieder alle jungen Männer gemustert, um möglichst viele Söhne des Landes an die Waffen zu bringen. Ich rede hier wie die Jungfrau von der Kirmes, weil ich selbst den Kriegsdienst verweigert habe, was mein demokratisches Vaterland mir als Recht gewährte. Mein Herr Vater hatte mich damals dabei unterstützt; er selbst hielt es für puren Zufall, dass er nicht wie viele seines Jahrgangs als Kanonenfutter geendet sei.
Man mustert aber, trotz Zeitenwende, die Töchter des Landes nicht. Wie finde ich das denn? Ich habe dazu zwei Meinungen. Die erste ist: Eine eklatante Ungleichbehandlung. Das reißt immer mehr ein. Bei vielen Dingen, etwa der Berufung von Professoren, herrscht eine positive Diskriminierung von weiblichen Bewerbern bis an die Grenze der Rechtsbeugung. Und darüber hinaus. Wegen Gleichberechtigung wird auch dort bevorzugt, wo die Quote bereits erfüllt. Ich könnte dazu gerne Ross und Reiterin nennen. Ich tue es nicht, aber es gefällt mir trotzdem nicht.
Meine zweite Meinung ist: Die vorsätzliche Benachteiligung von Frauen ist ein anhaltender Skandal im Format eines Kulturbruchs. Man blickt hier wirklich noch immer in die Vorzeit der menschlichen Gesellschaft. Und der berechtigte Spott über muslimische Missstände sollte schweigen, solange ich in Rom keine Päpstin sehe; im jüdischen Matriarchat soll das besser sein, ich bin mir da aber nicht sicher. Fördert unsere Töchter! Sie sind vielleicht nicht der bessere Teil der Menschheit, aber ganz sicher auch nicht der schlechtere. Mein Ernst.
Zu den politischen Grotesken unserer Tage gehört, dass man erwägt, die männlichen Soldaten, die nunmehr ins Feld sollen, auszulosen. Losbude mit Teddybär? Das erscheint mir, dritte Meinung an diesem friedlichen Sonntagmorgen, zynisch. Man macht aus der Frage von Leben oder Tod als Staat keine Kirmes. Denn hier wäre ja die gezogene Niete ja der Hauptgewinn. Ein Glücksfall, wie ihn viele Ukrainische Männer genießen, die sich hierzulande mittels Bürgergeld drücken dürfen. Kein Vorwurf. Es ist nämlich niemals süß und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.