Logbuch
TUPAMAROS.
Man bewege sich in den großen Städten wie ein Indianer. Mittels Pfadfinder umgehe man jene Bezirke, in denen die Zivilisation ausgesetzt ist. So nutzen in bestimmten Stadtteilen bestimmte Milieus bestimmte Termine zu blanker Anarchie. Man will beweisen, dass man unregierbar ist.
Jetzt zu Silvester erlebt die FEUERWEHR, dass man sie in Formen des Guerillakrieges verwickelt. Man habe Einsatzfahrzeuge in Hinterhalte gelockt und zu plündern gesucht. KRANKENWAGEN kennen das schon, dass sie im Einsatz Sabotagehandlungen ausgesetzt sind. Gestern warf ein Delinquent einen Feuerlöscher auf einen NOTARZTWAGEN, der mit Patienten eine Klinik zu erreichen suchte.
Es betrifft also nicht nur die POLIZEI, die zu Neujahr mit Pyrotechnischem beschossen wurde. Die ANARCHIE hat Festcharakter und ist dafür gelegentlich an Anlässe gebunden und immer an Milieus. Weiter geht man nicht in der Benennung des Phänomens, weil man nicht der Fremdenfreundlichkeit bezichtigt werden will. Diese Verweigerung der DENOMINATION ist aber ein Teil des Problems.
Ich bin zu Silvester nicht auf geblieben, so wie ich zu Rosenmontag nicht nach Köln fahre oder auf‘s Oktoberfest gehe oder im Hafen von Palermo eine Rolex kaufe. Aber das ist fehlleitend. Wir haben ein Problem mit Milieus ORGANISIERTER KRIMINALITÄT und ihren anarchistischen Rändern. Das betrifft nicht meine afghanische Schneiderin, meine vietnamesische Blumenfrau oder Migration überhaupt. Das betrifft auch nicht Asylbewerber, die ich laut neuem Benimmbuch der Berliner Polizei so nicht mehr nennen soll.
Wo der Staat seine Beamten ermuntert, sein GEWALTMONOPOL aufzugeben, gibt er sich auf und macht ZIVILISATION zu einem sozialen Privileg. Wer ANARCHIE toleriert, schafft ein Brauchtum, in dem sich Kriminelle als Staat im Staat einrichten. Man zieht sich davor in „gated communities“ zurück. Das ist der falsche Weg, den auch ich gehe.
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GUTE VORSÄTZE.
Ins neue Jahr geht man mit Maximen der Besserung, den guten Vorsätzen. Vordergründige betreffen das Gewicht und sonstige Süchte, tiefere den Sinn des Lebens. Bis die Bereitschaft zur Läuterung erlischt.
Gestern gegen Mitternacht habe ich mich im Café Einstein in der Kurfürstenstraße zur Geisterstunde dieserhalben mit einigen Philosophen getroffen. Draußen tobte der Plebs mit Silvestertand, das Café ist ausgeräumt und steht zur Renovierung an, nachts spukt es in dem alten Gemäuer. Umberto Eco machte den Türsteher.
Fangen wir mit der guten Nachricht an: Harald Welzer und Richard David Precht kamen nicht rein; der eine Sozialpsychologe, der andere Germanist. Beide und zusammenwirkend Agenten der Verlanzung der Wissenschaft. Aber Peter Sloterdijk schaffte es. Ich hörte, wie er Eco sagte, er lebe jetzt in Berlin, was nicht so ganz stimmt; der Kerl lebt in Kleinmachnow, weil es für Dahlem nicht gereicht hat. Das ist Brandenburg.
Laut Sloterdijk kommt ASKESE von „üben“ und meint Training, in der Muckibude wie der Kathedrale. Das eint den Türsteher Eco mit dem Prahlhans Sloterdijk: Die haben einen beträchtlichen Lektürevorsprung, leiden aber unter Mitteilungsbedürfnis. Wortkarg wie immer Carl Schmitt, auf den Habermas näselnd einredet. Im Garten Friedrich Nietzsche, ein Pferd umarmend. Zornig Karl Marx an der Bar, weil der SPIEGEL ihn auf den Titel genommen hat.
Ich gehe zu Johann Friedrich Hartknoch dem Älteren, immer eine Freude. Er erzählt von einem Gymnasium, das seine Loge „Zum Schwert“ in Riga unterhalte, um die Waisen von der Straße zu holen und Latein büffeln zu lassen. Und schimpft auf Kant, den alten Hagestolz. Dann doch der gute Vorsatz: SAPERE AUDE. Wage es, klug zu sein.
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MÄRCHEN.
Uns verführen nicht die FAKTEN, sondern die FIKTIONEN. Wir wollen Geschichten erzählt bekommen, auch wenn die FIKTIV sind. „Tell me lies, sweet little lies!“
Der SPIEGEL muss gerade mal wieder eine Geschichte zurücknehmen, weil sie schlicht erfunden war. Da das Blatt da eine Tradition hat, spricht man vom Relotius-Effekt; so hieß der damit zuletzt aufgefallene Redakteur. Wie geht das, eine FIKTIVE Story als FAKTISCH ins Blatt zu heben? Easy.
Die Details, insbesondere die Namen müssen stimmen. Wir, die Fälscher, nennen das die ZDF-Regel. Was die sogenannte DOKUMENTATION im Verlagshaus prüfen kann, sind Zahlen, Daten, Fakten; mehr tut sie eh nicht. Du kannst behaupten, Bielefeld gebe es nicht, aber die Postleitzahl muss stimmen. Der Wahrheitsbedarf liegt also bei nachprüfbaren Einzelheiten. In der PR nennen wir das: „mit den Fakten lügen, nicht gegen sie“.
Wo es an Fakten fehlt, hilft der REPORTAGE-TRICK. Stelle einen Reporter in strömendem Regen irgendwo hin und lasse ihn durch eine „Schalte“ ins Studio stellen und so live einen vom Pferd erzählen. So machen sie das im Fernsehen. Im Print geht das auch. Eine Reportage ist ein gefälschter Bericht, der durch eindrucksvolle Erlebniserzählungen angereichert wird. Damit macht man die Lüge authentisch. Denn das ist das wichtigste, der Anschein des Authentischen.
Aber die Faktenhuberei und die Vor-Ort-Tricks sind nur Taschenspielertricks im Verhältnis zur Königsdisziplin der Fiktionalität. Akademisch heißt sie RESSENTIMENT-REFERENZ. Die (erlogene) Geschichte muss vor allem einer höheren Wahrheit entsprechen. So wie in der Bibel das, was Luther „Gleichnisse“ genannt hat. Wir müssen glauben (!) können, was uns da erzählt wird, weil wir es glauben (!) wollen.
Solange eine Story meine VORURTEILE bestätigt, darf sie als wahr gelten. So funktioniert insbesondere die Kriegsberichterstattung, für die gerade inflationär Journalistenpreise vergehen werden. Solange die Bösen sich in dem Märchen wieder als böse erweisen, kann schon mal die dichterische Freiheit greifen. Denn wenn man nicht an die Fakten glauben kann, müssen halt die Fakten dranglauben.
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DIE ABRISSBIRNE.
Für die Neue Welt empfand die alte lange Verachtung. Das klingt in mir nach, wenn ich in jenen TV-Sender gerate, in dem die Amis zeigen, wie sie Häuser bauen. Hütten. Es handelt sich um zusammen getackerte Sperrholzkisten. Bretterbuden mit Kochinsel. Es gibt Grade der Einfalt, die mich an allem zweifeln lassen. Die waren nicht auf dem Mond, die nicht.
Mir erschien New York immer belanglos. Oft musste ich hier hin, riss meine Termine ab und entfloh. Eigentlich weiß ich also gar nicht, wovon die Wochenzeitschrift THE NEW YORKER seit hundert Jahren schwärmt; aber sie gehört zu den fünf, sechs Blättern, die ich als Pflichtlektüre empfinde. Jetzt entsetzt sich der Aufmacher („The Talk of the Town“) darüber, dass in Washington der Ostflügel des Weißen Hauses einer Abrissbirne zum Opfer fällt, weil sich der amtierende Präsident einen geräumigen Ballsaal bauen will. Miss-Wahlen als Kernkultur. Das liberale Amerika empfindet den Abriss des Ostflügels als Schändung.
Sagt der NEW YORKER: „We are creatures of symbols, and our architecture tells us who we are.“ Wie wahr. Das Weiße Haus war immer zu klein und wohl auch zu piefig für die Weltmacht, der ansonsten keine Großkotzigkeit zu ordinär war. Ich erinnere noch die Ambition von Jackie Kennedy, hier etwas Mondänes einziehen zu lassen; Projekt Camelot. Und immer war klar, dass man hier nur vorübergehend hauste. Das ist der urdemokratische Charme. Gut so.
Wie hat Helmut Kohl, der Barocke, den supersachlichen Kanzlerbungalow in Bonn gehasst. Wie schrecklich hauste seine verlassene Gattin im abgedunkelten Betonklotz in Oggersheim. Ach, und dann der Exzess der Kleinbürgerlichkeit bei Helmut und Loki… Wir haben es in der Moderne verlernt, Paläste zu bauen und Denkmäler zu pflegen. Privat finde ich für mich ohnehin, dass man nicht das Recht zum Abriss hat; man renoviert, mehr nicht. Wir sollten lernen in den Schalen unserer Ahnen zu leben. Jede Scheune hat die Maße einer kleinen Kathedrale.
Aber Humor hat sie, die gelbe Abrissbirne im weißen Ballsaal. Als die Gattin von Amtsvorgänger Bill Clinton sich kritisch zum Abriss äußerte, antwortete er, er werde den neuen Flügel „Monica-Lewinsky-Saal“ nennen. Gegen diesen frechen Witz gewinnt nicht, was mal vornehm tat, aber eben auch nur billig war.