Logbuch
PETER MACHT DIE GRETA.
Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk macht sich Sorgen um die Ausrottung der Zivilisation, nur weil wir nicht zur Genügsamkeit befähigt sind. Er macht die Greta. Das ist bitter, weil banal.
Ich kenne den belesenen Mann, weil ich mal eine Talkshow im ZDF produziert habe, in der er Gastgeber war. Und ich lese ihn; immer bildungsbewusst, manches ist klug, vieles geschwätzig. Zu meiner Hochachtung gesellt sich das Mitleid mit einem Skribenten, den das Zeilenhonorar schon sehr lockt. Leider habe ich auch ein Werk des früheren Gatten seiner jetzigen Ehefrau gelesen; dann weiß man Sentimente, die hätten privat geblieben sein sollen.
Von der intellektuellen Klasse zwei drunter, ich meine Richard David Precht, kennen wir diesen Habitus des Weltgeistes, der auf den Strich geht. Auch da die Kombi von philosophischer Pose und Gefallsucht, genauer Tingeltangel. Precht hat mal, als er auf einer meiner Veranstaltungen moderieren sollte, für eine Tonprobe Schillers Glocke aufgesagt. Auswendig. Jüngst irrt er; verirrte er sich.
Was Peter Sloterdijk nun vorführt, ist nichts als eine calvinistische Geste. Eine alte Klamotte mit dem Charme einer Hafenhure. Dabei ist philosophisch, um ein Bloch-Wort zu zitieren, das häusliche Setzei mit Bratkartoffeln bis zur Unkenntlichkeit garniert.
Wenn Sie mich fragen: Ja, tut Buße. Schadet nie. Nein, es droht nicht das Jüngste Gericht. Die Natur hat einen anderen Zeitplan. Pflanzt Bäume!
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TELEFONITIS.
Als ich noch Bahn fuhr, weil die Bahn noch fuhr, habe ich mich oft über die Lauttelefonierer geärgert, die ein ganzes Abteil zum Opfer ihres Mitteilungsdranges machten. Jetzt, da sie mich auf mein Auto zurückgeworfen haben, nutze ich munter die Freisprechanlage; informiere mein Gegenüber aber darüber, ob ich allein bin. Und frag, ob es so in Ordnung sei.
Diskretion. Wir brauchen einen Comment des öffentlichen Telefonierens, dringend. Man macht ein Restaurant nicht zu seinem Büro. Punkt. Video-Calls sind der Kinderbetreuung vorzuhalten. Man spricht leise. Bitte auch die Schwerhörigen. Fasse Dich kurz.
Gerade ein Zwischenfall im Frühstücksrestaurant des Ritz Carlton (qualitativ recht gut, Bar am Vorabend dagegen eine Katastrophe). Zwei junge Spanierinnen verzichten auf Headset oder den diskreten Telefon-am-Ohr-Duktus, sondern filmen sich selbst, wie sie laut plaudern. Sie erzählen Freundinnen, wo sie gerade tolles sind. Nun ist Spanisch als solches schon unangenehm, eine Mischung aus Maschinengewehrgerattere und Lispeln, aber eine Oktave zu hoch und überengagiert, schlicht unerträglich. Ich trete mit einem Diener vor die Damen und rege höflich die Nutzung des Headsets an. Man ignoriert mich.
Da steht der Bodybuilder (im Jogginganzug beim Frühstück) vom anderen Tisch auf, baut sich vor den schnatternden Hühnern auf und wird unweigerlich mitgefilmt, während die Damen ihr Smartphone durch das Restaurant schwenken. Er sagt ihnen in ungehobeltem Vorstadtenglisch, dass er das iPhone an sich nehmen werde, wenn sie ihn noch mal ungefragt filmen. „And you won‘t get it back, bitch! Read my lips!“
Das geht natürlich gar nicht; schon gar nicht mit dem sexistischen Ton. Aber es hat was. So wie ich früher an Weiberfastnacht Schlips trug und Scheren einsammelte.
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NATIONALCHARAKTER.
Ich habe mal einer englischen Offiziersgattin auf einem Regimentsball in der Lüneburger Heide gestanden, dass ich „anglophil“ sei; das ging gründlich schief. Sie hat es für die akademische Umschreibung einer Perversion gehalten. Dabei wollte ich nur meiner Vorliebe für das kulturelle Ideal der Westminster Demokratie Ausdruck verleihen. Schon als Schüler schien mir die Heimat der Beatles und der Stones wünschenswert, als Student dann Oxbridge ein Sehnsuchtsort.
Wenn eines hoffentlich fernen Tages zu meiner Beerdigung ein Lied gespielt werden sollte, so hätte ich an „We‘ll meet again“ von Vera Lynn gedacht. Der BREXIT hat mir allerdings meinen Mythos von London als dem Herzen eines liberalen Europas zerstört; ein wenig steht meine englische Seele heute da, wie eine abgesetzte Kurtisane. Wer mich wieder für das Vereinigte Königreich gewinnen könnte, das ist KONSTANTIN KISIN, ein Meinungsjournalist edelster Art. Ein Held der freien Rede. Im Netz folgt ihm mittlerweile ein Millionenpublikum. Man kann nicht englischer sein.
Der Typ ist als Kind zugewandert. Ein Russe aus jüdischer Familie. In sauberstem lautreinen Englisch feiert er heute den WESTEN. Und beugt sich nicht dem woken Terror. Politisch schwer zuzuordnen, aber nur für Linke ein Rechter. Jedenfalls ein großes rhetorisches Talent. Biografisch ist klar, dass er seinen Nationalcharakter durch Bildung angenommen hat und nun spielt. Das gefällt mir sehr. Wir alle sollten die Freiheit haben, unseren Charakter frei zu wählen.
Und unsere Vorlieben. Die Offiziersgattin zeigte sich geneigt und verwies auf den „powder room“; eine Bedingung, man solle nicht ihre Frisur ruinieren. Alta, wie geht anglophil?
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WEHE DEN VERLIERERN.
Das Römische Reich, ehrfürchtig das ALTE ROM genannt, war nicht nur im positiven Sinne ein Imperium, sondern auch im bösen: es verhielt sich imperialistisch. Das bedeutete in Friedenszeiten, dass die unterworfenen Provinzen den Hegemon zu ernähren hatten. Das Brot für die Römer wie der Wein waren weitgereist. Steuern wurden überall eingetrieben. Roms Vasallen genossen den militärischen Schutz der Mutter, zahlten dafür aber auch den Preis.
Ganz hässlich ging es zu, wenn Rom militärisch durchregieren wollte. Man weiß von Cato dem Älteren, dass er die phönizische Hochkultur in Nordafrika regelrecht ausradiert wissen wollte. Jede seine Reden beendete mit dem Satz, dass er im übrigen der Meinung sei, dass Karthago vernichtet werden müsse. Geschleift bis nur noch Wüstensand zu sehen. Soll so gekommen sein.
Ähnliches ist von dem Gallier Brennus berichtet, der, von Rom unterworfen, Reparationszahlungen zu leisten hatte, Goldschätze, die öffentlich aufgewogen wurden. Man war als Sieger nicht bescheiden im Alten Rom. Der Besiegte bemängelte nun, dass die Gewichte der Waage gefälscht seien, mit denen sein Lösegeld aufgewogen wurde, und forderte Marktgerechtigkeit. Jetzt kam das Versailler Moment: Der römische Sieger schnallte sein schweres Schwert ab und warf es auch noch auf die Gewichte. Siegerlogik.
Es fiel der historische Satz: VAE VICTIS. Wehe den Besiegten. Mit dieser historischen Episode habe ich mich als Student oft wieder an die Arbeit getrieben, wenn die Kräfte nachließen. Der Satz klang in meinen Ohren, wenn berufliche Konkurrenten mir an die Wäsche wollten. Er beschreibt bis heute meine Erwartungen, wenn Friedensverträge zu schließen sind. Wohl gemerkt, nicht als Hoffnung, als tiefe Furcht. Vae victis. Die Versailler Unvernunft.