Logbuch

WALKING ON SUNSHINE.

Gestern soll der Mond für einen Moment die Sonne verdeckt haben, jedenfalls wenn man in México stand und in den Himmel starrte. Mich befremdet die allgemeine Begeisterung darüber, so als sei in China ein Sack Reis umgefallen.

Das muss ganz anders gewesen sein, als die Galileis mit der katholischen Macht darum kämpften, ob die Erde eine Scheibe sei. Das war eine Schlacht der empirischen Wissenschaft gegen die Inquisition. Auch eine philosophische Debatte, zu der der dreihundertjährige Immanuel Kant alles gesagt hat, was zu sagen ist. Ich interessiere mich nicht für das All, weil es meine Begriffe übersteigt.

Das gleiche Desinteresse bringe ich dem Raketenunternehmer Elon Musk gegenüber auf, der die Menschheit auf mehreren Gestirnen leben lassen will und so sein Aufrüstungsprogramm mit einem Pendelverkehr zum Mars begründet. Meine Skepsis zeigt sich schon in der Wortwahl; ich spreche von Aufrüstung. Den Verdacht werde ich seit Kennedys Mondlandung nicht los.

Aber Mythen kann er, der Erfinder des WLAN aus dem All, des autonomen Batterieautos und des ÖPNV zum Mars. Mythen kann er. Die von den kalifornischen Oligarchen allseits erzeugten Begeisterung fehlt hierzulande bitter. Vielleicht ist das das tragischste Ergebnis der Ampel, dass sie der grünen Begeisterung die Freude genommen hat. Und der roten Euphorie einer Neuen Mitte den Elan. Wie der gelben Liberalität jeden Schwung. Traurige Truppe.

Solange die AfD mehr Stimmen hat als die SPD. Oder als die Grünen. Und die FDP Angst vor der Fünfprozentklausel. Solang kann mich die interplanetare Sonnenfinsternis mal. Hier ist auch so dunkel genug.

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ERBFEINDSCHAFT.

Eine junge Studentin äußert sich zum Konflikt Israels mit der HAMAS und spricht von Unversöhnlichkeit; sie hat arabische Wurzeln und bezeichnet sich als Palästinenserin. Niemals werde man mit Juden zusammenleben können. Das junge Antlitz verzerrt sich. Von Todfeindschaft ist die Rede. Ich erschrecke und bin nachdenklich zugleich.

Unversöhnlichkeit über Generationen ist ein Kulturbruch, weil das ENDE VON POLITIK. Gleichzeitig weiß ich, dass mein Großvater väterlicherseits so über die Franzosen gedacht hat und sich zufrieden zeigte als Hitlers Flieger gen Paris flogen. Gegen den Erbfeind. Heute unvorstellbar. Ich streite nicht mit der Kommilitonin, weil eine Hochschule ein geschützter Raum ist, in dem man alles sagen darf. Ich weise sie nicht mal zurecht, was deutsche Staatsräson angeht; ein Fehler, finde ich nachträglich. Ich war zu erschreckt.

Eine Debatte um die Kriegsgründe hilft nicht, weil Kriegsgründe keine rationalen Einsichten, sprich Gründe sind. Sie sind immer ein Trivialmythos. Ich bin zudem dem mütterlichen Prinzip der Berta von Suttner verpflichtet, die ihre Kinder nicht zum Soldaten geboren haben will, damit sie die Kinder anderer Mütter töten. Trotzdem habe ich natürlich keine Äquidistanz zu den Kriegsparteien; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Politik heißt seine Einstellung ändern, um Kompromisse schließen können, ohne das Gefühl zu haben, seine Werte verraten zu haben. Der Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern ihr Ende. Jeder Krieg ein Kulturbruch, auch der gerechte.

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KLIENTELPOLITIK.

Ich bin Allopath. Das heißt, ich will, so krank, Mittel, deren Wirkung die Medizin „evidenzbasiert“ nachweisen kann. Schulmedizin, um das böse Wort zu sagen; kein Kräuter-Voodoo, keine Globuli.

Immer wieder ärgere ich mich über eine Apothekerin des Nachbardorfs, die mir bei Alltagsbeschwerden Mittelchen andrehen will, die der HOMÖOPATHIE zuzurechnen sind. Zur Vorsicht aufgerufen, sehe ich mir die Verpackung genauer an und weise das Mittelchen zurück, wenn es der obskuren Naturheilkunde entstammt. Gestern nun die Ansage, es handle sich hier um ein Mittel der ANTHROPOSOPHIE. Alter Schwede, jetzt auch noch Rudolf Steiner, der bourgeoise Waldorf-Spinner.

Die von mir künftig gemiedene Apothekerin verteidigt ihre Verkaufspraxis „over the counter“ damit, dass die homöopathischen Mittelchen zumindest nicht schaden. Das ist ernsthafter Grundsatz der Medizin und als solcher in Ordnung. Sie rühmt damit aber auch, dass ich mein Geld für Unsinn ausgegeben habe. Sie verweist aber auf Patientinnen, die auf die Voodoo-Pharmazie schwören. Der berühmte Placebo-Effekt: Heil durch Einbildung. Nun, man muss hoffen, dass diese Simulantinnen nichts Ernsthaftes haben.

Dies ist ein freies Land, jeder kann sein Geld verplempern, wie er will. Wenn der Aberglaube aber auf Kosten anderer finanziert wird, darf man genauer hinschauen. Das passiert, weil viele Krankenkassen wider besseres medizinisches Wissen den homöopathischen Unsinn erstatten. Aus Marketinggründen. Die Spinner kriegen ihre Mittelchen auf Kosten der Versichertengemeinschaft; wegen dem Placebo…

Jetzt wollte die SPD in der AMPEL den Unsinn beenden, ist aber auf den Widerstand der GRÜNEN gestoßen, in deren Wählerschaft viele auf die „Naturmedizin“ schwören. Dagegen habe ich eigentlich nichts; wer heilt, hat Recht. Mir ist lieber die Grünen schwören friedlich auf Globuli als militärisch auf Globalismus. Warum aber auf Kosten Dritter? Das ist der Kern grüner Politik: Heilsversprechen an die eigene Klientel mit bloßem Placebo-Effekt, aber auf Kosten der Allgemeinheit.

Das ist schon im Grundsatz politisch nicht mein Ding. Ich bin Allopath, auch in Fragen des Gemeinwesens. Solches hörte ich gern von meinem Vers.

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DIE BASIS.

Wenn man sich ein soziales Gebilde, eine Gruppe, einen Verein, eine Gesellschaft, gar eine Partei oder Fraktion, als Pyramide vorstellt, so gibt es die Spitze, an der die Führung thront, es gibt einen Mittelbau und ganz unten eine Basis. Das Fußvolk.

In Diktaturen muss man sich um diesen Plebs keine Gedanken machen; er gilt nichts, der Bodensatz. Drohen dann doch mal Aufstände, schickt man halt des Kaisers Soldaten. Oder den Flic, der den Gelben Westen was auf die Jacke haut. Jedenfalls kennen alle autoritären Organisationen den kalten Atem der Macht, der denen ins Gesicht bläst, die sich nicht in ihre Rolle als Unterklasse schicken wollen.

Demokratien tun sich da schwerer; sie sind zwar ebenso geschichtet wie die Vorgenannten, pflegen aber einen gewissen Euphemismus der sozialen Tiefe. Angeblich hat die Basis das Sagen, jedenfalls gelegentlich. So werden Wahlen veranstaltet und dazu Kandidaten erkoren, was wiederum Aussprachen erfordert und Meinungsbildungen ganz unterschiedlicher Qualität ermöglicht. Welch ein Pandämonium eine Partei sein kann, erahnt nur, wer in Ortsvereinen und Unterbezirken lauschen musste, was die Stimme des Volkes so verlautet, wenn nach dem zweiten Glas gefragt. In Bayern Bierzeltprosa genannt. In Berlin etwa verbitten sich einschlägige Clans auch so genannt zu werden.

Die Basis kann banal sein, aber eben auch böse. Deretwegen und darumhalber gibt es pragmatisch gesinnte Wesen aus dem unteren Mittelmanagement, die sich als Paten der Parteipolitik oder Fanbeauftragte oder Fraktionsvorsitzende um den Bauch des sozialen Körpers kümmern. Ein ganz eigener Typ Mensch, der Pate der Profanen. Damit der Kopf frei zum Denken, ist die Verdauung zu regeln. Strippenzieher. Es gehört zum Gewerbe dieser okkulten Einpeitscher, dass sie Hans und Franz kennen, aber immer hinter diesen versteckt bleiben.

Die Macht im Verein hat, wer die Nordkurve steuert; sagt mir ein Fußballfan, der vom Sponsor dafür bezahlt wird, dass es in der VIP-Lounge nicht ungemütlich wird. Tolle Soziologie! Wir könnten das alles an der historischen Hillsborough-Katastrophe in Sheffield erklären, die bis heute die Stimmung in Liverpool ausmacht. Oder an der Berliner SPD. Aber wir mischen uns hier nicht in Wahlkämpfe ein. Da entscheidet die Basis. Respektive deren Bärenführer. Was für eine bittere Botschaft.