Logbuch

STAATSDIENER.

Keine Kaste wie die Eunuchen am Hof des Kaisers von China. Keine „unelected officials“ wie die hochdotierten EU-Beamten. Nein, echte Diener des Staates. Loyal bis an die Grenze der Selbstverleugnung. Karger Lohn, dafür halt unkündbar. Residenzpflicht (arbeiten und leben, ohne zu murren, wohin sie der Staat entsendet). Motto: „Dienend verzehre ich mich.“ Akkurat bis ins Detail, gewissenhaft. Dem Gemeinwesen verpflichtet. Für all das kenne ich Beispiele. Wenige, sehr wenige. Und für das Gegenteil. Faule Säcke. In Bereichen, wo Bürger auf Schutz angewiesen sind. Oder Service, Dienstleistungsbereitschaft. Stattdessen: STAATSVERSAGEN. Bei vielen Schergen der niederen Ränge, wo gleichwohl alle Sessel Kissen haben, lautet die insgeheime Devise: Ausnutzen jedweden Tricks für den eigenen privaten Vorteil. Das Parasitäre als Charakterzug, gänzlich frei von schlechtem Gewissen. Denn diese Privilegierten des „Kollege-kommt-gleich“-Universums empfinden sich selbst als notorisch unterprivilegiert. Das Land schuldet ihnen was. Kennedy andersherum: „Frage nicht, was Du für das Land tun kannst; frage, was das Land für Dich tun kann.“ Das RECHT AUF FAULHEIT. Gefolgt vom RECHT AUF PFRÜNDE. Auch und gerade in diesen finsteren Zeiten. In Berlin dürfen Beamte jetzt eine weitere Überstunde privat verbraten, wenn sie da was für ihre Gesundheit tun. Freizeit auf Kosten der Steuerzahler. Gestern hat mir ein wirklich hochrangiger Politiker (alter Freund, wir reden Klartext, weil ich ihn nie namentlich zitieren würde) so ganz beiläufig dazu gesagt: „Also im öffentlichen Dienst, da macht sich nun wirklich niemand kaputt.“ Wir sprachen über solche Privilegien und die wirklichen Pandemie-Opfer. Ich so: „Ist das so?“ Und er so: „Weißt Du auch.“ Ich so: „War nur ein Witz.“ Er so: „Hör auf!“ Ich denke noch immer über seine Metapher nach. Manchmal hat der Sprachgebrauch ja so seine Tücken beziehungsweise Offenbarungen. Mein Freund, der Ministeriale, sagt: „Alle in der Verwaltung sehen zu, mit dem Arsch an die Wand zu kommen.“ Was meint das Bild?

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FULL FRIED.

Das Englische Frühstück. Im britischen Parlament fand gerade eine Debatte dazu statt, was ein gesundes Frühstück sei und ob Weizenkleie mit gebackenen Bohnen in Tomatensoße zu empfehlen sei. Der Abgeordnete Rees-Mogg, Konservative, hat dazu ausgeführt, dass er Heinz seine gebackenen Bohnen, so heißen die, schon immer ekelhaft fand und es ratsam fände, Weetabix mit warmer Milch und braunem Zucker anzurichten. Seine persönliche Präferenz läge allerdings bei der von der geliebten Kinderfrau selbstgemachten Orangenkonfitüre auf geröstetem Weißbrot. Wörtlich: „Nanny's homemade marmalade on toast.“ Das ist der Ton der englischen Oberklasse. So geht Bourgeoise. Das Kleinbürgertum nimmt Spiegeleier mit geröstetem Speck, gebratene Pilze mit Tomatenhälften, Sojawürstchen, heiße Blutwurst („black pudding“) und einen halben warmen Räucherfisch. Und erst dann den Konfitürentoast. Ach ja, und die zuckerhaltige Weizenkleie vorher, in kalter Milch. Beim Röstbrot weißen Toast oder solchen mit Körnung, „brown“ genannt. Dazu Tee mit Milch und Zucker. Nennt sich alles in allem „proper breakfast.“ Soll ja bis zum Lunch halten.

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WEIN AUS PLASTIKBECHERN.

Die Amis sind Kulturbanausen. Eh klar. Glaubt man. Ich habe an einer Verköstigung von „Rhinevine“ teilgenommen, wo es die warme Sürge mit Eiswürfeln aus Plastikbechern gab. An der Universität von Minneapolis Minnesota. Warmer Riesling geht gar nicht. Aber Vorsicht, werte Germanen. Ich habe mit Umberto Eco in seiner Mailänder Bibliothek einen sauteuren Roten aus Puglia getrunken, den er urplötzlich hinter Büchern herholte, und zwar aus Plastikbechern. Jetzt Ihr! Leicht angesäuselt spreche ich ihn darauf an; er rollt sich ab. In Deutschland seien die Gläser besser, schon klar, aber der Rote ein Dreck. Eco sagte, dass das Anlösen von angetrocknetem Spülmittel in muffigen Kristallgläsern ein barbarischer Akt sei. Er bestand auf der geschmacklichen Überlegenheit des Plastikbechers. Ich erleben das im Süden auch bei Familienfesten, ausgezeichnetes Essen, großer Tisch im Hof, Plastikgeschirr. Demnächst mehr zu seiner unmöglichen Bibliotheksleiter. Ecos, in Mailand. Also, Stil stelle ich mir anders vor.

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DIE BASIS.

Wenn man sich ein soziales Gebilde, eine Gruppe, einen Verein, eine Gesellschaft, gar eine Partei oder Fraktion, als Pyramide vorstellt, so gibt es die Spitze, an der die Führung thront, es gibt einen Mittelbau und ganz unten eine Basis. Das Fußvolk.

In Diktaturen muss man sich um diesen Plebs keine Gedanken machen; er gilt nichts, der Bodensatz. Drohen dann doch mal Aufstände, schickt man halt des Kaisers Soldaten. Oder den Flic, der den Gelben Westen was auf die Jacke haut. Jedenfalls kennen alle autoritären Organisationen den kalten Atem der Macht, der denen ins Gesicht bläst, die sich nicht in ihre Rolle als Unterklasse schicken wollen.

Demokratien tun sich da schwerer; sie sind zwar ebenso geschichtet wie die Vorgenannten, pflegen aber einen gewissen Euphemismus der sozialen Tiefe. Angeblich hat die Basis das Sagen, jedenfalls gelegentlich. So werden Wahlen veranstaltet und dazu Kandidaten erkoren, was wiederum Aussprachen erfordert und Meinungsbildungen ganz unterschiedlicher Qualität ermöglicht. Welch ein Pandämonium eine Partei sein kann, erahnt nur, wer in Ortsvereinen und Unterbezirken lauschen musste, was die Stimme des Volkes so verlautet, wenn nach dem zweiten Glas gefragt. In Bayern Bierzeltprosa genannt. In Berlin etwa verbitten sich einschlägige Clans auch so genannt zu werden.

Die Basis kann banal sein, aber eben auch böse. Deretwegen und darumhalber gibt es pragmatisch gesinnte Wesen aus dem unteren Mittelmanagement, die sich als Paten der Parteipolitik oder Fanbeauftragte oder Fraktionsvorsitzende um den Bauch des sozialen Körpers kümmern. Ein ganz eigener Typ Mensch, der Pate der Profanen. Damit der Kopf frei zum Denken, ist die Verdauung zu regeln. Strippenzieher. Es gehört zum Gewerbe dieser okkulten Einpeitscher, dass sie Hans und Franz kennen, aber immer hinter diesen versteckt bleiben.

Die Macht im Verein hat, wer die Nordkurve steuert; sagt mir ein Fußballfan, der vom Sponsor dafür bezahlt wird, dass es in der VIP-Lounge nicht ungemütlich wird. Tolle Soziologie! Wir könnten das alles an der historischen Hillsborough-Katastrophe in Sheffield erklären, die bis heute die Stimmung in Liverpool ausmacht. Oder an der Berliner SPD. Aber wir mischen uns hier nicht in Wahlkämpfe ein. Da entscheidet die Basis. Respektive deren Bärenführer. Was für eine bittere Botschaft.