Logbuch
NAKED SHORT SELLING.
Als der Dichter Bertolt Brecht Ende der Zwanziger Jahre zu verstehen suchte, wie an der amerikanischen Börse mit WEIZEN spekuliert wurde, hat er notiert, es verstanden zu haben und zugleich auch wieder nicht. Aber er war sich sicher, wie er schrieb, „in eine BÖSE SACHE geraten“ zu sein.
KOGNITIVE DISSONANZ. So geht es mir, seit ich zu kapieren suche, was SHORT SELLING ist. Ich verstehe es nicht wirklich. Es geht im besonderen um UNGEDECKTE LEERVERKÄUFE, die die Herrschaften „naked (!) short selling“ nennen. Das ist, nachdem, was ich bisher höre, die Spekulation auf einen Kursverlust eines Papiers, das man weder besitzt noch geliehen hat, und zwar durch eine gezielte Informationspolitik, die aber keine Marktmanipulation sei. Daraus werde ein erheblicher Gewinn realisiert. Das verstehe ich nicht wirklich; auch nicht, nachdem ich einen Freund danach gefragt habe, der ein anständiger Kerl ist und sich, im Unterschied zu manchem PR-Ethiker, wirklich auskennt.
Nein, ich möchte es auch nicht noch mal erklärt bekommen. Es hätte mir zudem zunächst gereicht, wenn ich für mich verstanden hätte, was GEDECKTE LEERVERKÄUFE sind, also solche, wo sich jemand das Papier, auf dessen Abstieg er wettet, wirklich geliehen hat, um es dann zunächst zu verkaufen und schließlich billiger zurückzukaufen, wenn er es zurückgeben muss, und so von dem Delta lebt. So weit, so gut. Da würde ich insbesondere gerne verstehen, warum das Aktienpaket von seinem Besitzer verliehen wird. Wer dabei wie profitiert und wer haftet, wenn das mal schief geht. KORREKTUR: Nein, auch das will ich nicht wissen. Ich steige aus dem Thema aus.
Man muss bei solchen ökonomischen Studien auf sein SEELENHEIL achten. Bei Brecht verfinsterte sich damals seine Weltsicht erheblich. Er brachte die Spekulation um Weizen kurzschlüssig mit dem Welthunger in Zusammenhang. So einfach sind die Dinge ja nicht. Man wird bösgläubig und kann zum POLITISCHEN IRRLÄUFER werden. Das sollte man sich ersparen.
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GEBRAUCHTWAGENHÄNDLER.
Er hatte schon immer einen schlechten Ruf, der Handel mit Autos aus zweiter oder dritter Hand. Es roch nach Betrug. Hinterhöfe mit Kampfhundekäfigen. Schmuddel-Image. Dabei ist er eine Schule des Lebens. Ich sehe bei einem Händler um die Ecke alle Autos, die er präsentiert, mit einem besondere Nummernschild. Das steht: Automatik oder Winterpaket oder Ohne km. Auch: TÜV frei oder AHK.
Respekt! Das ist eine Kunst, so auf den Punkt zu kommen. Im Marketing USP genannt, „unique selling proposition“, einmaliger Verkaufsvorteil. Sprichwörtlich: „In der Kürze liegt die Würze.“ Das Nummernschild will ein weiteres, aber schlagendes Argument liefern, um die müde Schüssel doch noch interessant zu machen. In der Politik wäre das ein Motto, ein Slogan. AMERICA FIRST war so etwas.
Wer das kommunikativ kann, hat große Chancen auf Erfolg. VERDICHTEN. Reduktion von Komplexität. Etwa bis in die Grußformel, die eine ganze Weltanschauung zum Ausdruck bringen soll: GRÜSS GOTT oder ROTFRONT oder, böses Beispiel, HEIL HITLER. Verdichten, also. Könnte man das für die Kandidaten der anstehenden Bundestagswahl? Auf ein Nummernschild schreiben, wofür sie stehen?
Der Gebrauchtwagenhandel verlagert sich gerade vom Hinterhof ins Internet. Auch das ist hochinteressant. Wie hier BEQUEMLICHKEIT zum Schlüsselargument gemacht wird, sogenannte CONVENIENCE. Oder die Serosität einer Versicherung auf den Schmuddelmarkt übertragen werden soll. Sogar GARANTIE oder ein Rückgaberecht werden versprochen. Dabei liegt die Logik der Internethändler immer im System, also geschickt genutzte Datenfülle gegen Nutzerignoranz. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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HEGEL FIRST.
Ich lese das HEGEL-Buch von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, das heißt, ich höre es als Hörbuch. Eine fleißige, nicht immer begnadete Arbeit, die brav vorgelesen wird. Ein chronologisches Konvolut. Monoton in Stoff wie Ton. Wenn man sich da so durch den deutschen Idealismus quälen muss, das braucht Geduld und Nerven. Nur ab und an findet der Autor aus dem Nacherzählen ins Erzählen. Wenn er auf HÖLDERLIN kommt, zum Beispiel. Aber das Buch war schon geschrieben, also muss er beim dem schwerfälligen HEGEL bleiben.
Ja, wann erzählt er, statt nur nachzuerzählen, das war die Frage. Zum Beispiel in dem Moment, wo er sich fragt, wenn er HEGEL mit einem Tier vergleichen müsste, welches er dann wählen würde. Wir sind beim jungen HEGEL, der sich noch schwer damit tut, dass sein Bildungsgang ihn zu einer Ausbildung als Pfarrer zwingt. Er will aber weder den Beruf, noch das Amt, noch den Glauben. Also quält er sich mit dem VERNUNFT-PRINZIP durch das Unvernünftige, auf der Suche nach einer „vernünftigen Volksreligion“. Ein Himmelfahrtskommando (pun intended).
Was nennt Kaube? Ein Murmeltier oder einen Wiederkäuer. Das ist gemein. Ja, HEGEL ist den harten Weg gegangen, aber er ist, Marx sei mein Zeuge, der ELEFANT oder der WAL oder der SEEADLER, aber eine metanverblasende Kuh?
Die Philosophen unserer Tage sind ohnehin Zwerge auf den Schultern von Riesen; davor steht MARX als Linkshegelianer auf denen von HEGEL; jedenfalls dem Heidelberger und Berliner Hegel. Aber vielleicht kommt das in meinem langweiligen Hörbuch ja noch. Ich hab noch einige Stunden zuzuhören.
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MÄNNER IN MASSANZÜGEN.
Aus meiner Erziehung ist zurückgeblieben, dass man sich Frauen gegenüber ritterlich verhält; das mag furchtbar altmodisch klingen, aber so hatte man das zu halten, wenn man jenen Ansprüchen auch nur halbwegs genügen wollte, die im Englischen für einen Gentleman gelten. Das vorweg zu all den alerten Klassenkämpfern von oben, die sich gerade aufbrezeln.
Jetzt zu der Institution des Maßanzuges. Als ich in der Mineralölwirtschaft war, galt man als ARALER eher als Proll aus dem Pott, während in Hamburg am Überseering die Edlen residierten. Ich mochte sehr meinen PR-Kollegen Johannsen von der SHELL, interessierte mich aber mehr für den von ESSO. Der trug englische Maßanzüge, weil er in seiner Londoner Zeit bei EXXON solche Geräte aus der Saville Row bekam. Hatte er im Vertrag, jedes Jahr einen, Kosten etwa zwei Monatsgehälter. Natürlich ließ er sich das nicht auszahlen, sondern ging zum Schneider in der Jermyn Street. Sein Wirken in der PR war auch so, er gab den Herrn.
Man kann, wenn knapper bei Kasse, auch JOE‘S FASHION in Kowloon, Hong Kong, aufsuchen; dort wirken aus Indien stammende Schneider wahre Wunder. Insbesondere bei krummen Beinen oder unschicklichen Bäuchen. Bezahlbarer Spaß. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mir hat als junger Mann imponiert, dass Berthold Beitz erzählte, er habe sich von seinem ersten selbstverdienten Geld einen anständigen Dreiteiligen gekauft. Und mir anschließend geraten hat, in Flanell zu gehen.
Der Dreiteilige als Nadelstreifen sieht leicht nach Mafia aus; ich sage das, obwohl ich in so einem Stück geheiratet habe (unter uns: bei C&A erworben, cheap and awfull). Man trug aber, wenn man auf Vorstandsetagen nicht auffallen wollte, als frischer Assistent den Einreiher in dunkelgrauem Flanell. Weißes Hemd, unauffällige Krawatte, Schuhe aus schwarzem Pferdeleder. Im Kapuzenpulli und Turnschuhen wärst Du nicht mal an der Sicherheit vorbeigekommen.
Jetzt tragen die Leitenden Angestellten aus der Personalabteilung viel zu enge Anzügelchen mit knapp geschlossenem Knopf (Schmetterling) und pöbeln auch bei Damen; peinlich. Da, wo ich groß geworden bin, behandelten sich Bergwerksdirektoren wie Knappen mit Respekt; wenn es hakte, half die Gewerkschaft schon mal nach. Ich erinnere mich noch gut an deren Vorsitzenden Adolf Schmidt. Mein geschätzter Arbeitsdirektor war Fritz Ziegler, in der SPD eine große Nummer. Sozialpartnerschaft hieß die Klassengesellschaft damals. Derivate der Montanmitbestimmung halt.
Jetzt aber zurück zu der Schneiderei. Ich habe einen Tipp. Man kaufe Anzüge ruhig von der Stange, bester Stoff, und zwar eine deutliche Nummer zu groß. Dann gehe man damit zu der freundlichen türkischen Änderungsschneiderin im eigenen Kiez und lasse sich das Ding kleiner machen. Körpergerecht versteht sich. Da ist er dann, der Maßanzug für vernünftiges Geld.
Ach so, und peinliche Kränkungen weiblicher Mandatsträger überlasse man den Schnöseln. Eh klar, oder?