Logbuch

ENTENFUSSBAUM.

Respekt zollen: eine wichtige Tugend für Untergebene. Der Entenfussbaum in meinem Garten hat damit seine Probleme. Eine Warnung.

Wenn ich richtig zähle, sind es sieben, vielleicht auch neun Entenfussbäume, die ich im Laufe der Jahre gepflanzt habe. Deren grünen Blätter färben sich im Herbst in ein lichtes Gelb. Der größte von ihnen, inzwischen vielleicht sechs Meter, hat heute nächtens alle seine Blätter abgeworfen. Noch in schwindende Dunkelheit gehüllt, aber ich sehe schon, ein goldgelber Laub-Teppich umgibt ihn.

Diese, einst aus Japan importieren Bäume, oft in den Tempeln Asiens zu finden, gelten als geheimnisvoll; sie raunen nächtens MEMENTO MORI. Das ist Latein und eine Frechheit. Der Kerl sagt zu seinem Gärtner: „Bedenke, dass Du sterben wirst!“ Seine Gattung, die der Entenfüssigen, ist in fossilen Funden über 200 Millionen Jahre nachgewiesen; sie hat das Aussterben der Dinosaurier überlebt. Ein einzelnes Exemplar in Hiroshima gar die Atombombe. Der Kerl in meinem Garten hat eine große Fresse, weil er glaubt, mich ganz sicher zu überleben.

Er sollte sich mal meine neue schwedische Motorsäge ansehen, der Hund! Es ist noch nicht raus, wer hier Herr im Garten ist! Der Pinsel bildet sich was ein, weil Goethe ein Gedicht über ihn verfasst hat; eher eine Peinlichkeit. Denn darin beschreibt der pompöse ältere Herr aus Weimar (Thüringen) seine Alters-Affektion gegenüber einer adeligen Frau von Soundso mit Entenfüssen. „Fühlst Du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin?“ Wg. Entenfüsse. Wie pervers ist das denn?

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KAMERADEN.

Rechtsanwälte haben sie. Die Mafia hat sie auch. Ärzte reden sich so an. Die KOLLEGIALITÄT, ein verhalten freundschaftlicher Umgang innerhalb der eigenen Gruppe. Früher hieß das KAMERADSCHAFT.

In einer Einladung der Awo (Arbeiterwohlfahrt) zu einer kleinen Rede lese ich einen Begriff, den ich hier gar nicht vermutet hätte. Eine Gründungsmutter dieser karitativen Organisation sprach dereinst vom Ideal der KAMERADSCHAFTLICHKEIT. Jetzt müssen alle Neoliberalen ganz stark sein: das ist sozialistisches Gedankengut von vor hundert Jahren. Es geht um das, was die Franzosen BRÜDERLICHKEIT genannt haben. Ein komischer Begriff, so als sei das Familienleben immer und überall freundschaftlich. Ich kenne mehr feindliche als einander zugewandte Brüder. Und was ist mit den Schwestern?

Das Wort vom Kameraden entstammt der Militärsprache. Und so zweischneidig ist es. „Die Kameradschaft ist dem Soldaten befohlen“, heißt es bis heute. Das mag KOLLEGIALITÄT unter den Uniformierten meinen. Kann aber eben auch eine KONFORMITÄT meinen, die das eigene Gewissen hintanstellt. Als solche gilt sie dann auch in paramilitärischen Gemeinschaften bis hin zur ORGANISIERTEN KRIMINALITÄT. Warum die vermeintlichen Soziokulturen der Mafias bei uns Folklore sind, wissen ohnehin nur die Götter und Petra Reski.

Ursprünglich war Camera das Wort für eine STUBE, eine beheizte Schlafgelegenheit, dann für die Gemeinschaft der dort zwangsweise Zusammenschlafenden, so wird es zu einer SEKUNDÄRTUGEND der „Gezogenen“ oder Verschworenen, einer horizontalen Bindung. Von oben nach unten, sprich vertikal, gilt das Gebot des GEHORSAMS, untereinander, sprich horizontal, das der Kameradschaft. So organisiert sich in militärischen Gemeinschaft die Entantwortung des Einzelnen, die das Töten des Feindes erleichtert. Heute tauscht der Begriff im rechtsradikalen Jargon wieder auf; es sei gewarnt.

Was mich jetzt aber fasziniert: Dies war vor hundert Jahren auch ein Leitbegriff der ARBEITERBEWEGUNG und anderer Reforminitiativen. Ich lese von der KAMERADSCHAFTSEHE als einem Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter, sprich der Emanzipation der Frau. So ist es dann wohl auch in das Selbstverständnis der „Arbeiterwohlfahrt“ eingegangen. Es meint dann da SOLIDARITÄT und einen fürsorglichen Umgang mit denen, denen es nicht schon an der Wiege gesungen wurde. Die Entdeckung der Solidargemeinschaft.

Wie vieles andere auch, die NAZIS haben dies missbraucht und in das totalitäre Konzept der VOLKSGEMEINSCHAFT überführt, eine rassistische Konstruktion, die dann auch den Völkermord rechtfertigen sollte. Zu bitter, um zu kleiner Münze gemacht zu werden, aber eben auch nicht zu vergessen. Endpunkt der Kollektivierung des Individuums. Detail aus dieser antibürgerlichen Vervolksgemeinschaftung: Das SIE wurde als Anrede verpönt und sollte durch ein allgemeines DU ersetzt werden, berichten von den Nazis zwangsbeschulte Zeitzeugen.

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MUTTER DER PORZELLANKISTE.

Sehe mir in einer 300 Jahre alten Bibliothek im Hessischen Handschriften an, die dort schon gut zweihundert Jahre liegen. Genauer gesagt: Die Fachleute klauben die alten Briefe aus Folianten und behandeln sie wie rohe Eier. Vorsichtig werfe ich einen scheuen Blick darauf, berühre aber nichts. Briefe eines kranken Dichters an seine Mutter.

Was mir auffällt: Niemand von den Archivaren trägt weiße Handschuhe. Man hält die Kostbarkeiten mit bloßen Händen. Ich frage. Das mit den weißen Handschuhen mache man nur, wenn das Fernsehen komme. Gründliches Händewaschen sei wichtig, aber eben auch, dass man sein Fingerspitzengefühl erhalte. Die weißen Handschuhe schadeten mehr als sie nützten; sie seien ein Laienschnack.

Ähnliches gilt für die Spitzengastronomie, wo natürlich mit bloßen Händen gearbeitet wird. Außer das Fernsehen schaut zu. Die Nation vor der Glotze will Handschuhe sehen; neuerdings sind sie schwarz, die Schützlinge. Hygienisch kein Vorteil, wenn sie eine ganze Schicht durchgetragen werden. Aber der Laie will nichts essen, wo schon jemand mit den Fingern dran war.

Eine ähnliche Diskussion kenne ich von Chirurgen, aber das würde jetzt doch zu sehr beunruhigen, wenn man das ausbreiten würde. Vielleicht wollten mich die Herren an den Skalpells auch nur auf den Arm nehmen. Gerade Fachleute neigen gegenüber Laien zu schwarzem Humor. Mit Gummi ist mir trotzdem lieber.

Warum allerdings der Heckwischer meines Autos in der Waschanlage so einen albernen Gummischutz erhält, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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EINEN SCHNAPS DRAUF.

Mein geschätzter Großvater mütterlicherseits nutzte gelegentlich diese Redewendung und erstaunte so seinen Enkel, der seinen Erzählungen lauschte. Er formulierte als Lob, dass dieser oder jener einen Schnaps oben drauf habe, sprich nicht minderbemittelt sei. Eine Metapher der Wertschätzung.

Das fällt mir wieder ein, als ich GREGOR GYSI lausche. Eine fabelhafte ostdeutsche Versicherung hatte den politischen Mut, ihn zwecks Festvortrag einzuladen, und ich sehe an vielen Gesichtern im Publikum, dass die Menschen hier im Saal ihn mögen. Man verzeiht ihm auch populistische Untiefen und würdigt eine deutsch-deutsche Figur von Gewicht, jedenfalls mit Witz. Ich will gar nicht wissen, was er als Rechtsanwalt und Notar in der DDR so getrieben hat. Man freut sich, jemanden zu hören, der nicht ganz so doof ist. Einen Schnaps oben drauf.

GYSI erwähnt in einem Nebensatz, dass er eine besondere Beziehung zu LAMMERT gehabt habe. Er meinte den langjährigen Bundestagspräsident NORBERT LAMMERT, ein CDU-Politiker seines Alters, den ich schon als Kommilitonen an der Ruhr Universität Bochum kennengelernt habe. Der rechte Nobby trat damals an der Abteilung 8 (die Soziologenbrut) als RCDS-Mann auf (die Schwatten), wozu in dem Umfeld einiger sozialer Mut gehörte. Im Unterschied zu der amtierenden Weinkönigin war er aber nicht doof. Einen Schnaps, Sie wissen schon.

In die gleiche Kiste gehört übrigens WOLFGANG KUBICKI, etwas jünger als die Vorgenannten, Rechtsanwalt mit eigenartigen Mandaten wie GYSI und ein Parlamentshocker wie LAMMERT. Aber nicht doof. Jetzt haben wir einen gelernten Kommunisten, einen Schwarzen aus dem Pott und einen schneidend Liberalen (übrigens aus Braunschweig) genannt, alles ALTE WEISSE MÄNNER, alles keine moralischen Vorbilder, jedenfalls mit dem grünen Zeitgeist nicht so recht kompatibel.

Gehen wir nun zu den ganz Alkoholfreien über? Ach. GYSI erwähnt bei seinem Auftritt zurecht, dass man selbst bei der LINKEN einen riesigen Influx von jungen Leuten habe. Er sei bald der einzige Linke, der schon in der SED dabei war. Es kommen neue Generationen. Und Bubble Tea oder Smoothie Bowls. Keine Pointe.