Logbuch

Seuchen haben schon immer den Aberglauben der Dummen und den der Irren beflügelt. Bis hin zu Pogromen. Dass man heute wissen kann, wo Pest & Cholera herkommen, hindert die Massenpsychotiker nicht daran, ihrem Wahn zu frönen. Im Übrigen ist das neue Wissen so überbordend nicht; man sieht es daran, dass die Gegenwehr sich seit vier oder fünf Jahrhunderten nicht wesentlich verändert hat. Jedenfalls solange ein Impfstoff fehlt. Die 40 Tage der Quarantäne haben die venezianischen Dogen durchgesetzt. Sie wollten Seide und Pfeffer aus fernen Ländern, aber nicht die begleitenden Viren. Also auf Reede mit dem Chinafahrer.

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Heute Abend Trauerfeier für den Publizistik-Prof KLAUS MERTEN aus Münster. Seine Söhne haben zu Ehren des Kreta-Fans zum Griechen eingeladen. Das hätte ihm sehr gefallen. „Ein Kreter sagt, alle Kreter irren.“ Ha! KM war ein streitbarer Geist und treuer Freund. Er wird jetzt gerade auf den steilen Eselspfaden des himmlischen Kreta bergsteigend den Schweiß der Edlen vergießen. Und grübelnd mit einem Idioten auf dem Olymp zürnen, gegen den er eine Philippika ersinnt, die sich gewaschen hat. Ein wunderbarer Mann, ein intellektueller Titan. Ich stehe in seiner Schuld.

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Ein Wirtschaftsjournalist, wegen seiner schlechten Manieren verständlicherweise unbeliebt, schreibt heute darüber, dass die Katholische Kirche ihre Pensionsrückstellungen in einem Fonds auch durch Investitionen bei Private Equity zu erhalten suche. Das Erzbistum Köln sei dagegen. Das mag sein. Und? Zeigt, wie kurz man springen kann. Also der Talmud, das Alte Testament und der Koran kennen das Zinsverbot. Gemeint war aber immer Wucher gegenüber Notleidenden. Das sollte nicht sein. Mit dem Zinsverbot ist über Jahrhunderte viel Politik gemacht worden. Erst der ruppige Luther hat prinzipiell Zins und Wucher zusammengezogen, um sie dann als Begriffe gleich zu setzen. Dann hatte er, der Eiferer, Futter für seinen massiven Antisemitismus. Was ist der Archetyp hinter allem? Ein pragmatisches Paradox. Die Geldwechsler waren beliebt, wenn es um eine ersehnte Kreditvergabe ging, unbeliebt bei deren anschließendem Zinsverlangen und Tilgungsbegehren. Das ist der allzu menschliche Grund aller Mythen um das Wuchern.

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EINEN SCHNAPS DRAUF.

Mein geschätzter Großvater mütterlicherseits nutzte gelegentlich diese Redewendung und erstaunte so seinen Enkel, der seinen Erzählungen lauschte. Er formulierte als Lob, dass dieser oder jener einen Schnaps oben drauf habe, sprich nicht minderbemittelt sei. Eine Metapher der Wertschätzung.

Das fällt mir wieder ein, als ich GREGOR GYSI lausche. Eine fabelhafte ostdeutsche Versicherung hatte den politischen Mut, ihn zwecks Festvortrag einzuladen, und ich sehe an vielen Gesichtern im Publikum, dass die Menschen hier im Saal ihn mögen. Man verzeiht ihm auch populistische Untiefen und würdigt eine deutsch-deutsche Figur von Gewicht, jedenfalls mit Witz. Ich will gar nicht wissen, was er als Rechtsanwalt und Notar in der DDR so getrieben hat. Man freut sich, jemanden zu hören, der nicht ganz so doof ist. Einen Schnaps oben drauf.

GYSI erwähnt in einem Nebensatz, dass er eine besondere Beziehung zu LAMMERT gehabt habe. Er meinte den langjährigen Bundestagspräsident NORBERT LAMMERT, ein CDU-Politiker seines Alters, den ich schon als Kommilitonen an der Ruhr Universität Bochum kennengelernt habe. Der rechte Nobby trat damals an der Abteilung 8 (die Soziologenbrut) als RCDS-Mann auf (die Schwatten), wozu in dem Umfeld einiger sozialer Mut gehörte. Im Unterschied zu der amtierenden Weinkönigin war er aber nicht doof. Einen Schnaps, Sie wissen schon.

In die gleiche Kiste gehört übrigens WOLFGANG KUBICKI, etwas jünger als die Vorgenannten, Rechtsanwalt mit eigenartigen Mandaten wie GYSI und ein Parlamentshocker wie LAMMERT. Aber nicht doof. Jetzt haben wir einen gelernten Kommunisten, einen Schwarzen aus dem Pott und einen schneidend Liberalen (übrigens aus Braunschweig) genannt, alles ALTE WEISSE MÄNNER, alles keine moralischen Vorbilder, jedenfalls mit dem grünen Zeitgeist nicht so recht kompatibel.

Gehen wir nun zu den ganz Alkoholfreien über? Ach. GYSI erwähnt bei seinem Auftritt zurecht, dass man selbst bei der LINKEN einen riesigen Influx von jungen Leuten habe. Er sei bald der einzige Linke, der schon in der SED dabei war. Es kommen neue Generationen. Und Bubble Tea oder Smoothie Bowls. Keine Pointe.