Logbuch
NEUES VOM BUNTSTIFT.
Als ich noch den Spitznamen DER BUNDSTIFT trug, weil ich für einen CEO namens Karlheinz Bund die Reden schrieb, durfte ich ihn auf eine Tagung der Wirtschaftsvereinigung Bergbau nach Bad Reichenhall begleiten, die dort in Damenbegleitung gleichzeitig zu den Salzburger Festspielen stattfand, also in unmittelbarer Nachbarschaft.
Damenbegleitung war ein spesentechnischer Terminus, eine protokollarische Anordnung, die eigenen Ehefrauen ins Gepäck zunehmen, damit man so aus dienstlichen Gründen als Paar die Festspiele besuchen konnte. Ich habe heute, durch die Salzmetropole Reichhall schlendernd, den Verdacht, dass der dienstliche Grund damals insgesamt vorgetäuscht war. Ein Alibi vor den Toren der Festspiele der Ösis.
Jedenfalls habe ich damals zum ersten Mal eine Weinkarte gesehen, die Flaschenpreise von 600 DM auswies; ich war erschüttert, beziehungsweise in der Bourgeoisie angekommen. Selbst wenn man für Restaurantweine einen Faktor von drei annimmt, ein Mörderpreis für jemanden aus kleinen Verhältnissen.
Was damals DM war, ist heute Euro. Das Restaurant bayrischen Zuschnitts in Bad Reichenhall bietet mir, da ich erwähne das Elsass zu lieben, eine Flasche Clos St. Hune für 600 € an. Ich habe dann ein Helles und einen Obstler genommen. Plane aber nun einen Aufsatz über Wertdifferenz bei Weinen. Selbst ein kleiner Laden wie ALBERT MANN in Wettolsheim hat einen Abgabepreis ex Winzer von 25 bis 50 € je Flasche, beim Pinot Noir auch gern mal 100. Im Aldi gelingt es Dir nicht, mehr als 5 € pro Pulle auszugeben.
Und wir reden bisher nur über Arbeit im Weinberg, seit biblischen Zeiten das Paradigma für ehrliche Arbeit. Bei Börsengeschäften dürfte ein Faktor hundert in der Wertsteigerung nicht mal ungewöhnlich sein. Wahrlich, ich entrinne ihnen nicht, den kleinen Verhältnissen.
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NATIONALHYMNE.
Wenn ein Staat stolz auf sich selbst ist, dann denkt er sich ein stolzes Lied aus, dem er eine hoheitliche Geltung zubilligt. Das ist dann sowas wie die Nationalflagge in Musik. Diesen Gesslerhut gilt es fürderhin zu grüßen.
Wenn die Geschichte eines Landes Anlass zu Selbstzweifel gibt, so bezieht das natürlich auch den Wortlaut der Hymne ein. Wir Deutsche haben ein schönes Stück aus der Zeit, als es die deutsche Nation nur als Sehnsucht und noch nicht als Wirklichkeit gab. Es stammt von einem Herrn Hoffmann aus Wolfsburg. Guter Mann!
Dessen Widerwillen gegen feudale Kleinstaaterei kann man aber auch faschistisch lesen. Dann wird aus „Deutschland über alles in der Welt“ der Appell zu rassistischer Überlegenheit. So ein anderer Herr, der Wolfsburg gründete, namens Hitler. Furchtbarer Mann. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich finde die Verwirrungen zwischen der ersten und der dritten Strophe des DEUTSCHLANDLIEDES eigentlich heilsam. Lass uns die Strophen des Wolfsburger Lieds vergessen und einen neuen Text dichten, der sagt, wer wir sind, was uns ausmacht und wohin wir wollen. Wir als Deutsche! Ja, alle! Nicht nur die alten Kameraden. Ja, auch die Zuwanderer und die randständigen Bauerndeppen im Süden und in Sachsen. Was ist das deutsche Wesen?
Wir könnten es mit einem Gründungsmythos probieren. Dabei sind nur Schufte bescheiden. Ich zitiere die Piratennation, Mutter unserer Demokratie, die Engländer:
„Als Britannien erstmals, auf Geheiß des Himmels,
aus der blauen See entstieg,
war dies die Gründung des Landes,
und Schutzengel sangen diese Melodie:
|:Herrsche, Britannia! Britannia beherrsche die Wellen;
Briten werden niemals Sklaven sein.:I
Die Nationen, die nicht so gesegnet sind wie du,
werden mit der Zeit Tyrannen anheimfallen;
während du blühen sollst groß und frei,
zu ihrer aller Schrecken und Neid.
|:Refrain:|
Noch majestätischer sollst du aufsteigen,
noch schrecklicher durch jeden fremden Schlag;
weil das laute Krachen, das die Himmel zerreißt,
nur dazu führt, deine eingeborene Eiche zu verwurzeln.
|:Refrain:|
Dich sollen hochmütige Tyrannen niemals zähmen;
alle ihre Versuche dich niederzubeugen,
werden nur deine edelmütige Flamme anfachen,
und nur für deren Leid und deinen Ruhm sorgen.
|:Refrain:|
Dir gehört die Herrschaft über das Land,
Deine Städte sollen im Glanze des Handels strahlen;
Ganz dein soll sein das Meer als Untertan,
und jedes Gestade dein, das es umschließt.
|:Refrain:|
Die Musen, noch mit Freiheit zu finden,
sollen zu deiner glücklichen Küste zurückkehren;
Gesegnetes Eiland! Mit einzigartiger Schönheit gekrönt,
und mit mannhaften Herzen, die Schöne zu schützen.“
Dazu haben wir Deutsche nicht die Kraft, fürchte ich. Wir sind keine kühnen Piraten, sondern einfach nur über die eigenen Füße auf die Fresse gefallen. Wir sind Olaf. Also nehmen wir doch von Drafi Deutscher (sic) lieber „Marmor, Stein und Eisen bricht…“? Da kann ich wenigstens den Text.
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GUTE BUTTER.
Wir erhalten immer mehr LEBENSMITTEL, die den Schein wahren, aber die Substanz mindern. Magerstufen aus Prinzip, JUNK FOOD, das ist, was sie bei den Nahrungskonzernen entwickeln. Ein Betrug ganz eigener Art.
Mein Verdacht entstand, als die Butter verschwand. In den Regalen nur noch ölhaltige Aufstrichware, selbst bei den Iren, die ich nun wirklich für bodenständig gehalten hatte. Aber man hätte schon bei dem Sixpack Guinness aufmerken sollen. Die Halbliterdose enthält bei näherem Hinsehen nur noch 0,44 Liter; stattdessen ein alberner Plastikwirbel in der Büchse. Bei fester Nahrung aus industrieller Fertigung wird nicht nur in der Menge gefummelt, sondern auch in der Qualität; es gilt zunehmend ein Unreinheitsgebot.
Das ist schon immer eine Domäne der Täuschung gewesen, die Vermarktung von billiger Margarine. Sanella klingt wie Sahne, Botteram wie Butterrahm. Rama wie Rahm. Milsani wie Milch und Sahne. Vortäuschung falscher Tatsachen. Der Euphemismus, der das Panschen tarnen soll, lautet „streichzart“. GUTE BUTTER hat man uns genommen. Der Unsinn begann in den USA mit vorgetäuschter Gesundheitsfürsorge.
Die Logik ist klar: das industriell erzeugte Lebensmittel soll zwar noch an die ursprüngliche Speise erinnern, aber aus wesentlich billigerem Material erzeugt und deutlich länger haltbar sein. Wir erhalten vermehrt nur noch Nahrungsersatzstoffe. Der Bio-Trend fügt sich in diese Alchemie der Verbrauchertäuschung wunderbar ein.
Mir fällt auf, dass selbst bei Knäckebrot der Weizen weicht und durch Roggen ersetzt wird. Und das liegt nicht am Krieg in der Ukraine, wetten?
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ZUR PRAXIS DER GALAXIS.
Ich habe keine Lust, am beliebten Bärbel-Bashing teilzunehmen. Gemeint ist die Bundesarbeitsministerin Bas aus Walsum, wo sie ein Direktmandat als SPD-Kandidatin verteidigt; sie ist zugleich Vorsitzende der Partei. Hohe Ämter schützen aber nicht vor den Niederungen des politischen Geschäfts. Frau Bas wird notorisch missverstanden, worauf sie die Patzer zum Prinzip erklärt. Das ist nicht klug, weil kommunikativ eine Sackgasse.
Jüngst höre ich von ihrer Sorge um jene Empfänger staatlicher Leistungen, die eigentlich Sanktionen gewärtigen müssten, weil sie nicht auf Aufforderungen des Amtes reagieren, aber eben, so Bas, psychisch nicht in der Lage seien, Briefe zu öffnen, da sie Angst vor Behörden hätten. Diese sozialpolitische Fürsorge trifft in der Öffentlichkeit auf das, was man „gesunden Menschenverstand“ nennt, im Englischen „common sense“: Die Leute fassen sich an den Kopf. Insbesondere die, die jeden Morgen ihren Arsch aus dem Bett kriegen und zur Arbeit gehen. Früher Klientel der SPD.
Mir gefällt der Begriff des „gesunden“ Menschenverstandes nicht, weil er eine Krankheit suggeriert, die der habe, der anderer Meinung sei. Das ist aber normal. Die Stimme des Volkes irrt oft und übrigens auch gern. Die Bas‘sche Kommunikation verunglückt ja nicht deswegen. Die Frau fühlt sich verkannt, weil sie verkannt wird. Das ist ärgerlich, aber das Wesen von Politik.
In der Politik bist Du für das Maß Deiner Verkennbarkeit verantwortlich. Alles und jedes steht in der Gefahr der Verhetzung; darum drücken sich kluge Köpfe so aus, dass diese Gefahr gering. Das Merz‘sche Stadtbild war ein solcher Patzer, aber er erhebt ihn dann nicht auch noch zum Prinzip.
Das ist das eine, das andere ist das Gesetz von Ausnahme und Regel. Wer sich in das Moor der Ausnahmen locken lässt, versinkt darin und Moorleichen halten lang. Wer die Regel erklären will, möge von seinen Grundsätzen reden und im Vagen den freien Auslauf finden. Nicht ins Moor, auf die Milchstraße! Don‘t get lost in detail! Man studiere, wie große Politik mit beiden Beinen fest im Himmel steht. Und darin auf die Begeisterung des Publikums stößt. Zur Praxis der Galaxis.