Logbuch

GLAUBE.

Das grüne Denken hat etwas Unerschütterliches. Die Wirklichkeit kann ihm wenig anhaben. Insofern ist es eine Religion, die ihre Jünger gegen jede Plausibilität trotzdem beseelt. Sektenlogik.

Das Klima ist apokalyptisch. Und? Wir intensivieren die Verstromung von Braunkohle; der Bagger frisst ein weiteres Dorf. Wir importieren Steinkohle aus Südamerika; die alten Pötte in den Revieren rauchen wieder. Wir lassen die verbleibende Kernkraft am Netz und reichern Uran an. Wir ersetzen billiges sibirisches Erdgas durch die chemiegelöste Variante namens LNG. Mir leuchtet das alles ein.

Wir bauen die ERNEUERBAREN nicht so recht aus, weil das nur langfristig helfen würde. Wir vernachlässigen den Netzausbau. Die kollektiven Verkehrsmittel der Schiene wie der Lüfte liegen am Boden; ersatzweise macht sich die BAHN über ihre Kunden im hauseigenen Ghetto-Jargon lustig. Der Dieselpreis liegt deutlich oberhalb von Superplus. Ich versteh das alles.

Aber ich bin ja auch kein Grüner. Ich bete nicht deren Glaubensbekenntnisse. Und selbst ich, eine für das Ökologische verlorene Seele, finde, das kann nicht leicht sein, den Sektenschein in dieser Wirklichkeit aufrecht zu erhalten.

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FRONTBEGRADIGUNG.

Was wahr ist und was gelogen, dass kann man wissen; jedenfalls hinterher. So geht Wissenschaft. Dazu gehört der Wille, unbequeme Wahrheit zu akzeptieren. Irren ist menschlich, nicht das Rechthaberische.

In der Kriegsberichterstattung spielt die Begradigung der Front eine große Rolle. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das ist. Ebenso wenig erfüllt sich mir die EINKESSELUNG mit Sinn. Dieses Ganze In-Szene-Setzen von Infanterie erinnert mich zu sehr an meinen Großvater vor Verdun. Trotzdem plärrt davon jeden Morgen der Volksempfänger, der jetzt Twitter heißt. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Zudem passe ich mich dem modernen Bellizismus ja an. Auch ich begradige eine Front. Bisher habe ich stets gegen jene gekämpft, die die WAHRHEIT im Singular hatten. Mein Doktorvater nennt das „binären Reduktionismus“. Danach zerfällt die Welt in FREUNDE und FEINDE. Und „fuck off“ gilt als ausgewogenes Diplomatenurteil. Ich gebe zu, dass ich zum Räsonieren neigte und es mir an Entschiedenheit fehlte. Es gab für mich oft mehr als eine Wahrheit. Selbst wenn das politisch nicht korrekt war. Mir fehlte der Tunnelblick. Bisher.

Jetzt aber schwabbt eine rhetorische Seuche herüber aus Südkalifornien, die zur Radikalität zwingt. Es gibt jetzt die WAHRHEIT mit einem besitzanzeigenden

Fürwort: „my truth“. Es erzählen Filmsternchen, die sich Adelssprosse geangelt haben, von „ihrer“ (Possessivpronomen) Wahrheit. Man sagt: Dazu sage ich jetzt mal meine Wahrheit. Also, meine Wahrheit ist… Poooh.

Die Erde ist eine Scheibe. Schweine können fliegen. Meine Wahrheit ist… Freunde der Tanzmusik, das geht gar nicht. Es ist das Wesen der Vernunft, dass sie sich Verstandesgründen nicht durch den bloßen Vorsatz einer gekränkten Laune verschließen kann. Sagt KANT. An dieser Front wird jetzt weitergekämpft. Mit den schweren Geschützen der Aufklärung. Tagesbefehl. Abtreten!

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PARTIZIP PRÄSENZ.

Im Gebäude MA der Ruhr-Universität Bochum (RUB), das ich zu durchqueren hatte, um das Gebäude GC zu erreichen, hing auf der Ebene 05 eine Karte mit einem Raumplan, an deren unteren Ende der Karteninhalt mittels einer Bildlegende erklärt wurde. Hier hatte ein Komiker hinter die Angabe LEGENDE das Wort HÜHNER gekritzelt. Nie mehr habe ich danach LEGENDE so lesen können, wie es gemeint war. Seitdem ist der Gebrauch des Partizip Präsenz Bert Brecht und mir vorbehalten. Ich bitte um Beachtung.

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PLATZANWEISER.

Vergessene, gleichwohl wertvolle Berufe. Ich nominiere: Platzanweiserin im Non-Stop-Bahnhofskino. Man muss die Ironie erklären, da die Institution des BALI nicht mehr jedem geläufig. In den sogenannten Non-Stop-Kinos konnte man sich im Dunkel des großen Saals tastend selbst irgendeinen Platz suchen, während in den gehobenen Lichtspielhäusern erhebliche Preisunterschiede herrschten. Vorne war billig, weiter hinten im Saal stiegen die Preise. Die besten Plätze boten Balkon und Loge. Damit es hier im Dunkel des Saales nicht zu Schummeleien kam, wachten junge Damen mit Taschenlampe über die Einhaltung der Ordnung. Der richtige Platz wurde angewiesen. Platzanweiser war eine Autorität.

Im Bahnhofskino schlief schon mal dieser oder jener Obdachlose, während im gehobenen Lichtspielhaus sich jugendliche Paare in Schutze der Dunkelheit aneinander schmiegten. Nach dem Vorfilm kam noch mal die Eisverkäuferin an den Platz, dann konnte es intim werden. Insbesondere in der Loge, wo es mehr Raum gab. So auch gestern im Kanzleramt, wo zwei Immobilienhändler aus USA sich mit einem ukrainischen Schauspieler trafen, um einen Film aufzuführen, der mal als der Diktatfrieden von Berlin in die Geschichtsbücher eingehen wird. Dabei als Platzanweiser Fritze Merz. Als der Film los ging, zog er sich zurück.

Und dass es um eine Immobilienfrage geht, war ja immer klar. Es werden die Grundbücher umgeschrieben. Licht aus, Film ab. Großes Kino. Jeder an seinem Platz?