Logbuch
EASY LIKE SUNDAY MORNING.
Ich war gestern im Logbuch zu negativ. Vergessen wir die dort zitierten Reiter der Apokalypse. Mit dem „Home Office“ ist jeder Wochentag ein Sonntag. Im Schlafanzug frühstücken, in die Sonne, wenn sie scheint. Oder die Sauna, wenn es regnet. Oder mit dem Hund raus. Hier bei mir DAHEIM. Heimarbeit kommt von HEIMAT. So hat man sich die Hütte eines Dichters, seinen „locus amoenus“ (lieblicher Ort) vorgestellt, als ein REFUGIUM.
Wir verweigern das Kontor. Nie mehr ins „office“! Warum müssen Arbeitsplätze eine solche Ödnis sein wie die elenden Büros? In diesen Akten-Archipelen stirbt jede Ambition; es bleibt nur Bürokratie und ab und zu ein Getränkeautomat. Zuhause schaffen wir uns ein Atelier. Aus dem Aktenknecht und der Tippse werden Künstlerin und Künstler. Und ab und zu eine Muse. So wird ungeahnte Kreativität frei!
EASY LIKE SUNDAY MORNING. Welch eine Idylle. Ja, ich gebe zu, dass dieser Eintrag ins Logbuch unter Zwang zustande gekommen ist. Antje hatte sich gemeldet. Ich solle mal was positives schreiben, was optimistisches. Also habe ich mein Schriftstellertalent unter die Laterne gestellt. Ein guter Mann kann ruhig zwei oder drei Meinungen haben, hat Kipling gesagt.
Logbuch
RAUM & ZEIT.
Büros, wie wir sie kannten, die wird es bald nicht mehr geben. Bürotürme in Innenstädten, zu denen Menschen jeden Tag wie Ameisen an- und abreisen, die weit draußen in Vorstädten leben, werden selten. Bürovölker, ganze Belegschaftsgruppen werden in die Heimarbeit geschickt und dort reduziert. Das spart, sagt der Herr im Fernsehen, Zeh-Oh-Zwei. Wir werden damit KLIMANEUTRAL. Er freut sich.
Die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Es geht nicht wirklich um das Klima. Denn die ABSONDERUNG & VERNETZUNG spart Kosten und erlaubt eine enorme Arbeitsverdichtung. Die atomisierten Rädchen, das Heer der Ameisen kontrolliert zunehmend der Computer, strenger als es der Herr Bürovorsteher vermocht hätte. Die beiden Ritter der Corona und der Digitalisierung sind zwei Reiter, die, obwohl weiß und schwarz, gut miteinander können. Sie reiten gemeinsam gegen RAUM & ZEIT.
Selbstständige kennen den Scherz: man arbeitet selbst und ständig. Jederzeit und überall. Jede und jeder für sich. Die Ketten dieser Sklaven sind aus einem Stahl, der WLAN heißt. Das Versprechen einer „work-life-balance“ im „agilen Zeitalter“ war eine Falle. Es geht um nicht weniger als um die Aufhebung von RAUM & ZEIT. Ich sehe apokalyptische Reiter am Horizont.
Logbuch
NUTZLOS.
Jetzt habe ich mal nachgezählt. Fast dreihundert von den bunten Dingern haben sich im Laufe der Jahre bei mir angesammelt. Hat so viel gekostet wie ein Kleinwagen oder zehn, zwanzig anständige Anzüge. Man wird sie nicht mehr brauchen. No more Return on Investment. Was mache ich jetzt mit den Dingern?
Schon immer waren sie ein Signal; nicht ganz eindeutig, aber doch lesbar. Ein Symbol für Geschmack und Klasse, oder deren Fehlen. Es gab billige, schlimmer noch alte und billige. Es gab einfallslose. Auch alberne. Und für jede Periode das gediegene Exemplar. Eine ganze Zeit aus der Jermyn Str. oder von Dolce & Gabanna. Mit einem ironischen Innenfutter. So unterschied sich der „Herr“ in der First von dem Businesstrottel in der Business Class (später dann von der eigenen Einkaufsabteilung in die Eco verdammt).
Für die Geschäftsreise mit schmalem Gepäck gab es, wenn sparsam, drei Typen. Also, wenn man mal hinnimmt, dass das es Oberhemd am nächsten Morgen noch mal tut. Erstens: jeden Morgen frische Shorts, frische Strümpfe und neuer Binder. So sollte das sein. Zweitens: neue Krawatte, aber Socken wie Unterhose erneut genutzt, Slip nur gewendet. Drittens, was nun gar nicht geht: frische Strümpfe und neue Boxershorts, aber Binder vom Vortag. Ging gar nicht. So war das früher, als der moderne Mr. Joe Keser (sans cravatte) noch Herr Josepf Kässer (mit scharfem s) hieß.
Logbuch
WAS MIT MEDIEN MACHEN.
Ein ausgezeichneter Chefredakteur, dessen Wohlwollen ich genieße, benennt seinen Beruf selbstironisch „was mit Medien machen“. Bittere Ironie. Leider ist Journalismus als Profession gänzlich runtergekommen. Ein Influencer für Damenunterwäsche ist aber kein Publizist. Jedenfalls früher. Heute wähnt sich jeder banal blöde Blogger im Geltungsbereich des Presserechts.
Noch ärgerlicher sind die grandios gescheiterten Schreiberlinge, die statt zum Jobcenter in die PR wechseln. Was mit Medien machen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, schuld sind die Verlage, die sie nicht mehr nähren, weil die Leute kein Papier mehr kaufen. Die Leser sind das eigentliche Problem. Und das Internet ist ein großer Gleichmacher. Ich sage am Schluss, was mich daran sehr grundsätzlich stört. Vorher was zu professionellem Rollenverständnis.
Kein Mensch weiß noch, was ORDNUNGSPOLITIK ist. Kein Mensch will noch wissen, was das ist. Darauf rumzureiten, macht womöglich einsam. Die Welt beschäftigt sich damit, dass es jetzt Fotos von Bill Clinton im Pool mit Ghislaine Maxwell und Gespielinnen gibt, der Tochter des mächtigen englischen Verlegers und Kupplerin von Jeffrey Epstein, dem Spekutanten mit Kinderwunsch. Sex sells.
Ich versuche es trotzdem. Bei ordnungspolitischen Überlegungen versucht man zu trennen, was nicht zusammengehört. Ich beginne mit dem Verführerischsten, Lob. Komplimente sind gefährlich, weil man ihnen so schlecht zu widerstehen weiß. In Berlin freuen sich Journalisten, wenn sie von PR-Leuten eingepreist werden: Man ist stolz darauf, als die Nummer Zwei unter den Hauptstadtjournalisten ausgerufen worden zu sein. Wer verleiht? Ein PR-Unternehmen. Ein alter Freund nennt das „Nuttenorden“, ein Orden mittels dessen die Jungfrau zur publizistischen Prostituierten wird. Ein wenig prämierte Mätresse und ein wenig erhabene Vierte Gewalt, welch eine Mesalliance.
Früher hat sich ein anständiger Journalist nicht mal von einem Verleger loben lassen, heute von Propagandisten, die ihm einen Nasenring durchgezogen haben und nun den so prämierten Esel durch die Manege führen, um zu behaupten, es sei ein Löwe. Und sie der Löwenbändiger. Wir erleben eine allseitige Deregulierung. Das ist der Lehrsatz. Die Ordnung ist im Arsch.
Im Gewerbe der Ghislaine Maxwell wird damit nicht mehr unterschieden zwischen Zuhälter, Freier und Hure; sie alle machen was mit Liebe. Nachwuchs willkommen. Journalisten sind Konsumenten von PR; deshalb glauben sie vom Fach zu sein, wenn sie in die PR wechseln. Da ist was dran: Wer gerne isst, kann auch gut kochen. Gourmand wie Koch machen ja was mit Essen. Ich bitte gelegentlich Gordon Ramsey um einen Kommentar.
Jetzt mal ernst: Wenn es sie in einen Gerichtssaal verschlägt, weil sie jemand wie bei Kafka denunziert hat, so sollten der Staatsanwalt und der Verteidiger unterschiedliche Personen sein, jedenfalls der Richter. Wenn das alles einer macht, weil er was mit Paragrafen macht, dann dürfte das ein anderes Land sein. Gewaltenteilung.