Logbuch
KANON.
Früher bestand Bildung darin, dass man bestimmte Dinge kannte, kennen sollte. In der Mathematik die vier Grundrechenarten und in der Physik den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Im Englischen ein großes Drama der Elisabethaner und im Sport den Felgaufschwung. Das hat die moderne Didaktik abgeschafft und durch Lernziele ersetzt.
Seitdem kann man Abi haben, aber nie den Faust gelesen; daran merkt man schon, dass sich über den Bildungskanon streiten lässt. Goethe ist nicht wichtig. Shakespeare ein Vielschreiber und der Barren ein Folterinstrument. Was also muss man wissen, wenn man kein regelrechter Idiot sein will? Woher stammt das Motto der Lukacs’schen Ästhetik? Aus Marxens Kapital, klare Sache. Zum Beispiel. Das ist sie, die Frage nach dem Kanon.
Ich habe gestern hier zum allgemeinen Unverständnis eine Episode aus einem Film von 1941 zitiert, mit dem der junge Orson Welles die großen Verleger seiner Zeit karikieren wollte. Das Schätzchen heißt CITIZEN KANE. Die angesprochene Schlüsselszene betrifft einen Kinderschlitten mit dem Namen ROSEBUD. Kennt kein Mensch mehr. Gilt als abgedreht. Könnte ich auch Homer im Original zitieren. Gehört wohl nicht mehr zum Kanon.
Dann nenne ich, wieder, um der Zensur zu entgehen, KARL MARX den „Bärtigen aus Trier“. Noch so ein kryptisches Ding. Nur mein Freund Martin aus Brunsviga weiß, wovon ich spreche. Er gehört halt zu denen, die das KAPITAL gelesen haben, die Bände 23 bis 25 der Marx-Engels-Werke. Lire le capital. Sind auch nicht mehr viele. Aber Elon Musk zitiert einen Satz des Bärtigen, der dort gar nicht steht. Was soll’s. Bücherwissen. Staub. Nun gut, aber Filmklassiker, gehören die dazu?
Darf ich mal fragen? Die Außenseiterbande? Die Mutter und die Hure? Tote schlafen fest? Panzerkreuzer Potemkin? Paul? Taxi Driver? Nein, nichts? Alter Schwede. Die Abschaffung des Kanon war ein echter Fehler.
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VERLEGERMACHT.
Ich höre, dass die beiden Tageszeitungen der Hauptstadt zusammen noch 150.000 Auflage haben, dabei der TAGESSPIEGEL drei- oder viermal soviel wie die BERLINER, die zum verqueren Ossiblättchen verkommt. Daran hat auch Anteil, dass die Menschen von elektronischen NEWSLETTERN geweckt werden, bevor sie überhaupt zum Briefkasten geschlurft sind. Das Phänomen heißt in Berlin CHECKPOINT.
Mir hat der damals Regierende zu Berlin (der OB) mal in seinem Büro erzählt, dass er jeden Morgen eine ganze Stunde mit dem Ärger verbringen könnte, die der CHECKPOINT der Kommunalverwaltung bereite, weshalb er den nicht mehr lese; was erkennbar eine Flucht vor der Öffentlichkeit in die Verwaltung ist. Heute heißen die Sturmgeschütze der Demokratie „table“ und kommen schon nachts. Hier herrscht das Derivat inzwischen über das Paradigma, der Pressespiegel über seine Mutter, das Briefing über die Welt.
Deshalb zu wirklicher Verlegermacht. Lese ich das richtig, dass der Eigner der Icks-Plattform inzwischen fast 200 Millionen Leser hat, netznotorisch Gefolgschaft genannt? Und zwar bei einem Medium, bei dem für die wachsende Reichweite keine weiteren Bäume gefällt werden müssen? Sehe ich das richtig, dass er seine eigene Kommunikation dort rigoros seinen Geschäftsinteressen unterordnet, die er wie alle Citizen Kanes als seine persönliche Meinung verkauft, also als schützenswertes Verfassungsgut?
Er sagt, was er will, weil er es kann. Dabei leidet er nicht an ordnungspolitischen Rücksichtsnahmen. Kaum ist die demokratisch gewählte Regierung des Vereinigten Königreichs exterritorial abgewatscht, wird die Präsidentschaftskandidatin seiner Wahlheimat zur veritablen Kommunistin erklärt. Er wagt es sogar, dabei den Bärtigen aus Trier zum Beweis zu zitieren.
Oh, ha! Das geht jetzt ein bisschen zu weit. Das Privileg, den Bärtigen zu zitieren, würde ich mir ungern von jemandem nehmen lassen, der naseweis auf dem Mars von Rosebud träumen will. Den Karl, den soll er uns bitte lassen.
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ESELFEDERN.
Das Urteil, dass jemand schreiben könne, meint ja nicht, dass er alphabetisiert sei; obwohl auch das schon etwas bedeutet. Nein, damit wird bescheiden formuliert, dass es sich wohl um ein literarisches Talent handelt. Im journalistischen Alltagsgeschäft sind es nicht viele Tintenkleckser, denen man mit einem solchen Nachdruck bescheinigt, dass sie „hommes de lettres“ sind.
Gestern habe ich von einer Edelfeder gesprochen und sie fälschlicherweise der SZ zugeschrieben, der Mann ist aber seit langem beim HB; Herr Jacobs, ich bitte um Nachsicht. In Branchenkreisen kürzt man die Titel der Blätter ab, außer vielleicht bei der ZEIT, bei der es nichts mehr abzukürzen gibt. Der dortige Chefredakteur macht auf dem Stuhl gerade 20 Jahre voll, keine Edelfeder übrigens, also, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Schreiben zu können, das hat auch nichts mit den Stilübungen des unsäglichen Wolf Schneider zu tun oder den Journalisten-Schulen aller möglichen Prägungen. Es ist die Kombination von bürgerlicher Bildung und proletarischem Fleiß. Fleiß? Ja. Ich sehe Gabor Steingart noch nach Mitternacht tippen, um in der Morgenröte originell zu klingen. Und mein Wecker klingelt um fünf; um sechs geht hier im Kontor das Licht an.
Als Journalismus noch was gelten wollte, leisteten sich Redaktionen für einzelne Kollegen große Freiräume, sozusagen Zuchtbeete für Edles. Recherche kostet Geld, vor allem aber Zeit, auch vergeudete. Und studiert hatte man was Gescheites, nicht so einen Bologna-Quatsch. Wenn ich sehe, wie heute dem Plagiat nicht abgeneigte Schreibautomaten mit dem Textauswurf einer Nudelfabrik zu Heldinnen gestaltet werden, ergreift mich nur noch Mitleid.
Aber Talent verführt auch. Lieber einen guten Freund verloren, als ein Wortspiel ausgelassen. Und Talent schwindet wie der nicht trainierte Muskel. Es gilt also jeden Morgen auf’s Neue das Wort des großen Karl Kraus: Wenn ich zur Feder greife, möge die Welt sich in Nacht nehmen. Guten Morgen.
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WAHN SEH KONFERENZ.
Man streitet bei Gericht mit den Journalisten der halbstaatlichen Plattform CORRECTIV darüber, ob deren Berichterstattung zu einer Geheimkonferenz der Neuen Rechten in Potsdam (Brandenburg) korrekt war, wobei sich die Gerichte lediglich dazu einlassen, ob bestimmte Bewertungen der Investigativen als Meinungsäußerungen zulässig waren. Diese Meinungen beziehen sich auf etwas, das den Inkriminierten zwar nicht als tatsächliche Äußerung nachgewiesen wird, aber als deren innere Auffassung unterstellt. Man kann zwar nicht beweisen, dass der rechte Hetzer es wirklich gesagt hat, weiß aber, dass er es eigentlich meint. Seltsame Wahngestalten in einer neuen Wahnseekonferenz? Warum nicht mehr?
Um das nicht unausgesprochen zu lassen: Was sich da an fremdenfeindlichen Gesinnungsträgern getroffen haben soll, ist mir aus anderen Quellen gesichert verwerfenswert; wenn ich das mal ebenso vorsichtig wie politisch klar sein darf. Das letzte, das allerletzte. Gerade deshalb hätte es klarer Beweise bedurft. Und deshalb ist dieses halbgare Geschwurbel statt harter Fakten so schwer erträglich.
Im Presserecht, so lerne ich, zählt zur Beantwortung der Frage, was mit einer Äußerung gesagt worden ist, weder die innere Absicht des Delinquenten noch die hoheitliche Auffassung des Gerichts, sondern der faktische Eindruck des kundigen Durchschnittsbürgers. Wie war die erwartbare Wirkung? Nebeltat der Eindruckserweckung. Das mag den Juristen unter uns befriedigen, den Publizisten stürzt es ins Grübeln.
Fachlich reden wir von einer Rezeptionshypothese. Von Insinuation. Das bedingt aber nicht nur eine Inhaltsanalyse, sondern auch eine empirische Spekulation: Wie versteht das ein Normalo mit Abitur? Seltsame Konstruktion. Ich kenne Kluge, die nie auf der Penne waren, und ausgesprochene Idioten mit Matura. Wie fasst man begrifflich so einen Otto Normalverbraucher? Und dann unter den Normalos die nicht ganz Doofen? Wie macht das die Richterin methodisch? Aus dem Bauch?
Gänzlich verloren ist man bei Tatbeständen der uneigentlichen Rede, sprich Ironie, die ja das Gegenteil des Gesagten meint. Hier liegt das ganze Kalkül in der Ambiguität. Erinnert mich an den Dichter Grabbe und sein „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, eine Komödie, eigentlich eine Farce. Vielleicht erlöst man sich aus solchen Wahngebilden, indem man nicht nach seelischen Urgründen forscht, sondern nach bewirktem Verhalten. Wie hat das Publikum reagiert? Hat es die Meinungsäußerung missverstanden als Tatsachenbehauptung? War das gewollt? Gibt es dafür Indizien?
Den Hinweis auf den Wahnsee entnehme ich übrigens einer verunglückten Formulierung von CORRECTIV selbst, wo gelegentlich die Tinte lockerer sitzt, als es der Sache guttut. Recherche heißt gerichtsfest beweisen können. Lehrsatz.