Logbuch
STILLE FREUDE.
Seit es die SOZIALEN MEDIEN des Internets gibt, kann jedermann plappern; es ist „gesellschaftlich“ laut geworden. Die Menschheit ist mitteilsam. Streitsucht und Geltungsdrang. Vieles ist peinlich. Alles zu laut. Hier nun eine STILLE FREUDE. Ein großer Publizist, mit dem ich einen freundschaftlichen Umgang gepflegt habe und pflege, hat seine Autobiographie vorgelegt. Ein sechshundert Seiten mächtiges Buch. Ich habe es sofort gekauft. Darin komme ich nicht nur namentlich vor, sondern explizit ein Ereignis, dessen Zeuge ich war.
Eigentlich mehrere Ereignisse, vielleicht sogar ein historisches Kapitel. Und ich war nicht nur passiver Zeuge, sondern eher „Impressario“; das räumt das Buch ein, aber mehr zu sagen, ruinierte die Stille. Die entsprechenden Episoden stehen im Zusammenhang mit der sogenannten LOPEZ-AFFÄRE von VW und KLAUS LIESEN wie FERDINAND PIËCH, deren Pressechef ich damals war. Beiden möge die Erde nicht zu schwer werden.
Erstens weiß ich jetzt, dass der Autor damals heimlich Tagebuch geführt haben muss , sonst könnte er sich nach dreißig Jahren nicht so detailliert erinnern. Die Details stimmen, die Zitate wirklich wörtlich. Beachtlich. Abweichung im Detail: Alle haben in der legendären Nacht Rotwein getrunken, exzessiv, aber einer nur Wasser. Vier Liter, ohne die Toilette auszusuchen. Aus Furcht, etwas zu verpassen. Der Kellner machte mir gegenüber eine Bemerkung zu dessen Blase. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zweitens aber sehe ich, wie der Autobiograph den Dingen seinen SPIN gibt. So nennt mein Berufsstand („Spin Doctor“) den Dreh, den man Ereignissen gibt, damit sie einen gewünschten Sinn hergeben, sprich so plausibel werden, wie man sie gern plausibel hätte. Der Autobiograph macht das selbstironisch und mit geschickter Hand.
Also, ich sehe die Interpretation, die der berühmte Publizist einem von mir begleiteten Ereignis geben möchte. Ja, es gibt eine DIFFERENZ-QUALITÄT in unseren Erinnerungen, aber keine, über die ich reden würde. Das ist, was ich meinte, eine stille Freude.
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WENN ES AN PR FEHLT.
Im Jahre 64 nach Christi Geburt, genauer gesagt am 19. Juli, es war Vollmond, haben die Christen unter Anführung von Petrus und Paulus, den Aposteln, das damals noch abergläubische Rom angezündet. Die Stadt brannte eine ganze Woche lang nieder, neun von dreizehn Vierteln bis auf die Grundmauern zerstört. Man hat versucht, diese Untat dem allseits beliebten ERSTEN BÜRGER ROMS („princeps“) Nero in die Schuhe zu schieben und behauptet, er habe sie in Brand gesetzt und sich darüber amüsiert und dazu auf seiner Harfe gespielt und gesungen. Man machte aus ihm einen irren Pyromanen. Das könnte GESCHICHTSKLITTERUNG sein.
Denn Nero war bei Ausbruch gar nicht in der Stadt, er war auf Urlaub in Antium, an der See, und im übrigen einer der Hauptgeschädigten des Feuers. Ein beliebter Anführer. Er war im Volke hochgeachtet, auch nach dem Brandt. Seine Rache an den brandstiftenden Frühchristen und ihren apostolischen Anführer war allerdings böse. Er ließ ihnen Schafsfelle aufbinden und sie von Hunden durch die Stadt jagen. Danach wurden sie, wie damals dort Usus, gekreuzigt und zu lebenden Fakeln. War so damals.
Die Passage im Werke des ehrbaren TACITUS, in der er die „chrestiani“ als Brandstifter nennt, ist historisch das erste Dokument, in dem die Sekte aus dem Judaismus, das spätere Christentum, so in lateinischer Schrift benannt ist. Immerhin, TACITUS! Schwer vorstellbar, dass dies ein Fälschung ist. Nero hat übrigens nach dem Feuer die Wirtschaft Roms wieder angekurbelt, indem er sich einen riesigen Palast bauen ließ, das Goldene Haus. Aber es fehlte wohl an klugem PR. Das Reputationsproblem, das er bis heute leider hat, wäre eigentlich zu vermeiden gewesen.
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BEATLES ODER STONES ?
Das war die fundamentale Frage meiner Jugend, war man braver Fan der Fab Four aus Liverpool oder Anhänger der Rollenden Steine. Konkurrierende Fabelwesen der Sechziger. Als ich dreißig Jahre später, 1997, mit dem Beatles-Management in New York verhandelt habe, konnten die Jungs noch immer nicht über meinen Spott lachen. Dabei ist es wahr: das ist eine „skiffle group“ gewesen, die sich in Jazz-Clubs eingeschlichen hat. Und auf der Reeperbahn ein „side act“ war.
Heute würde eine „white boy group“, die „Pick a bail of cotton“ anstimmt, von den Identitären des Kulturdiebstahls bezichtigt. CULTURAL APPROPRIATION ist das Stichwort eines tiefen Missverständnisses darüber, wie sich Kultur entwickelt. Nur durch geistigen Diebstahl. Na ja,APPROPRIATION heißt nur Aneignung; Entwenden heißt eigentlich Expropriation. Aber egal: Es geht immer um kulturellen Wandel: Folie & Novum auf der Folie (wie die Russischen Formalisten es nannten). Die neuen Zeiten entstehen in den Kostümen der alten, durch deren provokativen Missbrauch. Und sei es nur, dass man die Haare wachsen lässt. Pilzköpfe. Afro-Look.
Der Beat, der dann zum Rock and Roll wurde, entstammt einer Aufnahme des Schwarzen Amerikanischen Blues in englischen Hobbybands einer aufmüpfigen Jugendkultur, die ihn wie auch Jazz und Folk als Steinbruch zum frischen Ausdruck eines pubertären Exotismus nutzen. Bewusst primitiv und melancholisch frech. Die Musik wird dann perfekter, das Melancholische bleibt.
Die Beatles, animiert durch Marihuana und LSD, machten Liedchen, sehr auf Gefälligkeit achtend; bei den Stones war es wohl eher „brown sugar“ (meint: Heroin) und Bolivianisches Marschierpulver, das sie rüderen Ausdruck suchen lies. Harter Rock n Roll. Aber das mit den Drogen ist, wie Kipling sagen würde, eine andere Geschichte.
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WO DIE REISE HINGEHT.
Als ich noch Sprecher eines Autobauers war, habe ich gelegentlich die flapsige Bemerkung bemüht, dass ich kein „car guy“ sei, da ich keine Ahnung von Autos habe. Als mein damaliger Chef, ein Genie von Konstrukteur, das zufällig hörte, stimmte er zu. Mein Spruch war ironisch gemeint, seiner nicht.
Das gesagt habend, melde ich mich in der Debatte um Batterieautos zu Wort. Es geht mir dabei nicht um das Antriebsaggregat, den Motor, sondern die Steuerung der ganzen Schüssel. Wenn ich einsteige und dem Navi sage, wo ich hinwill, leitet es mich als Fahrer an; kein Wunderwerk der Technik mehr; jedenfalls meistens. Aus einer physikalischen Veranstaltung wird zunehmend eine kybernetische. Assistenzsysteme helfen dem Fahrer.
Deshalb ist es korrekt von dem Entwicklungsziel des AUTOMATISCHEN Fahrens zu reden, vielleicht sogar des vollautomatischen. Der amerikanische Hersteller spricht aber von AUTONOMEM Fahren; das heißt selbstständig und eigengesetzlich. Und das ist keine Großmäuligkeit, wie wir sie aus der Werbung kennen. Ich habe Erfahrung mit dem Jargon der kalifornischen Tech-Kultur; die sind ganz und gar ironiefrei. Auch wenn es irre klingt, die meinen, was sie sagen.
Was hier erstrebt wird und am Auto erprobt, das ist nicht mehr nur AI (artificial intelligence), also eine hilfsweise Nachbildung menschlicher Kombinationsgabe. Wir wissen, dass Fahrer:innen wunderbare Wesen, denen es nun mal nicht gegeben ist, rückwärts in eine enge Parklücke einzuparken. Dazu braucht die Künstliche Intelligenz nicht viel: Rupp zupp ist die Schüssel eingeparkt.
Ich bin in einem Alter, in dem man schon mal vergisst, wo man am Vorabend, obwohl stocknüchtern, die Karre abgestellt hat. Das kümmert den Tesla nicht. Ich rufe ihn per Handy und rupp zupp fährt er vor; leer und automatisch (nicht: autonom). Wo wollen die IT-Ingenieure des Wunderautos hin? Das ist meine Weihnachtsbotschaft. Das Entwicklungsziel ist AGI, kurz für Artificial General Intelligence; das menschliche Gehirn insgesamt soll nachgebaut werden. Nicht nur einzelne Funktionen sollen möglich sein, sondern menschliches Denkvermögen überhaupt.
Dafür wäre dann das Wort von der AUTONOMIE angebracht. Die Karre ist dann intelligenter als der Fahrer. Was heute bei Berliner Taxifahrern schon die Regel, gälte dann für alle batteriebetriebenen Schüsseln. Das Auto denkt selbst und eigengesetzlich, auch eigenverantwortlich. Die dazu nötige Rechenleistung ist so hoch, dass ich sie zentral verwalten muss, aber das ist ja heute schon so, dass der Teslalümmel bei jedem Scheiß automatisch im Kalifornischen nachfragt; das ist nämlich, wo dann die AUTONOMIE wohnt.
Bildungsbürgerliche Hausaufgabe: Man lese zum Weihnachtsfrühstück Goethe, Der Zauberlehrling. Vollzug ist zu melden.