Logbuch
Der MERKEL-NACHFOLGER Friedrich März ist wieder in eine Tabu-Falle gelaufen. Er schaut verdutzt drein und wirkt minderbegabt. Er hat, findet eine empörte Twittergemeinde, schwule Politiker in die Nähe von Kindesschänder gerückt; das gilt als nicht mehr zeitgemäß. To say the least. Bemerkenswert ist das eigentliche Zugeständnis von März: es gebe halt diverse Lebensentwürfe in einer liberalen Gesellschaft. Das hat den Ton der Sonderpädagogik, genauer des Lobes in der Sonderpädagogik. Das ist jener Diskurs, der schwere Beeinträchtigung scheinheilig als alternative Begabung euphemisiert. Homosexualität sei aber keine Krankheit, wird zurecht angemerkt. Auch sei es, sagen andere, kein willentlich gewählter Lebensstil, weshalb die ach so liberale Toleranz als Beleidigung empfunden werde. Und die vermeintliche Nähe zu Verbrechen wie Kindesmissbrauch diskreditiere jenen, der sie assoziiert. Dergestalt bewegt sich Friedrich März wie eine Flipperkugel zwischen den Reaktanzen seiner Feinde. In mir steigt eine Erinnerung auf an den selbsternannten Moped-Rocker aus Brilon, der nach der Erinnerung seiner Zeitgenossen eher ein unscheinbarer Messdiener war. März kann Merkel nicht.
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HERRENWITZ.
Welch ein spießiger Euphemismus für eine sexistische Zote. Aber das war nicht der Punkt. Überhaupt eine enge Sicht der Dinge in der Debatte um die Schmähung eines politischen Opfers durch den Täter. Es geht im Fall Lindner um politische Kultur, nicht um „gender“, wie einige, insbesondere weibliche Stimmen auf Twitter meinen. Das ist etwas kurz gesprungen. Allgemein gesagt: eine Diskriminierung ist nicht nur für den Diskriminierten falsch, sondern auch für den Diskriminierenden. Mangelnder Respekt spricht gegen den Respektlosen. Das ist das Argument. Das Tadeln des Opfers ehrt den Täter nicht, im Gegenteil: Die Schmähung ächtet den Schmähenden. Machtmissbrauch.
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Ursache und Wirkung.
Der Buby Lindner hat einen sexistischen „Witz“ über die respektable, weil scheidende Generalsekretärin gemacht. Das zeigt seinen miesen Charakter. Jetzt sagt er, war nur eine Ungeschicklichkeit. Das ist nicht der Punkt. Sein Ruf ist so, dass man sofort glauben wollte, dass er gemeint hat, was er sagte. Dead Man Walking. Das wird auch das Männlein aus Mainz, Herr Wirsing mit der Ampel-Ambition, nicht retten. Ich war bereit, den Brüderle-Spruch zu der Oberweite der Reporterin zu verzeihen, weil man nicht morgens um zwei in einer Hotelbar „recherchiert“, wie sie sagte. Einem Angetrunkenen stellt man keine Falle. Das mit Frau Teuteburg mag ich nicht so recht verzeihen; erstens fand ich die politisch stets plausibel, zweitens ehrt man in der Politik seine Opfer, man lässt sich nicht in der grinsenden Häme des Siegers posierend auf Zoten ein. Unreif, dieser Lindner, ein Schülersprecher.
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WETTKAMPF.
Zweiter Weihnachtstag, Zeit die süßlichen Gefühle der Harmonie wieder beiseite zu schieben und das Leben so zu sehen, wie es ist. Das Leben ist kein Krippenspiel. Ich meine, wie gehen jetzt zügig auf Silvester zu; die guten Vorsätze für das Neue Jahr sind zu formulieren. Wenn das was geben soll, darf man nicht auf IDYLLE setzen, auf HARMONIE und EWIGEN FRIEDEN. Der Engländer nennt solche trügerischen Schwärmereien „pie in the sky“. Man schließe die Weihnachtsbäckerei. Jetzt ist bald wieder das harte Brot des Lebens zu beißen. Wehe, wer dann zahnlos.
Zeit für Philosophisches. Dies ist eine Einladung, grundsätzlich zu werden. Was ist die Grundform wünschenswerten Lebens? Die Alten Griechen haben dafür zwei Begriffe, die wir wiederbeleben wollen. Sie lauten THYMOS & AGON. Beginnen wir mit dem ersten, der Zorn bedeutet und das Gegenteil ist von Eros, der lieblichen Liebelei. Der griechische Held ist nicht sentimental und blöd vor Glück; er ist thymotisch, sprich zunächst einmal zornig. Dieser Zorn auf Ungerechtigkeiten lässt den Knaben zum Mann, das Dirndel zur Frau werden und beide Abenteuer bestehen. So gestaltet Odysseus seine Odyssee. So schreit die Gebärende und bringt das große Glück in die Welt. Das ist das eine, unser Wille zur Selbstbehauptung. Arbeit ist nichts anderes als der Zorn über die Unzulänglichkeit der Natur.
Das andere ist der WETTKAMPF, das faire Kräftemessen. Der Grieche Homer spricht von AGON, dem friedlichen Miteinander in Rivalität und Konkurrenz. Homer lobt das Agonische. So erhalten sich die Herden freier Tiere, in denen die Hirsche balzen, so finden Olympiaden statt und Sängerfeste. Man muss das Agonische von einer einzelnen Fehldeutung der Moderne befreien; nämlich der Vorstellung eines Todeskampfes namens Agonie. Eigentlich und wesentlich ist das Agonische unsere Freude an der Auseinandersetzung, natürlich mit dem ungebrochenen Sportsgeist, dass der bessere gewinnen möge. Im Wettkampf gestalten wir Fortschritt. Man sollte stärker, schöner, schlauer sein wollen.
Ich gebe zu, dass hier ein wenig das Geschichtsverständnis des Bärtigen aus Trier mitschwingt, nach dem jede Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Das ist etwas grobschlächtig gedacht. Aber es zerreißt die Fehlannahme von einer Historie harmonischer Hegemonie irgendwelcher Zeitgeister der trügerischen Idylle. Der Hegemon ist immer nur der vorübergehende Sieger eines Wettkampfes. Im mangelnden Zorn und dem fehlenden Wettbewerb liegt deshalb kein Segen. Seien wir sportlich, bereit zum Wettkampf und der Siegerehrung. Bis zur nächsten Balz. Neues Spiel, neues Glück. Gelobt sei das Agonische.