Logbuch

KRIEGSFOLGEN.

An der Kurpromenade in Saarow, Brandenburg, verfällt ein Haus. Zur Gründerzeit errichtet war es einst stattliche Sommerfrische für die besseren Kreise Berlins. Dann ging der Erste Weltkrieg ins Land, in dem auch Deutsche jüdischen Ursprungs dienten. Und die Nazi-Zeit zog auf. Die vaterländische Gesinnung sollte sich nicht als Schutz erweisen. 1942 wurden die Bewohner, erzählt ein Stolperstein, in die Vernichtungslager deportiert. Ein Krieg gegen viele Völker, auch das eigene.

Man kann sich denken, wer die arisierten Gebäude, so das Wort der Zeit, dann bis 1945 nutzte. Damit war dann aber unter dem SED-Regime der DDR Schluss. Die befreundete Besatzungsmacht der Sowjets wandelte den Badeort zum Sanatorium, sprich zu ihrem Speergebiet. Selbst Kosmonauten sollen sich hier erholt haben. Die russische Präsenz endete erst 1994. Viele Gebäude wurden, so es Überlebende gab, restituiert. Ich rätsele, warum sich hier für dieses Gemäuer niemand fand. Oder niemand mehr hier etwas aufbauen wollte, was ich verstünde.

Das Dach der Villa ist schon lange eingefallen. Der Regen dringt ein, die Feuchtigkeit verlässt das Gemäuer aber nicht mehr. Das ist der endgültige Verfall. Der gute Architekt führt das Wasser auf kürzestem Weg weg von der Behausung. Nur so hält der Schutz. Wenn das nur mit den Kriegen gelänge.

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JOE SIX-PACK

Joe Biden ist vorbei. Ich denke an den weißen Hilfsarbeiter in der Provinz, der an seinen Monster-Pick-up gelehnt Bier aus der Dose säuft und Maiswhiskey; nennen wir ihn Joe Six-Pack. Was Politik ausmacht, sieht er beiläufig im TV und von dem lokalen Radiosender hört er Klartext. Die Politik soll sich raushalten. Das mit dem Attentat, das hat ihm aber imponiert. Amerika verliert so seine Präsidenten oder gewinnt sie.

Die erhoffte oder befürchtete Nominierung von Kamala Harris zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, sprich als Alternative zu Donald Trump, wird die republikanischen Wahlkampfstrategen nun dazu anspornen, Themen zu suchen, mit der sie Harris verhetzen können. Open Season: Die Jagd ist auf und zur Schmähung wird alles benutzt werden, was dem bösen Willen dient. Man muss Joe erreichen, Joe Six-Pack.

Dabei wird der amerikanische Traum seine eigenen Prinzipien mit Füßen treten. Harris ist eine Frau. Sie wird der afrikanischen und asiatischen Migration zugerechnet. Man wird Zweifel an ihrem baptistischen Glauben wecken und Hinduismus entdecken. Zudem soll sie mit einem Juden liiert sein. Soweit also Abstammung, Religion, Geschlecht. Mein amerikanischer Freund sagt, das alles mag Stoff liefern, wird sie aber nicht umbringen.

Es sind zwei Vorwürfe anderer Natur. Die Frau war exponierter Teil der Justiz; sie hat Verantwortung im Staat getragen. Sie ist POLITIKERIN. Die Frau entstammt einer Familie von Akademikern und ist studiert. Sie ist INTELLIGENT. Beides kann man Trump nun wirklich nicht vorwerfen. Mein amerikanischer Freund sagt das mit allem professionellen Ernst des SPIN DOCTORS. Er sieht es mit den Augen des Teufels.

„Erfahren und vom Fach, eine Intellektuelle und Berufspolitikerin?“ Man müsse das mit dem Spatzenhirn des Rednecks lesen. DEEP STATE & IVY LEAGUE? Da kann Joe Six-Pack nur ausspucken. Nicht mal ein appes Ohr hat sie. Eine AKADEMISCHE BERUFSPOLITIKERIN? Ein größeres Stigma gebe es nicht. So viel zum Zustand der Demokratie in Amerika.

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MYTHOS.

Das Lexikon kann sich nicht entscheiden. Der Mythos sei einerseits eine ganz grundlegende Wahrheit. Andererseits ein bloßes Lügengebilde. Das muss kein Widerspruch sein. Ausgeführt am Beispiel des Bergmanns.

Ein Knappe ist der Paria des Proletariats, ein armer Hund, der sich untertage schinden muss. Es geht auf Gold, Erz, Edelstein, Silber oder Kohle, für ein Dubbel, kalten Kaffee und Schnaps. Er macht den Bergherrn und die Kohlebarone reich und geht selbst, bitter um Atem kämpfend, zugrunde. Mein Vater hat alles darangesetzt, nicht wie sein Vater jeden Tag ins Loch zu müssen. Übertage, das war schon ein Etappensieg.

So, und jetzt Novalis zum gleichen Thema:
„Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen mißt
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoß vergißt;
Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt geht.
Er ist mit ihr verbündet
Und inniglich vertraut
Und wird von ihr entzündet,
Als wär sie seine Braut.
Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Fleiß und Plage;
Sie läßt ihm keine Ruh.
Die mächtigen Geschichten
Der längst verfloßnen Zeit
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.
Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klüft
Strahlt ihm ein ewges Licht.
Er trifft auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.
Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf
Und alle Felsenschlösser
Tun ihre Schätz ihm auf.
Er führt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.
Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm,
Doch fragt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.
Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld,
Er bleibt auf den Gebürgen
Der frohe Herr der Welt.“

Was stimmt? Beides.

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KERNGESUND.

Wir nähern uns dem Jahresende, Abgabedatum für die Liste mit den guten Vorsätzen. Ganz oben bei mir auf der Liste: Keine flapsigen Bemerkungen mehr über Karl Lauterbach, den salzfreien Ölprinzen aus Tofu-Land. Damit ist jetzt Schluss, weil ich mich ernsthaft einer allgemeinpolitischen Aufgabe widmen werde. Ich widme mich künftig Fragen der GESUNDHEITSWIRTSCHAFT. Zunächst berate ich mich, da Nachhilfe dringend nötig, dann vielleicht die Politik, so das dort jemanden interessiert. Wenn nicht, ist es schön, dass wir mal drüber gesprochen haben.

Als gelernter Berater weiß man, dass die Ameisenperspektive vom Adlerblick zu unterscheiden ist. Im Gewusel meines privaten Ameisenhaufens komme ich mit dem Angebot des deutschen Gesundheitswesens blendend klar. Man fühlt sich gut behandelt und darf auf Heilung hoffen. Voraussetzung dafür ist eine gewisse Agilität. Ich folge stets Empfehlungen von Fachleuten, die ich persönlich verhafte: „Wo würden Sie Ihre Frau hinschicken? Ich werde Sie nicht zitieren, aber geben Sie mir einen privaten Rat!“ So habe ich mittlerweile einen patenten Allgemeinmediziner, einen sehr guten Kardiologen, einen geschickten Zahnarzt, einen kundigen Dermatologen und bin in der großartigen Charité an ein neues Knie gekommen. Das alles geht auch auf Kasse.

Von anderen höre ich aber auch anderes. Undiagnostizierte Leiden in überfüllten Notaufnahmen. Kurpfuscherei. Aber das will ich jetzt und hier nicht breittreten. Es bleibt bei dem Befund, dass wir in Deutschland das beste Gesundheitssystem haben, wenn man es klug bis schlitzohrig zu nutzen weiß. Und Glück hat. Ja, es gibt eine soziale Selektion, wie bei anderen Fragen auch. Ob das als Zustand in der Politik allen genügt, da habe ich Zweifel. Damit zum Adlerblick.

Aus dem Neurechten Lager höre ich Töne, die mir noch aus dem England der Eisernen Lady vertraut sind. Magret Thatcher heißt jetzt Elon Musk und der ist zu einfachen Wahrheiten begabt. Sehr einfachen. Er sagt, dass der ungeheuere Mittelbedarf im Gesundheitswesen darauf zurückzuführen sei, dass die bürokratischen Entscheider dort Geld ausgäben, das ihnen nicht gehöre, und zwar für Menschen, die sie nicht kennen. Der Doppelfehler. So kritisiert die Neue Rechte den Sozialstaat, den sie eingrenzen oder gar abschaffen will. Selbst, wenn man dem politischen Angang nicht folgt, muss man einräumen, dass er nicht ohne Anlass ist. Wie so oft im Populismus. Berechtigter Anlass, falscher Grund, üble Schlussfolgerung. Der Dreischritt ins Verderben.

Darf ich zu den USA sagen, dass man hier in bestimmten Regionen wie Schichten ein medizinisches Entwicklungsland ist? Wovon also redet das Tesla-Genie Musk? Die Eiserne Lady hatte wenigstens noch den staatlichen NHS (National Health Service). Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.