Logbuch
SLOTERDIJK, TAGE UND ZEILEN.
Teilnahme an einem Trachtenabend in Oberbayern in Begleitung einer asiatischen Reisegruppe und Nachdenklichkeit über das Wesen des Deutschen. Die Burschen (sic) tanzen Schuhplattler und die Madeln (sic) drehen sich im Kreise, was vor den SCHENKELKLOPFENDEN die Röcke hochfliegend hebt und den Blick auf tadellos weiße Unnabuxen freigibt.
Der männliche Prahltanz soll dem Balzverhalten des Auerhahns abgeschaut sein, also archaisch; ich habe da Zweifel, weil der ganze Zinnober erst Ende des 19. Jahrhunderts aufkam und am Ende sogar eine Tiroler Mode war, sprich österreichisch. Von dem weiblichen Kleidungsstück namens Dirndl (Verkleinerungsform von Dirne) wissen wir, dass es jüdische Kleidungsfabrikanten im Westfälischen ersonnen haben. Ich war kürzlich in München bei Loden Frey und habe mich modisch auf den Stand gebracht.
Der weibliche Hals-Brust-Bereich, kurz und französisch Dekolleté genannt, wird wieder verhüllt; edelste Tüchlein kommen zur Anwendung. Die Dame bei Loden Frey verrät mir unter leichtem Erröten, dass die Wursttheken auch nicht mehr so voll seien wie ehedem, da auch die Röcke noch der großzügigeren Weite bedurften. Man achte bei den Holden auf seine Figur, was wohl auch milchwirtschaftliche Folgen hat.
Die Ausdifferenzierung von männlicher und weiblicher Kleidung beginnt bei Hofe im 14. Jahrhundert und hat zu zahlreichen Übertreibungen geführt. Einer Kurtisane des Sonnenkönigs wurde gar nachgesagt, sie zöge bei Bällen obenrum völlig blank. Dem Bürgermädchen war aber Zucht befohlen. Man trug den Schleier vor dem Busen, der zwar verhüllte, aber doch auch zeigte, eine Doppeleigenschaft, die schon der stets verhalten lüsterne Goethe lobte.
Zurück zu den Krachledernen. Die asiatischen Gäste sind begeistert über das biologisch ursprüngliche Wesen der ländlichen Kultur. Mir ist es ehrlich gesagt etwas peinlich. Sind wir so vordergründig? Mir fällt auf, dass sich vieles um Verführbarkeit und Verführung dreht. Kultur als Begattungspraktiken. Was einem Volk der Viehzüchter vielleicht noch nahe lag.
Auf dem Hotelzimmer, der notorischen Sauferei knapp entkommen, lese ich vom 77jährigen Philosophen Sloterdijk, dass er sein neues Tagebuch mit Gedanken über die Tragik der Kinderlosigkeit vermarktet; also dann doch lieber Schuhplattler.
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STATIONÄRER HANDEL.
„Wir kaufen nix an der Tür!“ Das war ein selbstbewusster Schlachtruf meiner Großmutter mütterlicherseits, die dem Hausierertum nichts abzugewinnen wusste, außer gelegentlich den Hausierer; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Mobiler Handel, wie ihn AMAZON gerade weltweit durchsetzt, das ist vom Prinzip her so neu nicht. Die Schwarzwälder Kuckucksuhr wurde so vertrieben, die Seidenstraße ging so und feine Galanteriewaren, was nichts intimes war, obwohl der Name das vermuten lässt. Der einer gewissen Tante Emma zugeschriebene Einzelhandel war so lange gut, wie seine Beratung erbeten war und erboten wurde. Aber hier ist ein Hauptschulabschluss inzwischen ein klares Einstellungshindernis. Im Grunde begann die Erosion des Handels mit der SELBSTBEDIENUNG.
Inzwischen ist der stationäre Handel so beliebt wie der gleichnamige Krankenhausaufenthalt: ein schlecht gelittenes Übel. Der erste Verdacht kam mir vor Jahrzehnten, als ich bei HARRODS erfuhr, dass die Bude einem Ägypter ohne gescheiten Pass gehört. Der Immo-Ösi Benco ist da nur das letzte Exemplar einer untergehenden Klasse. An der Spitze, von wo der Fisch immer zuerst stinkt. Im Bauch dieser Imperien arbeiteten zu Legionen die Wilmersdorfer Witwen, übellaunige Verkäuferinnen schlechten Geschmacks, aber von unerträglicher Impertinenz.
„Ich kaufe nix auf Station!“ So möchte man heute sagen. „Ich mach es nur noch ambulant.“ Den gleichen Witz erzählte kürzlich eine mir bekannte Dame über das Thema der Wiederverheiratung. „Nicht wieder auf Station, nur noch ambulant!“ Das ist jetzt wohl der Trend.
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NEUREICH.
Der italienische Geigenbauer Antonius Stradivari hat in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wohl tausend Violinen gefertigt, von denen gut die Hälfte noch erhalten ist. Gehandelt werden diese Instrumente für zweistellige Millionenbeträge; also ist der Sog nach Fälschungen erheblich. Und der Kult des Originalen. Am liebsten an der Wange einer Diva.
Es gehört zu den philanthropischen Gesten vermögender Geigenbesitzer das Instrument einer begabten Musikerin zur Verfügung zu stellen. Einige herausgehobene Geiger haben gar eine eigene. Man kann sich vorstellen, welche Bedingungen die Versicherungen an den Betrieb so alter Holzschachteln stellen, wenn die in die Haftung kommen.
Zum wirklichen Wunder kommen wir zum Schluss; zunächst zum Vordergründigen. Ich bin nach einer Fabrikbesichtigung in den Bergen über‘m Genfer See (Uhren) zum Nachtessen zufällig neben einem Herrn aus dem Russischen gesessen, der etwas zu Zigarren zu erzählen wusste. Da im Beau Rivage (Barschel) aber das Rauchen untersagt ist, sind wir nach dem Dessert zu einer Monte Christo auf sein Boot. Lag drüben bei den Franzosen.
Er hat die Stumpen in einem Feuchtraum, Humidor genannt, der wiederum in einem Safe saß; innen. Auf dem Boot mitten in der Lounge. Die meisten Oligarchen haben nicht alle Latten am Zaun. Als er „übererfrischt“ von all den Wässerchen ist und sentimental, holt er hinter den Zigarrenkisten eine Geige raus. Er nennt sie „strad“ und kann sie nicht spielen. Ich führe ihm vor Augen, dass wenn er mit dem Kahn auf dem Lac Leman absöffe, auch die Fidel ruiniert sei. Eine Strad ersäuft man nicht.
Da sagt er, plötzlich des Deutschen fähig: „Chlaus, dann auch egall!“ Man könne nämlich den Unterschied zwischen einer Strad und einem guten Neubau gar nicht hören. Niemand. Trotz der 18 Millionen, die das Ding gekostet habe. Ich habe das bei Experten geprüft. Es stimmt.
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KONSERVATIV.
Bewahrend soll das Konservative sein. Wie die Konserve das Lebensmittel vor dem Verfall schützt. Trotzdem ist aber alles offen. Weltweit kämpft die bürgerliche Rechte um ihren Inhalt.
Die CDU hat in NRW einen frischen Ministerpräsidenten, der einen Hauch von John F. Kennedy ins rechte Lager bringen soll. Herr Wüst ist geschickt und gefällig. Und will kein Rechter sein. Zumal er eine Koalition mit den Grünen anführt. Die Union sei nicht konservativ, sagt er, sondern christdemokratisch. Wie der Name schon sagt. Ist das mehr als eine Tautologie?
Sofort fallen die Widersprüche oder Leerstellen auf. Kann man politisch Christdemokrat sein und religiös ein moslemischer Mensch? Kann man Katholisch sein und das Familienbild dieser Kirche gesellschaftlich auflösen? Welche Werte bewahrt der Konservative und welche gibt er auf, weil der Zeitgeist ihnen auch nicht mehr folgt? Wüst sagt, konservativ sei eine Haltung; um damit die Konkretisierung zu vermeiden, welche denn: Was schließt diese Haltung aus? Unklar. Flexibler Normalismus.
Das Konservative ist unbestimmt. Es herrscht bei allen Konservativen weltweit eine große Unsicherheit, wie flexibel man sich gegenüber dem grünen Zeitgeist zeigen muss und welchem linken Populismus nachzugeben ist. Der Grund? Nur wer noch VOLKSPARTEI ist, kann die Hoffnung auf parlamentarische Mehrheiten haben, die ihm das Regieren erlauben. Das entsprechende ideologische Spektrum will man hierzulande allerdings bisher nicht bis ins Reaktionäre erweitern. Das ist der Eiserne Vorhang der CDU / CSU zur AfD. Eisern oder Tüllgardine?
In Italien schwört gestern eine postfaschistische Ministerpräsidentin, Freundin Mussolinis, jedem Staatsterror ab und ergänzt fast kleinlaut, auch dem Faschismus. Das hatte sie während des Wahlkampfes vermieden. Eine bizarre Einräumung, die möglicherweise nicht erst gemeint ist, aber in Deutschland so gar nicht möglich wäre. Bin ich da sicher? Nein, ich bin es nicht. Auch hier gibt es nostalgische Anhänger Hitlers, die das Bekenntnis in okkulten Formeln verstecken. Aber das sind ja keine Konservativen.
So ist das Bewahrende eingeklemmt zwischen den bereitwilligen Zugeständnissen an einen prinzipienlosen Zeitgeist und den Tabus des offenen Rechtsradikalismus. Eine Kernfrage könnte die des Liberalen sein; insbesondere, wenn das der politische Ausdruck des Christdemokratischen als Kategorie ist. Auch hier verwischen die Grenzen. In Mittel- und Osteuropa formiert sich eine illiberale Demokratie als ideologisches Projekt, dem autoritäre Momente und unverhohlener Antisemitismus nicht fremd sind.
Das ganze Elend der Konservativen wird deutlich, wenn man erwägt, was in den USA unter Trump aus den Republikanern wurde. Politische Kultur unserer Schutzmacht! Ich bin frei von Häme, weil das unser aller Aufgabe ist, all jener, die nicht eigens erwähnen müssen, dass sie nicht für Mussolini & Hitler sind.