Logbuch

DER VOLKSMUND.

Die Leute reden nicht nur, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern auch so, wie ihnen die Löffel stehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die große Verbreitung eines ganz passablen Englisch bei den Holländern damit zusammenhängt, dass das Fernsehen die amerikanischen Serien nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln sendet. Na ja, und sie sind erfahrene Händler, die Moffen. Haben mal die Welt beherrscht.

Eine gesprochene Sprache gliedert sich vertikal und horizontal; sozial von unten nach oben wie geografisch nach der jeweiligen Heimat. Obwohl meine Frau Mutter den allergrößten Wert auf ein lautreines Hochdeutsch bei ihrem Sohn legte, sagen mir Kollegen anderer Regionen nach, man höre bei mir den Pott noch immer raus. Selbst Schwaben wagen solche Hinweise. Damit wird es grundsätzlich. Was heißt hier Pott? Gemeint ist der Rheinisch Westfälische Stadtbezirk (Geographendeutsch), wegen der dortigen Montanindustrie auch Rheinisch Westfälisches Kohlenrevier genannt, oder eben der Pott. Volksmund.

Wer wie selbstverständlich in aller Kürze vom REVIER spricht oder dem POTT, der kommt von hier. Das Bergwerk war der PÜTT nach dem Lateinischen „puteus“, im Deutschen erhalten in der „Pfütze“ oder dem „Poet“ (Hugenpoet, der Krötensumpf). Der Arbeitsort wird im Volksmund erfragt mit „Auf welchen Pütt gehse?“ In der Hochsprache lautet das: „Wo war der Vater angelegt?“ Das wurde ich anlässlich meines Bewerbungsgesprächs bei der Ruhrkohle AG von dem Bergassessor gefragt. Es war der richtige Pütt, ich war drin, eingestellt. Vor Hacke ist duster.

Damit das mal ein für alle Mal klar ist: Das Revier begann Mitte des 18. Jahrhunderts in Oberhausen. Man war bei der GHH, kurz für Gute Hoffnungs Hütte, und deren Pütts rund um Osterfeld und Sterkrade. Meine Großväter waren auf Neue Hoffnung, ein GHH-Pütt; mein Vater bei der Ruhrchemie in Holten. Ich habe an der Ruhr-Universität in Bochum studiert und in meiner Kneipe einen Orchestermusiker namens Herbert Grönemeyer ertragen müssen. Das alles bestimmt den Ton.

Im Gegensatz zum Saargebiet oder dem Rheinland hat es der Pott aber nie zu der edlen Bezeichnung RUHRLAND geschafft. Wir, die wir von da wech kommen, wissen warum. Weil der reputationsbildende Fluss nie die Ruhr, sondern immer die Emscher war. Wem das ein Lächeln ins Gesicht zaubert, der kommt von hier.

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EINE ZENSUR FINDET STATT.

Zu reden ist von dem einschlägigen Meinungskolumnisten Norbert Bolz, den die Polizei zuhause besucht hat, wegen eines unpassenden Witzes. Der Mann war ordentlicher Professor für Publizistik, sprich Medienwissenschaft, an der TU Berlin und ich hatte mehrfach die Ehre einer Einladung an sein Institut; er ist habilitiert, also keines der Leichtgewichte von den Malschulen für höhere Töchter (wie ich). Ich habe viel bei ihm abgeschrieben. Allerdings betreibt er sein Logbuch mit konservativen Aphorismen: „die Wahrheit in einem Satz“ (Eigenwerbung).

Daran stören die Welt zwei Dinge. Erstens der Mut zur vorsätzlichen Verkürzung. Zweitens der Wille zum Konservatismus. Der Mann provoziert rechts in einem soliden bürgerlichen Sinne. Das gefällt dem linksgrün woken Hegemon nicht. Und ich muss sagen, dass er gelegentlich sehr knapp an Tabus und auch AfD-Sprüchen vorbeischrappt. So im vorliegenden Fall, da er darüber witzelte, dass woke in Englischen von „to wake up“ kommt, also von Erwachen (was ein Nazi-Zitat konnotiert). Jetzt habe ihm der Polizist bei der Hausdurchsuchung geraten, künftig vorsichtiger zu sein.

Ich muss meinem Stammtisch bei Rotary erklären, was daran nicht in Ordnung ist. Wir erleben „Bestrafung durch Ermittlung“, ein Missbrauch der Polizei und juristisch ein eklatanter Rechtsbruch. Es war klar, dass man bei Bolz nichts zu finden hat; der Kerl ist komplett öffentlich in seiner Meinungsgestaltung. Das gerade sollte ja sanktioniert werden. Dazu gibt es inzwischen Meldestellen. Der Blockwart ist zurück. Die Stasi wurde wiederbelebt.

Ja, aber… So reagiert mein Stammtisch. Ob denn der Kampf gegen Rechts nicht wichtig sei. Man glaubt da bei mir einen schwachen Punkt zu erwischen, da ich als gelernter Liberaler gelte. Ich verstehe die Unruhe bei jenen, die es sich unter dem linksgrün woken Hegemon in einer Nische der Lippenbekenntnisse bequem eingerichtet haben. Zuletzt hatte der ABLASSHANDEL ja selbst die bürgerlichen Funktionseliten erreicht. Jeder Boss eines Stadtwerks plapperte wie Jürgen Trittin und diffamierte die fachlich erfahrene Bundeswirtschaftsministerin als Gas-Käthe. Aber das woke Öko-Paradigma wankt. Da wird der erodierende Hegemon nervös.

Aber es hilft ja nichts. Bolz will nur noch von Bäumen reden, hat er den Polizisten in seiner Wohnung versprochen. Der Hund! Das ist ein historisch böses Brecht-Zitat, Freunde. Ich könnte dieserhalben mal bei einer Meldestelle anrufen. „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“

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LÄRM: EINE LAST.

Der Tag begann gestern damit, dass beim Nachbarn die Handwerker pünktlich um Sieben ihre Tätigkeit aufnahmen. Woran erkennt man, dass ein Handwerker nix taugt? Er kommt tatsächlich. Wie merkt man es? Er stellt das BAUSTELLENRADIO an. Solche Quälgeister bieten die Bosch dieser Welt ihrer Klientel; offensichtlich mit einer Voreinstellung für besonders dämliche Radiostationen und die Niederungen des deutschen Schlagers. Radio Freibier trällert dann den lieben langen Tag. Unerträglich.

Mittags in der Kantine; so nennt der beruflich in Berlin verhaftete Business-Luncher das Borchardt in der Französischen Straße. Der Laden ist durch eine regelrechte Touristeninvasion laut geworden. Was als Gespräch beginnt, landet bald in Geschrei. Ist mir früher gar nicht so aufgefallen. Vielleicht wird man auch alt und verliert die Distinktionskraft des Gehörs. Ich sitze verdattert unter lauter Brüllaffen. Was mache ich hier?

Alles aber erträglicher als der Nachbartisch abends im Adlon. Ohnehin ein plüschig puffiger Ort (der Kellner fragt, ob man beim Essen das Brandenburger Tor sehen wolle), heute das Danaergeschenk einer lauten Tischgesellschaft in unmittelbarer Nachbarschaft. Das Unheil ist zu dritt. Ein alter Schwarzrock in Begleitung seines Diakons, ein pausbäckiger Kapaun schwulster Intonation; man ist aus der rheinischen Provinz im Bus angereist und wird begleitet von einer dieser unglückseligen Damen, die ihre Berufung im Katholischen finden. Das hysterische Lachen, eher ein Gekicher peinlichster Art, dieser maroden Matrone zieht sich über den ganzen Abend. Sie erinnert mich an eine Weinkönigin aus der Pfalz. Ihr überheiteres Gekreisch rechtfertigt das Zölibat. Spätestens das.

Am Abend dann Ruhe. Schweigen und ein Glas vom Besten. Es erholt sich der tagsüber Lärmbelästigte. Eine erholsame Nacht. Erholtes Erwachen. Bis sie das BAUSTELLENRADIO wieder anstellten. Es zieht mich ins Eremitische. Oder Taubheit als Erlösung. Beethoven.

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DAS EWIGE OPFER.

Wer die Zufälle seines Lebens in das Wirken feindlicher Mächte umlügt, will sich selbst Gewicht geben. Das ist ein Narrativ der Jammer-Ossis, mit dem sie die Jubel-Wessis zu beschämen suchen.

Die langjährige Kanzlerin Frau Merkel nutzt ihre frisch gewonnene Freizeit zum Feilen an ihrem Nachruhm. Sie will die Hagiographie (Jubellebenslauf) doch nicht ihren Gegnern oder, schlimmer, dem Vergessen überlassen. Merkel, die Große. Ich kenne die Frau lange; zuerst sah ich sie als stellvertretende Pressesprecherin des ersten frei gewählten DDR-Chefs, eines bratschespielenden Preußen mit schlechten Zähnen, durch den Helmut Kohl einfach hindurchsah. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Merkel lässt sich im „Spiegel“ von dem Starjournalisten Alexander Osang porträtieren. Ich lese das nicht, weil ich nichts lese, was Osang verzapft hat. Ich mag den nicht. Er ist ein peinlicher Kulissenschieber. Und er gefällt sich in der Pose des Ewigen Opfers, eine ostdeutsche Seuche. Ich will einräumen, dass die Abneigung gegenseitig ist; wir sind mal auf offener Bühne aneinander geraten. Ich war der Veranstalter, er der Gast einer Lesung; er replizierte auf meine Begrüßung ausgesprochen sauertöpfisch und verbat sich Witze über seinen Heimatstaat. „Die DDR war kein Witz“, sagte da der Herr vom Prenzlauer Berg. Humorbefreit, der Mann.

Der Kult, den ich so hasse, nennt man AUTOVIKTIMISIERUNG; das ist die Manie, sich selbst immer und überall zum Opfer zu stilisieren. Eröffnungssatz: “Wir hatten ja nix.“ Die Pose des Opfers gibt dem Selbstmitleidigen Gewicht. Ein Hauch von Tragik durchweht die Banalität des Alltags. So wird aus der Groschenheft-Existenz dann doch noch ein wenig Kafka. Das ist Osang, ein Westentaschen-Kafka.

Der „Spiegel“ hat damals den Ostberliner Lokaljournalisten Osang zum Korrespondenten in New York gemacht, einer der begehrtesten Posten, der Traum vieler Federn. Und wie erzählt das das EWIGE OPFER? Der Chefredakteur Stefan Aust habe ihn allen Ernstes vorher gefragt, ob er überhaupt Englisch könne. Für den so viktimisierten Ossi ein echter Skandal. Na klar konnte er Englisch. Wie bei Merkel; zweite Fremdsprache nach Russisch. Das zu erwähnen, ist aber nicht in Ordnung, weil es die Ossis diskriminiert. Osang mag das Nassforsche der Wessis nicht. Das zelebriert er in verdecktem Selbstmitleid.

Manchmal verstehe ich den Getto-Gebrauch des Wortes „Opfer“, der bei meinen türkischstämmigen Nachbarn im Wedding eher ein Vorwurf ist, frei von jedem Mitleid. „Alta, Du Opfa!“