Logbuch

SOUVERÄNITÄT.

Wenn einem nichts etwas anhaben kann. Unverletzlich erscheinen. In sich selbst ruhend. Kühlen Kopf bewahrend. Vielleicht eine Spur zu feinsinnig, aber intellektuell über den Dingen schwebend. So war mir der Zeitgeistphilosoph geschildert worden. So hatte er sich in Vorträgen und Büchern inszeniert. Seine Bücher zu allen möglichen Themen waren immer zu vorderst Bücher über ihn selbst. Nein, das muss man präziser sagen: Seine Bücher über seine Lieblingsthemen waren Bespiegelungen seines Rollenideals. Er hatte sich ein facettenreiches Ego gebastelt, über die Jahre. Feingeist vom Dienst. Und dann macht er diesen einen Fehler. Er bestellt, unkonzentriert oder abgelenkt, im Kaffeehaus mittags „Forelle blau“, die Tagesempfehlung. Man nimmt nie die Tagesempfehlung, also das, was nach Meinung der Küche weg muss. Das so fahrlässig gewählte Lunch lässt auf sich warten. Er rügt missgestimmt die Kellnerin. Dann, sein Hunger bedrängt schon seine Stimmung, kommt der Fisch. Stattlicher Größe prangt er auf einer regelrechten Platte und schaut ihn nun mit tauben Augen stumm an. Das Tier ist am Stück. Mit Kopf. Das Maul geöffnet, die Augen vom heißen Sud weiß. Ich bemerke, dass er den Anblick nicht erträgt. Ungeschickt zieht er ein Blatt der Salatgarnitur über die toten Augen der Kreatur. Das Salatblatt verrutscht, der Fisch lugt darunter hervor. Man hatte ein Filetchen erwartet, aber nun einen Körper, einen ganzen Leichnam zu öffnen. Er beginnt es, irritiert wie er ist, gänzlich ungeschickt und stochert fahrig mit der Gabel in dem Fisch herum, Happen suchend. Dann passiert es. Während er versucht die Facon durch Parlieren zu wahren, bemerkt er im Mund Gräten. Zunächst eine, die er mit der Hand von der Zunge pflückt, verlegen lächelnd, dann ein ganzes Konvolut. Ekel verzerrt seine Züge. Die Gabel bringt das schon Angekaute aus seinem Mund auf den Teller und hebt eine Apfelsinenscheibe über das Gewölke, es dem Anblick mehr schlecht als recht entziehend. Ungeduld ergreift ihn. Die Kellnerin findet sich angeherrscht, sie möge abräumen. Ich hoffe inständig, dass sie nun nichts sagt, doch, wie der Teufel es will, es folgt laut eine Bemerkung dazu, ob der Gast denn Appetit gezeigt habe. Hat er nicht. Ihr Blick ruht kopfschüttelnd auf dem zerpflückten Tier. Kellnerin ab. Vor mir sitzt ein Mann am Ende seiner Nervenkraft. Seit diesem Tag sehe ich ihn mit anderen Augen. Er philosophiert wie früher in erlesenen Feuilletons vom Wesen des Menschen. Und ich kann nur denken: FORELLE BLAU.

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Nationalhymnen sind ja aus der Mode.

Ohnehin schwierig in Ländern, in denen man mit den Strophen durcheinander kommen kann. Oder die Ansprüche historisch nicht mehr stimmen. Das in Kleinstaaten zerfallene Inselreich regiert die Wellen der Weltmeere nicht mehr. Nicht mal die Irische See. Höre zufällig anlässlich ehrenden Gedenkens an Sean C. die alte schottische Weise AULD LANG SYNE. Darin wird ein Whisky als „cup of kindness“ gefeiert. Klasse! Früher nannte man solche Schlager (?) Schnulzen (?). Sie lösten was aus in den Menschen einfachen Gemüts. Oder bei den Sentimentalen. MAMOR STEIN UND EISEN bricht, aber unsere Liebe nicht. Drafi Deutscher geht es nicht. Oder für die italienischen Seelen CIAO BELLA CIAO, ein großes Partisanenlied. Für alle Engländer oder gar Briten: WE‘LL MEET AGAIN mit der legendären Lynn. VÖLKER HÖRT DIE SIGNALE schallt es nach Moabit rüber aus dem roten Wedding. Die Stimme von Ernst Busch. Und ein einsamer Dudelsack spielt AMASING GRACE. Wenn jetzt jemand das Arbeitsfrontlied von dem kalten Wind anstimmt, gibt es hier Tote. Mein Ernst.

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Krähen fliehen wirren Flugs der Stadt... Jetzt lässt die Ausgangssperre wieder EINSAMKEIT einziehen in die unzähligen Kleinsthaushalte. Single single. Und die Pflegeheime Orte der leeren Blicke. Eine Gesellschaft, die eigentlich keine mehr ist, zurückgeworfen auf sich selbst. Wer das verlor, was Du verlorst... Nietzsche, oder?

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EINE POSSE DER KORRUPTION.

Krokodilstränen weint das EU-Parlament. Man simuliert einen äußeren Feind, der gerade angreife. Es geht aber um die eigene Bestechlichkeit. Strukturell verlogen.

Nicht alle vierzehn Vizepräsidenten des Parlaments sind korrupt. Das glaube ich nicht. Es gelingt nur wenigen, an Säcke voller Bargeld zu gelangen. Und manche nähmen wohl auch keinen Cash. Hier liegt keine Sensation, kein Skandal nicht. Man muss zunächst mit dem Irrtum aufräumen, dass jetzt Verborgenes ans Licht gekommen sei. Laienirrtum.

Wenn das Parlament in Straßburg tagt, sagt mir ein Bartender dort, füllen sich die Hotelbars mit Marketenderinnen, die dazu routiniert anreisen und dem angetrunkenen Abgeordneten auflauern. Ein offenes Geheimnis. Ich zeige der Blonden, wie so eine 1000$-Nutte aussieht. Sie staunt nicht. Nur der Preis wundert sie. Und natürlich ist es ein Mythos, dass die Damen ihre Freier abzuhören gedächten; die meisten kenne keine Geheimnisse, jedenfalls keine, die 1000$ wert wären. Die Banalität des Bösen.

In Berlin bin ich mal der Einladung einer großen PR-Agentur vom Ort zu einem Empfang einer Botschaft eines Golfstaates gefolgt. Eine Gartenparty in Dahlem, bei der die Gäste vom Botschafter per Handschlag begrüßt wurden, jetzt Achtung, wenn sie sich vorher die Hände mit einem feuchten Handtuch reinigten. Ostentativ. Das hatte echt symbolische Qualitäten. Wer die anwesenden Figuren kannte, wusste, dass hier die Scheichs verarscht wurden; man simulierte für sie eine politische Klasse, von der die Möchtegern-VIPs im Botschaftsgarten vielleicht träumten, die sie aber nicht waren. Banal, nicht mal böse.

Mir hat dort kein Scheich Geld angeboten. Zu trinken gab es auch nichts gescheites, also bin ich früh gegangen. Ich hätte auch nichts zu verkaufen gehabt, um ehrlich zu bleiben. Jedenfalls nichts, was 1000$ wert gewesen wäre. Es ist offensichtlich, ich habe keine MACHT, die zu erwerben sich für eine geltungssüchtige Nation lohnte. Ich fürchte, selbst meine MEINUNG hat keinen Marktwert. Und wenn ich mich hier und heute positiv über einen einzelnen Stamm aus dem internationalen Ölhandel äußern würde? Wie kann ich auf mangelnde Bestechlichkeit stolz sein, wenn es bei mir eh keiner versucht?

Jetzt ist noch die EU zu loben. Wenn deren Parlament neben der Präsidentin insgesamt 14 Vizepräsidenten braucht, ist die KORRUPTION nicht einfach, jedenfalls nicht billig. Das Parlament kann man als Ganzes womöglich gar nicht kaufen. Stimmenkauf macht zudem gar keinen Sinn, da dieses Parlament nix zu entscheiden hat. Ich glaube, dass es sich mit den Geldsäcken für die Griechin so verhält wie mit der genannten Gartenparty: Hier verarscht jemand die Scheichs. Gegen ein anständiges Honorar, versteht sich.

Korruption ist Straßenkriminalität, sagt mir ein Freund verächtlich, der für BIG PHARMA in Brüssel sitzt und einen Tagessatz von 10.000$ hat. „Big time crime geht anders.“ Da gebe es keinen Ouzo auf‘s Haus.