Logbuch
ABERWITZ.
Zum zentralen Mythos des großen Mao Tse Tung gehört der LANGE MARSCH aus dem Bürgerkrieg in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die noch junge Rote Armee entzog sich der Einkesselung durch die kaiserlichen Truppen durch einen 13.000 km langen Rückzug. Er gilt als Heldentat des dann legendären Vorsitzenden der KPCh. Die westdeutsche Linke hat die Metapher aufgegriffen und von einem „langen Marsch durch die Institutionen“ gesprochen, womit sie als revolutionär erscheinen lassen wollte, dass sie bräsig Staatsämter anstrebte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zu meinen Trivialmythen als politisierender Pennäler gehörte eine gewisse Faszination durch die Sprüche des Großen Vorsitzenden, die das berühmte kleine rote Buch verzeichnete. Man las sogar die in Deutsch erscheinende Peking Rundschau. Alles in allem ein pubertanter Exotismus, der aus der Irritation lebte, den er bei braven Paukern auslöste, die dumpf CDU wählten. Erst heute fällt mir bei alten Dokumentarfilmen auf, die frisch koloriert über den Sender laufen, wie schlecht die Zäune Maos waren. Nicht, dass dies etwas zur Sache beitrüge.
Aber ich erfahre auch etwas, das beiträgt. Den LANGEN MARSCH traten 90.000 Mann an und es beendeten ihn 8.000. Weniger als zehn Prozent überlebten das Abenteuer. Kann man angesichts solch aberwitziger Relation von Heldentum reden? Man kann, wenn man dieses Opfer für unvermeidlich hält, aber mir stockt der Atem. Dieser Aberwitz ist wohl allen Kriegen zu eigen, zu deren Basislogik es gehört, dass angesichts der großen Sache auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden könne. Ich höre es HURRA rufen.
Es braucht dort dann den Mut zum Heldentum. Wehe den Vaterländern, die ihren Völkern solch einen Mut abverlangen.
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LOB DER GLOSSE.
Die Schriftstellerei wird, wenn vom Kulturbetrieb als Kunst anerkannt, allgemein für ein Phänomen der Begabung gehalten, gar der Ausdruck einer inneren Stimme. Man hält den Dichter für in besonderer Weise beseelt. Wenn das Publikum verzückt, wird vom Genie gefaselt. Das ist nett, aber irreführend.
Die Schriftstellerei ist ein Handwerk. Wie das Komponieren, das ja auch keine neuen Noten findet, sondern älteren Melodien eine ungewohnte Wendung abringt, jedenfalls dem, was an Melodischem schon in den Köpfen ist. Aber ich habe von Musik keine Ahnung. Spiele nicht mal ein Instrument, was als wirkliche Voraussetzung gilt, meist das Piano.
Was ist das Instrument des Wortkünstlers? Brecht hat seine Tätigkeit des dramatischen Dichters verschlichtet zu der Bezeichnung des Stückeschreibers; darin liegt die Bescheidenheit der ganz Großen. Von einem Schreiner hörte ich mal ein Lob über seinen Vater und Lehrmeister, das mich beeindruckt hat. „Er nahm ein Stück Holz in die Hand und drehte es kritisch beäugend zwei-, dreimal, dann war klar, dass das Stuhlbein später passte.“ Tischler der Worte? Sprachzimmerer? Ein Schnitzer an krummem Holz?
Damit sind wir bei Kant, dem wir verdanken: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Ein lobenswertes Menschenbild. Überhaupt strebt der Dichter nicht nach einem ähnlichen Abbild. Das ist die Grundstimmung des Malers, dem Leben authentische Einblicke abzuringen. Daraus wurde der Fotograf, dann der Handyknipser.
Glosse verlangt mehr als Schnappschüsse. Scherz, Satire und Ironie, die Meisterdisziplinen. Der satirische Dichter will das Leben erziehen; ihm schwebt bei allem etwas besseres vor. Er ist zur Kritik verdammt. Das war einst auch mal das Selbstverständnis des Kabarettisten, bevor daraus Witzchenerzähler wurden. Über die der Amerikaner nur lobend zu sagen weiß, dass sie, die „stand-up-comedians“, dabei aufrecht stehen.
In den USA gibt es gar Uni-Kurse in „creative writing“, Schönschreiben für höhere Töchter mittlerer Intelligenz. Im guten alten Europa gilt in einer Redaktion als geehrt, wer eine Glosse schreiben kann, etwa ein „Streiflicht“ in der Süddeutschen. Gibt es die noch? Oder ist die Redaktion an der eigenen Langeweile verstorben? Frage für einen Freund.
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AMPEL AUS.
Wer immer in Thüringen und Sachsen den Verkehr regeln wird, eine AMPEL wird es wohl nicht sein. Der Wähler im Osten verhält sich wie die zur Europawahl aufgerufenen Bürger: Man ignoriert die Farben rot, gelb und grün. Schwarz und braun ist künftig die Haselnuss.
Ich sehe den Niedergang der SPD mit Wehmut; sie ist mir noch immer die Partei des Otto Wels, auch wenn sie uns im Willy-Brandt-Haus Pat und Patachon bietet, von der bösen Frau ganz zu schweigen. Ich sehe den Niedergang der FDP mit Bedauern; das Liberale könnte eine Festung brauchen, wo es aber den ewigen Stens hat, der es, selbst wenn er gut ist, nur zum Halodritum bringt.
Ich sehe den Niedergang jener Grünen mit Irritation, die sich als bürgerliche Linke verstand, die ihren Frieden mit der Natur und den Menschen machen wollte; jetzt bellizistisch und um eine konservative Heimat buhlend, die ihr das Autoritäre noch gewährt. Die Drei hätten sich gegenseitig an den üblen Zügen ihrer Charaktere hindern können und es so zu etwas Gutem bringen. Das wird nichts mehr. Unten folgt der Grund des Scheiterns.
In dem ganzen Szenario bietet sich als künftige Hochzeit die Mesalliance von AfD und CDU/CSU an; die Blauen heben schon das Röckchen, die Schwarzen zögern noch. Es lockt aber eine stramme absolute Mehrheit. Man schaut bei den konservativen Hochzeitern noch nach der grünen Braut, andere schließen sie gänzlich aus. Klar ist nur, wer künftig kein Recht der Ersten Nacht mehr kriegen wird.
Jetzt zur Causa: Die AMPEL hat es nicht verstanden, sich zu erklären, jeder für sich und alle drei zusammen. Man kann nicht, nicht kommunizieren. Der alte Lehrsatz. Ich füge meinen hinzu: In der Politik ist man für das Maß seiner Missverstehbarkeit verantwortlich. Exempel? Tausend Euro Staatsknete auf die Hand des abgeschobenen Verbrechers. Selbst wenn…
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MÄRCHEN.
Uns verführen nicht die FAKTEN, sondern die FIKTIONEN. Wir wollen Geschichten erzählt bekommen, auch wenn die FIKTIV sind. „Tell me lies, sweet little lies!“
Der SPIEGEL muss gerade mal wieder eine Geschichte zurücknehmen, weil sie schlicht erfunden war. Da das Blatt da eine Tradition hat, spricht man vom Relotius-Effekt; so hieß der damit zuletzt aufgefallene Redakteur. Wie geht das, eine FIKTIVE Story als FAKTISCH ins Blatt zu heben? Easy.
Die Details, insbesondere die Namen müssen stimmen. Wir, die Fälscher, nennen das die ZDF-Regel. Was die sogenannte DOKUMENTATION im Verlagshaus prüfen kann, sind Zahlen, Daten, Fakten; mehr tut sie eh nicht. Du kannst behaupten, Bielefeld gebe es nicht, aber die Postleitzahl muss stimmen. Der Wahrheitsbedarf liegt also bei nachprüfbaren Einzelheiten. In der PR nennen wir das: „mit den Fakten lügen, nicht gegen sie“.
Wo es an Fakten fehlt, hilft der REPORTAGE-TRICK. Stelle einen Reporter in strömendem Regen irgendwo hin und lasse ihn durch eine „Schalte“ ins Studio stellen und so live einen vom Pferd erzählen. So machen sie das im Fernsehen. Im Print geht das auch. Eine Reportage ist ein gefälschter Bericht, der durch eindrucksvolle Erlebniserzählungen angereichert wird. Damit macht man die Lüge authentisch. Denn das ist das wichtigste, der Anschein des Authentischen.
Aber die Faktenhuberei und die Vor-Ort-Tricks sind nur Taschenspielertricks im Verhältnis zur Königsdisziplin der Fiktionalität. Akademisch heißt sie RESSENTIMENT-REFERENZ. Die (erlogene) Geschichte muss vor allem einer höheren Wahrheit entsprechen. So wie in der Bibel das, was Luther „Gleichnisse“ genannt hat. Wir müssen glauben (!) können, was uns da erzählt wird, weil wir es glauben (!) wollen.
Solange eine Story meine VORURTEILE bestätigt, darf sie als wahr gelten. So funktioniert insbesondere die Kriegsberichterstattung, für die gerade inflationär Journalistenpreise vergehen werden. Solange die Bösen sich in dem Märchen wieder als böse erweisen, kann schon mal die dichterische Freiheit greifen. Denn wenn man nicht an die Fakten glauben kann, müssen halt die Fakten dranglauben.