Logbuch

SCHATTEN IN DER WIRTSCHAFT.

In einer Bar in Dallas, Texas las ich das Schild: „In God we trust, the rest pays cash.“ Das mit dem Gottvertrauen steht auf den Dollarnoten.

Morgens um sieben ist die Putzfrau mit ihrer Arbeit in dem Restaurant gegenüber fertig und bringt noch den Müll raus. Die Tonnen stehen im Innenhof und ich höre, wie die Weinflaschen in den Glascontainer geworfen werden. An Ton und Ausdauer des Schepperns ist zu erkennen, wie der vorige Abend war. War was los, rummst es lange; aber es gibt auch kürze Glaskonzerte. Korrelation von Umsatz und Leergut. Wäre ich bei der Steuerfahndung, wüsste ich das.

Im Westerwald kannte ich einen Gastronomen, der mittags Kassenbons hatte und abends Zettel vom Block. Den traf ich mal bei Edeka beim Einkaufen, bar aus der Tasche, und in der Metro auf Rechnung. Einmal im Monat fuhr er mit Gattin ins Spielkasino nach Bad Ems. Die Belege davon hob er sorgsam auf. Falls mal gefragt wird…Der Laden lief mittags weiß und abends schwarz. Geht halt nur in der Gastronomie. Wer nix wird, wird Wirt.

Was ich noch aus meiner ARAL-Zeit weiß: Die renditestärkste Investition für einen Tankstellenpächter ist der Staubsauger, in den die Kunden Münzen zu werfen haben. Der wird an einem guten Tag mittels Rollgriff vier-, fünfmal geleert. Verschwindet in der Hosentasche. Einen auf dicke Hose machen, das kommt daher. All das Glück hat ein Ende, wenn alle nur noch bargeldlos zahlen.

Warum mir das eingefallen ist? Ein Notar erzählte mir gestern, dass Immobilienerwerber in Berlin die Kaufsumme in Koffern bar übergeben. Glatte ungeknickte Scheine hoher Notierung. Das wundert mich. Nicht wegen des Prinzips, sondern der Höhe.

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MAULHELDENTUM.

Ich bin es leid. Die Debattenkultur zeigt ein Heer von Heckenschützen und Tambourmajoren, die mit patziger Propaganda leichte Beute machen wollen. Ich entwickele darüber eine gewisse Sehnsucht nach Kontemplation, meint Gelassenheit.

Nur wer die Tram noch kennt, weiß was ein TRITTBRETT ist. Meine Frau Mutter hat unter der Zwangsrekrutierung des Nazi-Staates als junge Frau in Berlin als Straßenbahnschaffnerin arbeiten dürfen und sollte sich dabei der Trittbrettfahrer erwehren. In den Geschichten meiner Kindheit spielte die “Müllerstrasse im Wedding“ schon eine Rolle; bis heute Depot der Elektrischen. Man konnte damals Schwarzfahren, indem man auf die Trittbretter der anfahrenden Tram sprang. Das sollte die junge Frau verhindern; ein Unding, klagte sie.

Schwarzfahrer also, die auf einen fahrenden Zug aufspringen. Das belohnt heute der Algorithmus bei Twitter. In der Kriminalistik verliert der Begriff seine Sozialromantik des „free riders“. Hier werden so die verdeckten Nutznießer von Verbrechen anderer genannt. Eine verbreitete Charakterlosigkeit, die aus dem Hinterhalt nach perversem Ruhm oder erpresstem Geld strebt. Allen Trittbrettfahrern ist das Parasitäre gemein: aus einer fremden Sache eigenen Nutzen ziehen. Die Skrupellosigkeit der Feigen.

So auch die Haltung des “frontrunnig“ bei den Grünen und Gelben. Es imponiert mir nicht, wie die Lieferung von Angriffswaffen auch von jenen gefordert werden, die weder die Ziele der Panzerkanonen sein werden noch die Schützen. Krieg von der Couch. Mir imponiert auch die begleitende Propaganda nicht, die sich vorsätzlich dumm stellt, um dann rhetorisch geschickt schlau zu wirken. So sagt ein grüner MdB im Radio, die amerikanischen Kampfpanzer kämen nur deshalb in der Ukraine nicht zum Einsatz, weil sie eine so lange Anfahrt hätten, 9000 km. Darf ich fragen: War der Weg für die US-Tanks seinerzeit bis in Saddams Irak kürzer?

Aber auch in anderen Themen finde ich sie, die argumentativen Trittbrettfahrer. Dieses Maulheldentum. Eigentlich sollte man das toll finden, wenn man Meinungskolumnist ist. Strong opinions. Ich verliere daran aber die Freude. Kann ich mal was lesen, wo die niedere Absicht nicht durch ein bloßes Schamtuch verborgen ist?

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ODE AN DIE ÖDE.

Man verpasst auf der Autobahn durch das unsägliche Thüringen den Ort Weimar nicht, weil eine schreiend hässliche Steinmühle den Wegesrand ziert. Was für eine Öde.

Anfang Juni des Jahres 1831 schreibt Goethe an Eckermann, es sei ab jetzt völlig egal, ob er noch was tue und was, sein weiteres Leben sei ein reines Geschenk. Der Grund dieser Erleichterung ist erschütternd: Er hatte seinen FAUST, eine Tragödie, an der er immer wieder gearbeitet hatte, abgeschlossen und das Manuskript letzter Hand versiegelt. Weimar hatte sein Hauptwerk.

Das ist, was ich an Goethe echt hasse: immer die ganz große Geste, immer eine Nummer zu groß. Der FAUST ist eine völlig überfrachtete Kompilation aus Motiven alter Quellen und Menschheitsposen und als zweiteilige Tragödie schlicht unaufführbar. Übrigens uraufgeführt 1831 in Braunschweig. An einer elenden Provinzbühne. In einer Provinzhauptstadt.

OPUS MAGNUM, das große Werk: ein Etikett, das man sich als Autor doch nicht selbst verleihen kann. Wenn es künftige Generationen als Lob verleihen, na gut. Aber das fängt beim jungen Goethe ja schon mit seinem WERTHER an, der aus dem Hormonstau eines Rechtsreferendars in Wetzlar entstanden ist. Statt die Dame seiner Wahl zu beglücken, mit Lotte zu verlottern, haucht der Dauererregte ihr in die Ohren „Klopstock“; darüber weint man dann zu zweit ein wenig. Poooh.

Wie Braunschweig gegen den Faust spricht, so Wetzlar gegen Werther, eine ungemein belanglose Stadt. Und deren Umgebung galt Goethe als die allerschönste Natur. Es geht um das Lahntal, ein Nichts im Nichts; so wie die Lahn zu den überflüssigsten Flüssen gehört, die den Rhein erreichen. Noch dümmer nur die Oker, die Braunschweig das Brauwasser bringt. Eine Emscher aus dem Harz. Ich sollte mal im Stile Klopstocks eine Ode an das Öde schreiben.

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OHRWÜRMER sind ein Leiden, über das Menschen klagen, die musikalisch sind. Die haben dann in irgendeinem Aufzug eine Melodie gehört, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. Ständig müssen sie das dann nachsummen. Aber nie wird ein richtiges Lied draus. Verflixt! Das kenne ich aber nur vom Hörensagen. Ich selbst bin gänzlich unmusikalisch; das mit den verflixten Melodien ist mir völlig fremd. Aber es gibt wohl auch so was wie GEHIRNWÜRMER. Ich höre einen Gedanken und muss ihn noch Tage nachsummen. Meistens sind es nur Wörter. Genauer gesagt Gegensatzpaare. Kürzlich machte ein Medizinprofessor in einem Interview, das ich mit ihm führte, eine Nebenbemerkung, die mir nachhing. Jetzt lese ich das von ihm auch noch mal in einer großen Zeitung. Verflixt. Der Gedanke ist folgender: Es gäbe WISSEN und GEWISSEN, und das sei nicht das Gleiche. POLITIK ließe sich nicht durch Wissen rechtfertigen, nur durch Gewissen. Anlass in unserem Gespräch zu dieser Nebenbemerkung war Frau Merkel, die im Bundestag der AfD vorgehalten hat, dass es an der Schwerkraft und der Lichtgeschwindigkeit wenig zu rütteln gebe; deshalb habe sie, Merkel, in der DDR eben Physik studiert; den Naturgesetzen hätten selbst die Kommunisten nicht beikommen können. Das finden wir beide, mein Interviewpartner und ich, eher „vorkritisch“, weil schlau, aber nicht klug. Also, es schwirrt in meinem Kopf. Wissen versus Gewissen. In der Politik sollte man, sagt der Professor aus Bayreuth, seinem Gewissen folgen, nicht irgendwelchem Wissen, sprich irgendwelchen Wissenschaftlern. Klingt gut, auf den ersten Blick. Der Mann fordert damit aber doch ein PRIMAT DER MORAL. Gehe ich da mit? Ich bin nicht sicher. Denn das sagen die Irren der Verschwörungstheorie ja auch. Hier entsteht alternatives Wissen, sprich schlanker Aberglaube. Die empörte Moral als Treibstoff des Pogroms. Uhhhh, der Leibhaftige betritt den Raum. Auf der anderen Seite kann ich auch keinen blinden Glauben an Wissenschaft befürworten. Ich weiß zu viel, um zu glauben, dass wir viel wissen. Alle Aussagen über den apokalyptischen Klimawandel etwa, die finde ich vor allem wissenschaftlich dünn. Die Zweifel würde ich auch nicht los, wenn man mich als „Klimaleugner“ beschimpfen würde. In sich unsinnig. Das Klima kann man nicht leugnen. Deshalb fragt KANT so klug: „Was kann ich wissen?“ Wissenschaftelei über Dinge, die ich nicht wissen kann, das ist BULLSHIT. Vornehmer: Physikotheologie. Religion im Gewand von Wissenschaft. Und so summt es in meinem Kopf. Wissen vs Gewissen. Hmmm. Wie nach einer schlechten Aufzugsmusik. Was macht eigentlich dieser Lars Chrismes? Fiel 2020 wohl aus.