Logbuch
ERDBEBEN.
Die furchtbaren Erdbeben in der Türkei und Syrien zeigen, dass wir auf brüchigem Grund stehen. Mutter Erde ist eine Episode.
Als Spross von Bergleuten habe ich ihm nie getraut, dem Berg. Die Natur ist kein Spaß. Wer dann noch fahrlässig baut, kann alles verlieren. Der Berg ist eine Bestie.
Am meisten getroffen sind jene, die zuvor schon eine andere Bestie überfiel, der Krieg. Noch böser, weil vermeidbar.
Reichen wir über brüchigem Grund einander die Hand; viel mehr haben wir nicht.
Logbuch
VORFÜHRPECH.
Das geliebte Auto surrt ständig im Armaturenbrett; es ist zum Verrücktwerden. Aber als der Werkstattmeister es Probe fährt, da ist das Biest ruhig. Du stehst da wie ein Idiot. Das berühmte VORFÜHRPECH.
Schlimmer noch als die ausbleibende Panne ist der gelungene Trick, den keiner sieht. Das ist wirklich bitter, wenn dem Künstler etwas gelingt und die Welt schaut weg. Schlimmer als Unrecht zu haben, ist es, nicht verstanden zu werden. Die Tragik meines Lebens. Ein Appell an die Leser des Logbuchs.
Hier hieß es vor (!) der inzwischen berühmten Karnevalssitzung in Aachen („wider den tierischen Ernst“), dass die grünen und gelben Mariannes ihre phrygischen Mützen lüften werden. Also gut: Marianne ist das Flintenweib der (französischen) Revolution, die barbusig auf den Barrikaden steht und „am Allergeilsten“ zum Angriff verführt. Sie trägt dabei die sogenannte Jakobinermütze, die phrygische, das Zeichen der blutrünstigen AufrührerInnen.
So, und da wundert man sich über die Schmährede der altersgrauen Rüstungslobbyistin aus dem Rheinmetall-Land gegen den Führer der Opposition? Warum verrate ich das hier vorher, wenn es keiner merkt? Die FDP und der liberale Gedanke tun sich mit diesem Flintenweib keinen Gefallen. Eine ältere Dame, die sich selbst als „am Allergeilsten“ charakterisiert. Eine unwürdige Greisin, würde Brecht sagen. Ich habe kein Mitleid mit dem Opfer ihrer Schmährede, aber das war ein Eigentor der Bellizistin. Nicht das erste.
Falsch eingeschätzt hatte ich die grüne Marianne; das war weniger peinlich als befürchtet, wenn auch peinlich genug. Witzchen statt Humor, Sottisen statt Satire. Ich weiß, dass es leider gegen zwei Frauen geht, wo es doch gegen Männer gehen sollte. Sprich gegen die CDU-Granden Merz und Wüst. Der hatte übrigens die Haare schön. Mehr war nicht.
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DER DICHTERFÜRST.
Bert Brecht gilt als einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts. Er ist es. In diesem Jahr wird er 125 Jahre alt, also gefeiert. Ein Ozean an Dummheiten wird über ihn geschrieben werden. Ich leide schon jetzt.
Fangen wir mit seinem Geburtsort an; es wird notorisch Augsburg genannt. Das ist nicht in seinem Sinne. Wir lesen in seinem autobiografischen Gedicht VOM ARMEN B. B. folgendes: „Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern. / Meine Mutter trug mich in die Städte hinein, / Als ich in ihrem Leibe lag…“ Daran haben sich Generationen von interpretationswütigen Germanisten die Arme gebrochen, an der Symbolik der schwarzen Wälder, deren Kälte den Dichter nicht verlassen sollte, als er in den Asphaltstädten hauste. Ein Todesmotiv?
Mich fragt ja keiner. Der Großvater Brechts stammt aus Achern bei Sasbach-Walden im Rheingraben am Rande des Schwarzwaldes. Dort hat der Knabe Brecht häufig seine Sommerferien verbracht. Willst Du von Achern nach Augsburg, fährst Du durch den Schwarzwald. Im historischen Brechthaus war vor Jahrzehnten mal eine Arztpraxis, die ich, in das Elsass durchreisend, aufzusuchen hatte. Der Weißkittel dort hat mir das erzählt, mit dem armen B. B. und seiner Bude.
„Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich / Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit / Ich Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen / Aus den schwarzen Wäldern, in meiner Mutter, in früher Zeit.“ Bayern möge also aufhören, den Dichterfürsten für sich zu reklamieren; das ist das eine. Das andere ist, der notorische Pascha nennt zu seiner Abstammung keinen Vater, sondern nur den Mutterleib. Er kriecht unter den Rock. Später den der Helene Weigel.
Das wird ein ganzes Leben lang so bleiben. Länger noch. Selbst bei seinem Grab in einer Ecke des Dorotheenstädtischen Friedhofs muss er über die Weigel steigen, wenn er nachts mal durch die Asphaltstadt Berlin schlendern will.
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HUGENPOET.
Von den Karteikarten aus Bielefeld: „Steinhaufen vs. Krötenpfuhl“. Kröte wie Frosch oder Huge. Gemeint ist mit Krötenpfuhl wohl nicht der Wein aus Bad Kreuznacht, sondern ein Froschteich, niederdeutsch HUGENPOET genannt. Der Kartenbekritzler: „Der Steinhaufen ist ein Menge, kein System. Er kann niemals Gegenstand der Soziologie sein. Der Krötenteich aber ist ein System mit Elementen, Funktionen und einer Struktur.“
Fasziniert davon, dass die Frösche quaken. Es sind die Männchen, die den Weibchen auch über weite Distanz und in tiefer Nacht signalisieren wollen: Hier ist eine wunderbare Pfütze, in die sich herrlich laichen ließe. Dann im System des LEBENDIGEN erst Laich, dann Kaulquappen, dann Frösche, die immer wieder an ihren Geburtstümpel zurückkehren. Und nachts quaken. Ein System der Selbsterhaltung.
HUGENPOET schreibt der Bielefelder sei AUTOPOIESIS. So versteht man endlich, was das mit der POESIS soll, es kommt von POET, dem Niederdeutschen für PÜTT oder PFUHL, im Englischen „pit“, ein Loch mit Wasser. Sumpf. Wo die Frösche quaken. Die Karteikarten in dem alten Büroschrank erweisen sich als Fundgrube.