Logbuch
ERSTE ADRESSE.
Über einen Rechtsanwalt mit sehr berühmten Mandanten heißt es: er habe eine Kanzlei am Ku-Damm. Das gilt in Berlin als erste Adresse. Sie ist teuer. Wem nützt das?
In Düsseldorf heißt die erste Adresse Kö. Und in Frankfurt ist man an der Alten Oper. Die Olympe der Metropolen. Scheisser Scheiss. Als Kunde lerne ich so, dass die Gemeinkosten meines Dienstleister sehr hoch sind. Als kluger Kunde weiß ich ferner, wer das bezahlt. Ich. Wie doof kann man sein? Oder: Wie eitel? MARMOR ist das Fanal der ANALOGEN. Das war gestern.
In der Kulturszene New Yorks entstand der Begriff vom Off-Broadway für jene, die noch zu kämpfen hatten. Es gab auch den Off-Off-Broadway. Da stimmten die Kosten. Ku-Damm ist nach wie vor top, nicht so sehr bei Theatern (Touristenbumms), aber bei Boutiquen und Kanzleien. Der zu Eigenlob begabte Berliner Anwalt, dem die illustre Mandantschaft nachgesagt wird (er betont in der Presse, dass er nicht Prommi-Anwalt genannt werden möchte), hat im zweiten oder dritten Stock, ich erinnere mich, obwohl ich mich da hoch geschleppt habe, nicht mehr genau, diese Kanzlei, und zwar mit einer repräsentativen Bibliothek im Besprechungsraum. Ich gehe dran lang und lese meinen Namen, eines meiner Werke darunter. Alles gut. Geht doch.
Erste Adressen in allen Metropolen? Unter den großen PR-Agenturen wird gerade die Auflösung der Standorte ventiliert. Man behauptet, mit einem leichten Hauch des Kontrafaktischen, das liege daran, dass man geschäftlich so erfolgreich sei, dass man das Wachstum anders nicht mehr schaffe. Hmmm. Es hat nichts damit zu tun, dass die Belegschaft wegen der Pandemie ins HOME OFFICE verdammt ist und man merkt, welche Kosten das spart? Immer schon hat diese Branche hinter den edlen Fassaden von Schwarzarbeit gelebt und prekär entlohnten Freien oder Praktikanten. Jetzt erst recht.
Aber das Eigenlob ist notorisch, mal mehr, mal weniger verdruckst. Ich mache darüber im nächsten Semester als Honorarprofessor ein Seminar. Nennt sich akademisch: AUTOÄSTIMIERUNG. Meine Frau Mutter fand, unermüdlich mit dem beschäftigt, was sie für Erziehung hielt, es stinkt, das Eigenlob. Eine lebenskluge Frau.
Logbuch
KRIEGSGRUND.
Vor hundert Jahren begründete der in die USA emigrierte Wiener Jude Edward Bernays die PR. Ein ambivalenter Propagandist, der, aus Gründen der PR, behauptete, Sigmund Freud sei sein Onkel. Fehlleitend.
1954 lieferte er den Kriegsgrund für einen Putsch der CIA in Guatemala, wo der Lebensmittelkonzern UNITED FRUIT (Chiquita Bananen) eine demokratisch gewählte Regierung stürzen ließ. Unter der PROPAGANDA, hier gälte es, den Kommunismus aufzuhalten, der dabei sei, den Panamakanal zu besetzen. Eine Lüge. Merke: zur Bananenrepublik wird man gemacht; das ist man nicht einfach so.
Bernays nahm vom CHIQUITA große Schecks, er war da nicht zimperlich. Und verbrämte seine gut bezahlte Propaganda als eine Hilfestellung zur demokratischen Meinungsbildung, die die MASSENGESELLSCHAFT dringend benötige. Auch im Ideologischen war er nicht zimperlich. Die Idee seiner Zeit war, dass man die Massen führen müsse. Durch Werbung bei Konsumgütern und durch Propaganda in der Politik.
Mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds hatte das rein gar nichts zu tun. Die hier sachwaltende MASSENPSYCHOLOGIE ist ein vorkritisches Konstrukt aus dritten Quellen, die Zustände literarisch beschrieben, wenn der Pöbel ausrastet. Die Grundannahme war, dass das Individuum zwar vernunftbegabt sei, aber dies bei Anhäufungen verliere. Massen sind irre. Was wir heute als SACHSEN-SYNDROM erleben.
Die Erfahrung der Schlachthäuser Chicagos und der Fließbänder Detroits oder des Erfolges von Coca-Cola ließen vor hundert Jahren die HIDDEN PERSUADERS (geheime Verführer) zu Ehren kommen: mit der Werbung wurde auch Public Relations gesellschaftsfähig. Das Standardwerk dazu ist vom Bernays; ich habe zu einer deutschen Ausgabe das Vorwort geschrieben.
Inzwischen finde ich: zu unkritisch, aber doch erwähnend, dass Josef Goebbels das Standardwerk vom Bernays im Regal stehen hatte.
Logbuch
MACHTWECHSEL.
Die Nacht, in der ich ahnte, dass die SPD umbricht, aber noch nicht an Machtwechsel und dann den Regierungswechsel glaubte. Ein Erlebnis auf Gleis 16, Hauptbahnhof Hannover.
Fast schon Mitternacht, komme ich von einem Italiener, bei dem ein Ex-Kanzler und sein Luca B., dem Rotwein zusprechen, und will noch zum Zug nach Berlin, als ich hinter mir höre: „Mensch, Klaus…“ Es ist Sigmar Gabriel, allein (ohne Kommando) mit Aktentasche unterm Arm, auf dem Weg nach Goslar. Er hat noch Hunger, sagt er, und ich erzähl von den Tartarbrötchen mit Pfeffer und Zwiebeln, die es hier tagsüber gibt. Ich mag Sigmar G. und wäre vielleicht, hätte er gefragt, mal in die Politik gegangen, in sein Kabinett… Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Am Ende der Rolltreppe treffen wir oben auf dem Gleis auf Lars Klingbeil, der dort mit einer Genossin steht. Gabriel murmelt einen knappen Gruß und dreht sich auf dem Absatz um. Zug nach Goslar, wir nach Berlin. EIN ZEICHEN, ein klares OMEN. Verdutzt erzählt mir Klingbeil, man sei auf einem Townhall Meeting gewesen, das Gabriel sogar noch angeregt habe. Jetzt geht man sich aus dem Weg. Da war er, Lars K., noch wohlgenährter; ist also eine Weile her. Es roch aber nach dem bitteren Ende eines Rosenkriegs. Dass der Lars K. dann in die Mucki-Bude gehen würde, um aus Porky einen Spartakus zu machen, das habe ich in jener Nacht noch nicht geahnt.
Aber so geht Politik, genauer Parteipolitik. Das ist ja, was alle Jusos können: aus der Tiefe des Raums die Rebellion vorbereiten. So hat das auch der andere Juso und spätere Kanzler gemacht, der jetzt dem Vino Rosso zuspricht. Aber all das ahne ich heute und wusste ich in jener Nacht eben noch nicht. Ein DEPP, wer ein OMEN geschenkt bekommt, aber es nicht erkennt.
Logbuch
GRIECHISCHE INSEL.
Sehnsuchtsorte. Der einfache Tisch mit zwei Stühlen auf der Terrasse der Taverne am Hafen mit fangfrischem Fisch vom Grill, geharztem Wein und Anis auf’s Haus, natürlich zum Sonnenuntergang, auf einer kleinen entlegenen Insel. Zumindest einer unzugänglichen Landzunge mit Pinienbewuchs.
Das ist nur der Kitsch von Dr. Tigges, vielleicht. Aber dahinter leuchtet der Horizont Hölderlins, der das Griechische als Mythos ausbaute. Dazwischen der gescheiterte Bergmann Alexis Sorbas tanzend. Und ganz im Hintergrund segelt Odysseus, der Rastlose, verstrickt sich Ödipus in Vatermord wie Mutterliebe und leuchtet als Vorbild die großartige Antigone, über die Brecht dichtete:
„Antigone
Komm aus dem Dämmer und geh
Vor uns her eine Zeit
Freundliche, mit dem leichten Schritt
Der ganz Bestimmten, schrecklich
Den Schrecklichen.
Abgewandte, ich weiß
Wie du den Tod gefürchtet hast, aber
Mehr noch fürchtetest du
Unwürdig Leben.
Und ließest den Mächtigen
Nichts durch, und glichst dich
Mit den Verwirrern nicht aus, noch je
Vergaßest du Schimpf und über der Untat wuchs
Ihnen kein Gras.“
Wir lesen die GRIECHISCHE INSEL als ursprünglich, als das Paradies des einfachen und deshalb guten Lebens. Dabei war das Mittelmeer ein zwischen den damaligen Weltmächten umstrittener Raum. Um das „mare nostrum“ konkurrierten Griechen und Römer wie die Völker des Orients und Afrikas. Zur großen Politik kam die kleine: Heerscharen von Piraten.
Warum ist das Städtchen auf der Insel an die oberste Spitze des Vulkans gebaut, möglichst weit weg vom offenen Strand, nur dem Vertrauten auf einem zähen Esel zugänglich. Warum das italienische Sizilien voller griechischer Tempel. Warum Spanien über Jahrhunderte Heimat muslimischer Metropolen. Warum Homer so voller Zorn.
Wir sind in unseren Träumen vorsätzlich Idioten. Man sieht daran, was NOSTALGIE anzurichten in der Lage ist.