Logbuch

KRIEGSGRUND.

Vor hundert Jahren begründete der in die USA emigrierte Wiener Jude Edward Bernays die PR. Ein ambivalenter Propagandist, der, aus Gründen der PR, behauptete, Sigmund Freud sei sein Onkel. Fehlleitend.

1954 lieferte er den Kriegsgrund für einen Putsch der CIA in Guatemala, wo der Lebensmittelkonzern UNITED FRUIT (Chiquita Bananen) eine demokratisch gewählte Regierung stürzen ließ. Unter der PROPAGANDA, hier gälte es, den Kommunismus aufzuhalten, der dabei sei, den Panamakanal zu besetzen. Eine Lüge. Merke: zur Bananenrepublik wird man gemacht; das ist man nicht einfach so.

Bernays nahm vom CHIQUITA große Schecks, er war da nicht zimperlich. Und verbrämte seine gut bezahlte Propaganda als eine Hilfestellung zur demokratischen Meinungsbildung, die die MASSENGESELLSCHAFT dringend benötige. Auch im Ideologischen war er nicht zimperlich. Die Idee seiner Zeit war, dass man die Massen führen müsse. Durch Werbung bei Konsumgütern und durch Propaganda in der Politik.

Mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds hatte das rein gar nichts zu tun. Die hier sachwaltende MASSENPSYCHOLOGIE ist ein vorkritisches Konstrukt aus dritten Quellen, die Zustände literarisch beschrieben, wenn der Pöbel ausrastet. Die Grundannahme war, dass das Individuum zwar vernunftbegabt sei, aber dies bei Anhäufungen verliere. Massen sind irre. Was wir heute als SACHSEN-SYNDROM erleben.

Die Erfahrung der Schlachthäuser Chicagos und der Fließbänder Detroits oder des Erfolges von Coca-Cola ließen vor hundert Jahren die HIDDEN PERSUADERS (geheime Verführer) zu Ehren kommen: mit der Werbung wurde auch Public Relations gesellschaftsfähig. Das Standardwerk dazu ist vom Bernays; ich habe zu einer deutschen Ausgabe das Vorwort geschrieben.

Inzwischen finde ich: zu unkritisch, aber doch erwähnend, dass Josef Goebbels das Standardwerk vom Bernays im Regal stehen hatte.

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MACHTWECHSEL.

Die Nacht, in der ich ahnte, dass die SPD umbricht, aber noch nicht an Machtwechsel und dann den Regierungswechsel glaubte. Ein Erlebnis auf Gleis 16, Hauptbahnhof Hannover.

Fast schon Mitternacht, komme ich von einem Italiener, bei dem ein Ex-Kanzler und sein Luca B., dem Rotwein zusprechen, und will noch zum Zug nach Berlin, als ich hinter mir höre: „Mensch, Klaus…“ Es ist Sigmar Gabriel, allein (ohne Kommando) mit Aktentasche unterm Arm, auf dem Weg nach Goslar. Er hat noch Hunger, sagt er, und ich erzähl von den Tartarbrötchen mit Pfeffer und Zwiebeln, die es hier tagsüber gibt. Ich mag Sigmar G. und wäre vielleicht, hätte er gefragt, mal in die Politik gegangen, in sein Kabinett… Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Am Ende der Rolltreppe treffen wir oben auf dem Gleis auf Lars Klingbeil, der dort mit einer Genossin steht. Gabriel murmelt einen knappen Gruß und dreht sich auf dem Absatz um. Zug nach Goslar, wir nach Berlin. EIN ZEICHEN, ein klares OMEN. Verdutzt erzählt mir Klingbeil, man sei auf einem Townhall Meeting gewesen, das Gabriel sogar noch angeregt habe. Jetzt geht man sich aus dem Weg. Da war er, Lars K., noch wohlgenährter; ist also eine Weile her. Es roch aber nach dem bitteren Ende eines Rosenkriegs. Dass der Lars K. dann in die Mucki-Bude gehen würde, um aus Porky einen Spartakus zu machen, das habe ich in jener Nacht noch nicht geahnt.

Aber so geht Politik, genauer Parteipolitik. Das ist ja, was alle Jusos können: aus der Tiefe des Raums die Rebellion vorbereiten. So hat das auch der andere Juso und spätere Kanzler gemacht, der jetzt dem Vino Rosso zuspricht. Aber all das ahne ich heute und wusste ich in jener Nacht eben noch nicht. Ein DEPP, wer ein OMEN geschenkt bekommt, aber es nicht erkennt.

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KEIN HOFNARR.

Darf man als Publizist die Politik loben? Nein, man wäre ihr Propagandist. Darum muss, wer die Macht hat, den Spott ertragen.

Welche Rolle wächst in einer aufgeklärten Gesellschaft dem sogenannten Publikum zu? Es soll über jene, die das Gemeinwesen im Namen aller führen, kritisch wachen.

Nur Hofnarren finden im Lob des Fürsten Gefallen. Höfling zu sein, verbietet sich dem Intellektuellen. Das ist jetzt schade für die AMPEL, die das gerade so schlecht nicht angeht, aber ich beiße mir auf die Zunge.

Allenfalls hätte ich eine Anmerkung zum neuen Regierungssprecher, der damit scherzt, dass er den Bundeskanzler vielleicht sogar dazu bewegen könne, dass er demnächst bei TikTok tanzt.

Ich bin milde gestimmt. Das lassen wir der Ampel durchgehen.

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DELENDUM.

Etwas vollständig vernichten zu wollen, das heißt im Lateinischen kurz und böse: DELENDUM. Der Lateiner hat es gern kurz. Wird dadurch aber nicht besser.

Von dem römischen Politiker CATO DER ÄLTERE ist der Satz bekannt, dass er der Meinung sei, Karthago müsse zerstört werden. Er hat diese Auffassung gleichlautend an jede seiner Reden angefügt. Vermutlich bis seine Zeitgenossen es nicht mehr hören konnten. Und ihm Recht gaben.

Wir reden über eine Zeit, in der im Mittelmeerraum zwei Weltmächte um ihre Vorherrschaft kämpften; die Römer auf der italienischen Seite und die Karthager auf der afrikanischen, zeitweise einschließlich der spanischen. Das konkurrierende Karthago war von Rom in Feldzügen geschlagen worden; Waffenstillstand herrschte in einem trügerischen Frieden, fand CATO DER ÄLTERE und plädierte dafür, den Gegner restlos zu schleifen.

Man kann den großen Römer wegen seiner Rhetorik schätzen, aber als Kriegsherr ist er ein furchtbares Vorbild, vielleicht sogar verachtenswert. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Gerade lese ich auf Twitter, dass der stellvertretende Außenminister der Ukraine, ein in Berlin berücksichtigter Herr Melnyk, sich für die 50 Milliarden Dollar bedanke, die sein Land bisher an Unterstützung gegen den russischen Überfall erhalten habe, aber das reiche nicht, mahnt er. Man brauche das Zehnfache.

Jetzt der Satz: Dies stehe ja, so Melnyk, in keinem Verhältnis zu den Kosten des Zweiten Weltkrieges. So, ist das so? Darf ich als Deutscher die Zeilen Bertolt Brechts wiederholen, die er nach 1945 den unbedingt Kriegswilligen seiner Zeit ins Stammbuch schrieb?

„Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“