Logbuch

SUTER.

Komme nicht zum Schreiben, weil ich lese. Martin Suter, Melody. Verlegt bei Diogenes. Großartig. Erinnert an Max Frisch, Homo Faber (überschätzt). Spannend und fährtenreich. Ein tiefer Einblick in den Calvinismus. Eine Topographie verstellter Sehnsucht.

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NÜCHTERN.

In der Geschichte politischer Verfehlungen spielen Drogen eine große Rolle. Wir wissen, was Hitler nahm, Roosevelt nehmen musste, wie Churchill soff und von Vodka-Väterchen Stalin kann man es nur ahnen. Aber nüchtern war von denen wohl keiner.

Ich bin kein Experte amerikanischer Innenpolitik. Die dortige Parteienlandschaft ist mir ein Rätsel. Dabei paart sich meine innere Distanz zu den REPUBLIKANERN mit einem nachhaltigen Störgefühl gegenüber den DEMOKRATEN. Erklär es mir, Hillary Clinton, wie kann man gegen einen Donald Trump verlieren? Ich begreife es nicht.

Und wieder feixen sie („high five!“), die DEMOKRATEN, weil sie gerade Donald Trump eine Anklage servieren konnten, die ihn in New York vor Gericht bringen soll. Für meine Begriffe etwas, das „politisch“ riecht, also stinkt. Tiefer Staat. Man will damit wohl seine Nominierung zur nächsten Präsidentenwahl verhindern. Das verstößt gegen das IMMUNITÄTSGEBOT; verfassungsrechtlich gesprochen. Es wird ihm aber vor allem rechtspopulistischen Rückenwind geben, also DEMAGOGISCH gesehen zur Nominierung verhelfen. Ein böser Aprilscherz.

Es soll darum gehen, dass er, der Ausrichter von Miss-Wahlen, Schweigegeld für einen Pornostar, mit dem er die Ehe gebrochen haben soll, während die Gattin das Wochenbett hütete, steuerlich nicht ordnungsgemäß verbucht hat. Dazu wiederhole ich eine Frage eines englischen Kollegen, der anmerkt, dass Trump keinen Alkohol trinkt. Der geschätzte Gentleman sagt: Moment mal, der hat sich nüchtern in das Bett einer Pornodarstellerin begeben? Und dabei Diät-Cola getrunken? Das dürfte in der Geschichte politischer Verfehlungen wirklich einmalig sein.

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PRAHLHANS.

Überlieferung entsteht durch Wiederholung. Sie ist ein Kulturprinzip. Eine heimliche Wirkkraft. Insbesondere über sich selbst, da kann man gar nicht oft genug reden.

Man erfahre oft Dinge, die man schon kenne. Höre ich als Urteil über einen plaudernden Gastgeber. Ja, das kann sein. Der alte weiße Mann lebt von Episoden, deren Vorrat begrenzt ist. Es gibt den Modus „Opa erzählt vom Krieg“ halt auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

Das Witze erzählen wollen, es wird für den unfreiwilligen Zuhörer zur Qual, wenn die Überraschung durch eine gute Pointe, die uns herzlich lachen lässt, gänzlich fehlt; gar der schlechte Witz bekannt ist, weil allzu oft gehört. Es lacht dann nur der Erzähler, sein Publikum lächelt pflichtschuldig, aber gequält.

Wie man auf Empfängen jene Gäste meidet, die immer denselben Koi von sich geben. Meist noch mit schlechtem Atem. In ungelüfteter Kleidung minderen Geschmacks. Rasierwasser. Frische Geister mit Esprit sucht man eigentlich und trifft doch nur auf Langweiler mit Krankengeschichte.

Ein gewisser Hang zum Repetitiven, ab und zu sogar Redundantem, das kennzeichne das Werk, lese ich als literarische Wertung zu einem großen Schinken über den dramatisch überschätzen Thomas Mann. Der ist für mich der Prototyp des Prätentiösen, einschließlich seiner Entourage.

Der notorisch gemiedene Gast hat nur eine Chance seiner Eitelkeit ungebrochen zu frönen, er muss selbst Gastgeber werden. Das war früher in den großen Städten den Literarischen Salons vorbehalten. Dank der Sozialen Medien des Internets kann das heute jeder.

Prahlhans wird Prototyp. Weltherrschaft des Prätentiösen. Die Banalität des Bösen zeigt sich in Auto-Ästimation, dem Eigenlob. Unverhohlen hohl.

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NUTZGARTEN.

Natur ist nicht nett. Survival of the fittest, Dschungel, nicht die Idylle aus Blumenbeet und Kräutergarten. Was die Grünen nicht verstehen.

Wenn der Landschaftsgarten ein kitschiges Arrangement ist, also Kunst nachahmt, so ist der NUTZGARTEN eine Nachahmung der Landwirtschaft im Kleinen. Die Hässlichkeit dieser Gärten ist nur durch ihren Ertrag zu rechtfertigen, etwa die Größe einer Möhre. Gott, wie vordergründig.

Man erkennt die Fehlleitung des Gestaltungswillens schon an der Anlage der Beete, in denen den plattenbelegten Wegen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als den Pflanzen. Das Peinlichste sind diese Hochbeete, die aus jedwedem Müll zusammengezimmert werden. Nur noch übertroffen durch Tonnen, Kanister, you name it, die Regenwasser vorhalten. Sagen wir es offen, der Nutzgärtner ist ein erbärmlicher Spießer.

In Straßburg-Entzheim rede ich mit einer österreichischen Köchin, die für die Grünen ins Parlament gezogen ist, über ihre Attitüde, dass man die Landwirtschaft nicht der Kunstdünger- und Pestizid-Industrie überlassen dürfe. Sie erkennt mich, weil sie in Berlin ein Restaurant hatte, in das ich oft mittags mit Ministerialen ging. Und eigentlich kenne ich sie über ihren Ex, der auf Schalke notorisch war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die Frau ahnt nicht, welch ein Heilsbringer der Stickstoff für den kleinen Bauer war, der eine große Familie aus einem kargen Acker zu ernähren hatte. Das ist keine Nostalgie: Es gibt noch heute in weiten Teilen der Welt eine Unterernährung, die so gravierend ist, dass die Immunsysteme zusammenbrechen und schon Kinder schlicht elend verrecken. Das überzeugt sie nicht. Ihr Feindbild ist Nestle; sei’s drum.

Übrigens hat der Nachbar mit dem NUTZGARTEN ein Elsternnest auf seinem Apfelbaum. Das sehe ich mit Vergnügen, weil die Elster das intelligenteste Tier ist, deutlich vor den Affen, das ein phänomenales Gedächtnis zu seinen Futterverstecken hat. Die diebische Elster: Sie rührt aber die eigenen Vorräte nicht an, solange sie sich als NESTRÄUBER am Nachwuchs der anderen Vögel laben kann. Die nicht verzehrten, aber versteckten Samen führen dann in den Folgejahren zu bunten Gärten.

Aber nett ist das nicht, oder? Nachbars Kinder fressen? Ich sage der Wienerin: Die Natur ist nicht nett. Sie blickt mich ausdruckslos an; sie weiß schlicht nicht, was ich meine.