Logbuch
RESILIENZ.
Aktuelles Modewort: Die Fähigkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen. Seelische Widerstandsfähigkeit. Reproduktionskapazität. Beispiel: Ein älterer Herr (97), von seinem Sohn am Telefon nach seinem Wohlbefinden befragt, sagt, er habe beide Impfungen erhalten („ein Klacks“) und sei auch ansonsten mit dem „Service“ (gemeint: die Pflege) sehr zufrieden. Wenn ihm in der Einrichtung mal was nicht passe, höre man ihm zu und stelle es ruckzuck ab. Erstaunlich, denn es herrscht wahrlich kein Luxus. Der Mann zahlt das vollständig von seiner Rente; auch das ist ihm wichtig. Man kann nur hoffen, eine solche Einstellung zum Leben geerbt zu haben. Die Alternswissenschaft nennt es, habe ich gerade in Interviews mit den Akademikern dieses Fachs gelernt, das ZUFRIEDENHEITS-PARADOX. Gebrechlich und vergesslich, aber mit seinem Leben gänzlich im Reinen, zufrieden eben. Wie klein ist dagegen das Gejammere allenthalben.
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HEIMARBEIT.
Warum Hausarrest und räumlicher Entzug des Arbeitsplatzes sowie die zweckwidrige Nutzung der privaten Wohnung für Erwerbstätigkeit eines ENGLISCHEN Wortes bedurften, wissen die Götter. HOME OFFICE, was für ein albernes Wort für den Umstand, dass die wenigsten Familien über Immobilien verfügen, die eben das auch räumlich vereinbar machen, eine Familie zu haben und deren Lebensraum als Büro zu nutzen. In den großzügigen Villen der Vorstädte mag das klappen und bei Mittelständlern, die schon immer „selbst & ständig“ ran mussten. Oder bei den Beamten , die noch nie ins Büro mussten und wesentliche Teile ihres Tagwerks im steuerlich privilegierten „Arbeitszimmer“ verrichten durften. Aber viele Mieter erleben seit Monaten einen eigenen Stress. Man hat sie zu Klosterbrüdern und Nonnen gemacht, ohne ihnen eine Kathedrale und die Großzügigkeit einer Klosteranlage zu bieten. Eingesperrt in eine Zelle, das ist Knast, nicht Kloster. Vor allem aber fehlt die STRUKTUR DES LEBENS. Das gilt biologisch; wir brauchen die Nacht. Zu ununterbrochenem Schlaf. Und wir brauchen Mahlzeiten in festem Rhythmus. Das gilt aber auch kulturell. Wir brauchen Rituale und Geselligkeit. Der Tagesablauf im Klosterleben ist eisern geteilt, in Beten und Arbeiten, beides in kleinen Portionen, die ihre strikte Ordnung haben. Endlose Tage gehören zum Terror einer Irrenanstalt. Wenn die Struktur des Lebens fehlt, geraten Kinder nicht. Und Erwachsene werden deviant wie Rentner mit Käfigsyndrom. Es beginnt mit der Kleidung, die Disziplinlosigkeit, und setzt sich bei der Hygiene fort. Wir werden gerade ein Volk von Pennern. Wer sein Bett nicht mehr macht und in Jogginghosen durch den Tag kommt, hat sein Leben aufgegeben. Man wird die FABRIKGLOCKE noch bitter vermissen. Mag sie auch früher verhasst gewesen sein, die Knute des Kapitalisten, aber ihre Kehrseite war der FEIERABEND. Dann hatte der Arbeitgeber sein Recht verloren; das Proletariat gehörte sich selbst. Im Bergbau gab es zu Schichtende am Werkstor aus der Kelle einen halben Liter Schnaps. Pro Mann. Und dann ging es in die Eckkneipe oder gleich heim zu Mutti. Alles klar?
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NICHTSSAGEND.
Wenn man schon Slowhand lobt, wen könnte man aus der Welt von Rock & Pop als Pausenzeichen würdigen? Nicht nach dem Medienecho, sondern aus erlebtem MEET & GREET? Mein Vorschlag: John Bon Jovi. Bei Amis muss man immer Abstriche machen, aber dieser junge Mann, der hat das gewisse NICHTS.
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NUTZGARTEN.
Natur ist nicht nett. Survival of the fittest, Dschungel, nicht die Idylle aus Blumenbeet und Kräutergarten. Was die Grünen nicht verstehen.
Wenn der Landschaftsgarten ein kitschiges Arrangement ist, also Kunst nachahmt, so ist der NUTZGARTEN eine Nachahmung der Landwirtschaft im Kleinen. Die Hässlichkeit dieser Gärten ist nur durch ihren Ertrag zu rechtfertigen, etwa die Größe einer Möhre. Gott, wie vordergründig.
Man erkennt die Fehlleitung des Gestaltungswillens schon an der Anlage der Beete, in denen den plattenbelegten Wegen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als den Pflanzen. Das Peinlichste sind diese Hochbeete, die aus jedwedem Müll zusammengezimmert werden. Nur noch übertroffen durch Tonnen, Kanister, you name it, die Regenwasser vorhalten. Sagen wir es offen, der Nutzgärtner ist ein erbärmlicher Spießer.
In Straßburg-Entzheim rede ich mit einer österreichischen Köchin, die für die Grünen ins Parlament gezogen ist, über ihre Attitüde, dass man die Landwirtschaft nicht der Kunstdünger- und Pestizid-Industrie überlassen dürfe. Sie erkennt mich, weil sie in Berlin ein Restaurant hatte, in das ich oft mittags mit Ministerialen ging. Und eigentlich kenne ich sie über ihren Ex, der auf Schalke notorisch war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die Frau ahnt nicht, welch ein Heilsbringer der Stickstoff für den kleinen Bauer war, der eine große Familie aus einem kargen Acker zu ernähren hatte. Das ist keine Nostalgie: Es gibt noch heute in weiten Teilen der Welt eine Unterernährung, die so gravierend ist, dass die Immunsysteme zusammenbrechen und schon Kinder schlicht elend verrecken. Das überzeugt sie nicht. Ihr Feindbild ist Nestle; sei’s drum.
Übrigens hat der Nachbar mit dem NUTZGARTEN ein Elsternnest auf seinem Apfelbaum. Das sehe ich mit Vergnügen, weil die Elster das intelligenteste Tier ist, deutlich vor den Affen, das ein phänomenales Gedächtnis zu seinen Futterverstecken hat. Die diebische Elster: Sie rührt aber die eigenen Vorräte nicht an, solange sie sich als NESTRÄUBER am Nachwuchs der anderen Vögel laben kann. Die nicht verzehrten, aber versteckten Samen führen dann in den Folgejahren zu bunten Gärten.
Aber nett ist das nicht, oder? Nachbars Kinder fressen? Ich sage der Wienerin: Die Natur ist nicht nett. Sie blickt mich ausdruckslos an; sie weiß schlicht nicht, was ich meine.