Logbuch
Was bringt die Entschleunigung der Pandemie? Gelegenheit, auf jene zu hören, die die Zukunft sein werden. Vorerinnerung. Der passende Moment , jetzt mal seine Hausaufgaben machen zu wollen. Ich höre, dass die eingeschlossenen Menschen ihre Keller und Garagen aufräumen, die Schränke und Regale leeren. Den Schreibtisch. Entrümpeln. Alle Leichen des Prokrastinats beerdigen. Gut. „Du musst Dein Leben ändern.“ Von wem war das? Sloterdijk hat so ein Buch betitelt, oder? Neufassen. Vielleicht auch die eigene Gesundheit. Oder diese und jene Zwangsmitgliedschaft. Wenn die Irren Sekten gründen, treten die Klugen aus ihren Kirchen aus. Schwimmen durch den großen Fluss? Ja und nein. Frühlingserwachen? Ja und nein. Denkpausen? Ja, das schon. Entlassung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.
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Der Lateiner sagt: GRAVITAS. Jemand von Gewicht sein. Einen Raum ausfüllen können. Einen Satz sagen, der kein Geplapper ist, nur einen. Eine Vision vertreten können, zumindest eine Ansicht . Etwas geleistet haben. Meine Frau Mutter hat sehr genau zu unterscheiden gewusst, ob ein Anzug leer war oder nicht. Auch eine Posse hat sie verziehen. Aber nicht die Pose. CHARAKTER. Wir vermissen das in der politischen Klasse. Jetzt gerade im Fernsehen der halbe SPD-Vorsitzende oder der Kinderbuchautor, der die Grünen anführen soll. Norbert Walter Bore-Dance spricht von seinen „Vorgängern“ mit der Nachsicht eines Sonderpädagogen. „Meine Vorgänger“, sagt er. Er hat sich für das Sommerinterview ein neues Hemd besorgt, so ein legeres mit Innenbordüre. Leider nicht in seiner Größe. Immer wenn der Blick auf das Große und Ganze ins Leere geht, schaut man auf das Kleine. Und unfeine. Es bleibt dann dieser schale Nachgeschmack. Aber das ist vielleicht ungerecht. Man darf nicht als Zeitgenosse urteilen. Es braucht den historischen Blick. Alles Charisma entstammt dem Rückblick. Na ja. Fast alles. Nein, nicht alles. Wir werden dauerhaft unter unserem Niveau regiert.
Logbuch
Mein Doktorvater ist am Freitag achtzig geworden. Er hat bis heute eine Fan-Gemeinde. Eigentlich zwei. Er hat, wenn man den Lutherschen Begriff nutzen darf, Jünger. Nach wie vor. Und er hat Verehrer, wenn man das Wort mal ganz ohne erotische Konnotationen nimmt. Ich war nie sein Jünger und bin bis heute ein Verehrer seiner Gelehrsamkeit. Die Dinge zu Ende denken können. Alles, schlicht alles gelesen zu haben. Latinitas. Sein Werk ist auf einem Niveau, dass ihn selbst unter den Fachwissenschaftlern allenfalls fünf Prozent verstehen. Der Mann hat die kognitive Gnadenlosigkeit eines Kant. Das macht natürlich einsam. Sein Leben ist nicht frei von Rückschlägen; besonders einer schmerzt beim bloßen Zurkenntnisnehmen. Ich habe ihm in einem kleinen Brief per Post gewünscht, dass er hundert werde (im Internet ist er nicht, er wird dies hier nicht lesen können).
Logbuch
WAS MAN NICHT WEISS.
Selbstzweifel können ein Zeichen von Intelligenz sein. Hoffe ich. Sonst bliebe mir nur das Eingeständnis, dass ich keine Ahnung habe. Zum Beispiel WAGNER.
Ich habe keine Ahnung, was in Russland passiert ist, was den Putschversuch der Söldnertruppe WAGNER betrifft. Keine. Und die Medien machen mich nicht schlauer. Von den abgeschmackten Talkshowrunden erwartet das ja auch niemand mehr. Nicht mal Professoren der Bundeswehrhochschulen wissen mich noch zu erleuchten.
Nun lese ich, dass amerikanische Geheimdienstkreise den Putsch schon lange erwartet hätten. Das steigert meine Skepsis weiter. Sind das die gleichen Kreise, die die Sabotage der Unterwasserpipeline, angeblich durch ukrainische Kräfte, schon lange erwartet haben? Ich weigere mich, den Verschwörungstheorien im Netz auch nur zu lauschen. Stichwort: PC von Joe Bidens Sohn. Schluss damit. Stand: Ich weiß nicht, was da los ist.
Man könnte eine Professorin der Bundeswehrhochschule fragen. Ich sehe da eine auf Twitter, die den sozialen Mut hat, in der Öffentlichkeit Zigaretten zu rauchen. Wir reden von Tabak, Ihr Kiffer! Mahlborro. Man findet die Held:innen:Tat in den Feuilletons gepriesen, dass sie sich eine angesteckt habe; und zwar von ihr selbst. Sie sagt auch wo und bei wem; und es fallen für den Insider seriöse Namen. Aber, Himmel hilf, welch eine Pose.
Einen, den ich ernsthaft hätte fragen wollen, was da los ist, im Kreml, den hat der Herrgott schon abtreten lassen; meinen alten Chef bei der Ruhrgas AG; und von denen, die noch da sind, trau ich keinem. Also lerne ich damit umzugehen, dass ich nicht wissen kann, ob der Putsch ein vorgetäuschter war und wenn warum. Mir ist eine Formulierung des großen IMMANUEL KANT geläufig: „Was kann ich wissen?“ Das kann ich nicht wissen.
Was ich aber weiß, ist, dass eine Hochschule der Bundeswehr keine Universität ist. Das sind zwei oder drei Anstalten zur Ausbildung von Offiziersanwärtern. Wenn Schütze Arsch ins Casino will. Zutritt zur Hochschule erhält, wer körperlich und charakterlich geeignet ist (da wär ich schon ausgemustert) und Fachhochschulreife hat (das würde ich schaffen). Lehrkörper:innen müssen auf Lunge rauchen können.
Darf ich als „anerkannter KDV“ (und Ersatzreserve II) erwähnen, dass ich auch aus Kreisen der Militärs keine Erleuchtung erfahren habe, was in Russland los ist. Nicht mal von Merkels Brigadegeneral. Ich werde mal Doris in Hannover fragen, ob sie von Boris näheres weiß. Was? Die sind nicht mehr zusammen? Ich bin echt aufgeschmissen.