Logbuch

LOVELY RITA.

Mit Nachrufen sollte man bedächtig umgehen, jedenfalls wenn man den Verstorbenen noch mal tadeln möchte, was sich nicht gehört. Nihil nisi, so heißt der Code für dieses Gesetz der Totenruhe. Ich will jemanden, den ich gar nicht näher kannte, loben. Rita Süssmuth war eine beachtliche Frau, weil sie das Konservative in liberaler Gesinnung konnte, ohne jemals reaktionär zu sein. Sie konnte CDU ohne auf die schiefe Ebene zu AfD zu geraten. Das wird das Land künftig brauchen.

Ich habe früher manchen Spott geäußert. Sie war für uns, die linken Studenten der linken Fächer linker Unis, eine katholische PH-Professorin, sprich von jenen halben Hochschulen, die Lehrer für Minderbegabte ausbildeten, heute Flachhochschulen oder „Berufsschule plus“ genannt. Es gab akademischen Dünkel. Dort promovierte man nach Schavan-Manier; das nahm niemand mit wissenschaftlicher Ambition ernst.

Dann kam für die Politikerin eine wirkliche Herausforderung gesundheitspolitischer Art, nämlich AIDS. Es hätte nahe liegen können, daraus ein gesellschaftspolitisches Fiasco zu machen, eine soziale Epidemie der Schwulenfeindlichkeit. Rita hätte versagen können, wie es Jahrzehnte später Angela in anderer Sache passierte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Rita versagte nicht, sie setzte eine pragmatische und mutige Anti-AIDS-Politik durch; es kann nicht leicht gewesen sein, über Pariser zu reden, wo Paternalismus herrschte. Der Hass des Dicken war ihr gewiss; der dumpfe Kohl hat sie gemobbt, wo er konnte. Rita hatte regelrecht Angst vor ihm, erzählt mir ein hervorragender Journalist, der sie näher kannte. Rita wurde gleichwohl keine Mutti.

Was also lobt mein Vers? Man kann schwarz sein ohne braune oder blaue Töne. Man kann Lehramt ohne Lusche; Frollein, ohne Doofsein. Man kann Mut ohne Macho. Möge ihr die Erde nicht zu schwer werden.

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BLACK BOX.

Lese noch eine zweite Biografie des großen Vorsitzenden im großen China (Kevin Rudd) und weiß weniger als zuvor. Mich treibt der Respekt vor der nun wirklich großen Industriellen Revolution, die dieses Land gestaltet hat, dessen Geschichte schon ganz andere Phasen hat aushalten müssen. Man muss wohl sagen, dass dies die größte Industrialisierung ist, die die Welt bisher gesehen hat. In den Strukturen Maos? Gute Frage.

Noch klingt ja die tiefe Verachtung nach, mit der die alten Kolonialmächte den chinesischen, indischen, überhaupt asiatischen Ländern begegneten. Man kann hier sein Churchill-Bild gründlich überarbeiten; der Mann war wohl unzweifelhaft ein wirklich böser und blöder Rassist. Aber das ist, wie ein anderer Vertreter des englischen Empire sagte, eine andere Geschichte.

China bleibt eine BLACK BOX, weil wir die historisch gewachsene Durchwirkung von Kommunistischer Partei und Staat nicht durchschauen, weil dieser wiederum einen ganzen Kontinent in vielfältigen Gliederungen umgreift und schließlich die wahren Gründe für die notorischen Säuberungen immer im Dunklen bleiben. Ich bin in tiefem Zweifel, dass der amerikanische Geheimdienst da schlauer ist als der chinesische selbst. Es gehört zur inneren Soziologie solcher Machtapparate, dass sie auch dort für Okkultes sorgen, wo die Motive scheinbar offensichtlich. Jedenfalls ist Xi Jingping von langjährig Vertrauten umgeben; das scheint einiges zu erklären, verbirgt aber die jeweiligen Wahrheiten zugleich.

Das Wesen der BLACK BOX besteht darin, dass Du ihr Funktionieren beobachten kannst, aber daraus nicht auf die inneren Strukturen schließen. Das System agiert immer aus seiner Struktur, offenbart diese aber selten. Kybernetik für Anfänger. Ich sage zwei Dinge. Erstens, es gibt keine China-Experten. Zweitens, Xi ist so alt wie ich. Seine Mutter ist 99 und lebt noch. Von uns, wenn ich das mit dem allergrößten Respekt sagen darf, ist also noch was zu erwarten. Wir erwägen, große Flüsse zu durchschwimmen.

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DIE GELBE GEFAHR.

Mein Großvater mütterlicherseits war ein Opfer der kommunistischen Propaganda seiner Zeit und kein Freund Chinas; er plapperte etwas von der gelben Gefahr nach. Ich war noch kindlicher Zuhörer, aber erinnerte die Formel noch, als mich Jahre später längst eine pubertäre Begeisterung für den großen Vorsitzenden Mao ereilt hatte. Das legte sich mit dem Studium der geschichtlichen Wirklichkeit. Heute lese ich zur Politik des jetzigen Herrschers Xi Jinping. Beachtliche Karriere. Bevor wir hier über Meinungen dazu reden, stellen sich dem Privatgelehrten immer die elenden Methoden zum Problem.

Wer sich den historischen Größen sozialpsychologisch nähert, erfährt allerhand Unsinn. So soll der „red emperor“ als Baby von seinem Papa Xi Zhongxun wenig gekrabbelt worden sein. Eine seiner Schwestern beging Selbstmord und der Vater fiel einer sogenannten Säuberung zum Opfer. Das lese ich bei einem Biografen (Michael Sheridan) und weiß mir daraus kein Urteil zu bilden. Ich psychologisiere ungern. Vage Methode. Die politische Ökonomie ist mir lieber.

Wegen Eisesglätte brauchte ich Stiefel mit groben Gummisohlen. Bei „Budapester“ am Ku’damm gibt es leider kein ungarisches Schuhwerk aus kanadischem Pferdeleder mehr (früher meine Wahl) und ich erwerbe englische Stiefel in bestem Schaftleder mit rutschfester Sohle zu 795 €. Auch Geld. Einer Empfehlung folgend gehe ich anschließend zu „Deichmann“ und erwerbe dort über einen Importeur in Pirmasens (früher die Schuhstadt) einen noch perfekter besohlten Kollegen für 69 €. Er ist stolz genug innen zweimal zu erwähnen, dass er MADE IN CHINA. Alta Schwede, das ist ein Zehntel. Weniger fein als Crocket & Jones, der MADE IN ENGLAND, aber hält wahrscheinlich ewig. Für ein Zehntel.

Mit einem Faktor 10 ist jede Ökonomie am Ende. Verstehen das die Deppen, die hierzulande über Null Emissionen faseln? Geistige Rikscha-Fahrer. Das wäre damit auch alles, was ich zum Zustand des Westens zu berichten hätte. Der Osten ist rot.

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WER IST IN ECHT JOURNALIST?

Der liberale Rechtsstaat billigt Journalisten ein „Zeugnisverweigerungsrecht“ zu; ein großes Privileg. Sie können QUELLENSCHUTZ mit Informanten vereinbaren. Wie Priester und andere Berufsgeheimnisträger. Wer aber ist ein wirklicher Journalist?

Der Beruf hat keinen geregelten Zugang; so fängt es mal an. Jeder Clown kann sich publizistisch beschäftigen lassen. Die Quote von Karriere-Chaoten ist hoch. Was nicht gegen die Edelfedern sprechen muss. Ganz im Gegenteil. Viele Genies, wenige Trottel. Das Salz der Erde. Mein Ernst.

Früher gab es  offizielle JOURNALISTEN-AUSWEISE, die sehr begehrt waren, weil sie einen ganzen Reigen von Rabatten ermöglichten. Natürlich eine milde Form der Korruption. Der Missbrauch stand in der Tür: obskure Anbieter von solchen Ausweisen schossen ins Feld. Jeder Trottel konnte sich einen PRESSEAUSWEIS kaufen. Kein verlässliches Kriterium mehr.

Die PR suchte sich, übrigens seit ihrer Geburtsstunde, als Presse zu tarnen. Damit kamen nicht nur eitle Scharlatane zum Zuge, sondern auch veritable Gegner, jedenfalls Gegenspieler, von braven Pressesprechern bis hin zu üblen Propagandisten. In der PR war der Missbrauch der Pressefreiheit ja schon strukturell angelegt, obwohl auf der Visitenkarte „Journalist“ stand.

Dann entließen die Verleger anständig bezahlte Redakteure in die prekäre Scheinselbständigkeit, in der sie Presse und PR und Werbung machen mussten, Firmen gründeten oder Stütze aufstockten, um zu überleben. Selbst Günter Jauch will als Journalist gelten. Und der unerträgliche Tilo Jung&Doof. Stehen auch all denen die Privilegien des Journalismus für all ihre Auftragsarbeiten zu?

Schließlich die digitale Revolution. Damit fielen alle Grenzen. Deregulierung. Ist der Blogger ein Journalist? Wann und wann nicht? Ich selbst betreibe einen Blog, der inzwischen aus täglichem Erscheinen mehr als eintausend Glossen aufweist. Gelegentlich auch unter der Streiflichtqualität, aber immer unabhängiger Meinungsjournalismus. Das ist nicht wenig, 1000 Stücke. Und ein Periodicum. Mit Impressum. Reicht das? Macht mich das zum Journalisten?

Das Presserecht bedarf dringend der Aktualisierung; da müssen der Gesetzgeber und die Gerichte ran. Ja, Richterrecht. Von den beiden Journalistenverbänden ist da nichts Substanzielles zu erwarten; das sind immer und ÜBERALL (pun intended) die Trottel der Branche in der traurigen Rolle der Vereinsmeierei. Es braucht mehr Richterrecht!