Logbuch
TISCHMANIEREN.
Den Kulturbanausen erkennt man daran, dass er frisst wie ein Schwein. Zumeist zerteilt er dazu die Speise eingangs in Häppchen, die er dann schmatzend löffeln kann. Barbaren, auch im guten Restaurant.
Es gibt Menschen, die mit der Handhabung des Essbestecks im Restaurant so vollständig überfordert sind, dass man unfreiwillig erfährt, wie die wohl zu Hause essen. Wahrscheinlich mit bloßen Händen (McDonald) oder dem Löffel als Schaufel (Kantine). So erkennt man zielsicher den Barbaren, auch wenn ihn der TravelAdviser mal außerhalb seines Habitats (Couch) in ein Restaurant geführt hat. Sie fressen.
Der Barbar hat die Gabel in der Faust und sticht damit von oben nach unten in sein Mahl, das er dann portionsweise ins stets offene Maul wirft, das sich eine Handbreit über dem Teller befindet. Seine Motorik ist auf der Baustelle einem Bagger abgeschaut. Ich rede gar nicht von Fischbesteck oder Hummerwerkzeug oder Saucenlöffel oder Messerbänkchen, also den schwierigeren Sachen. Ich rede von Messer und Gabel. Dem Elementarsten. Sie können es trotzdem nicht. Von der Grazilität eines Asiaten mit den notorischen Stäbchen sind sie Jahrhunderte entfernt, diese Barbaren. Eine Seezunge wird zum Waterloo. Fastfood vertieft den kulturellen Graben noch. Ein Versuch der Nachhilfe.
Messer und Gabel, jeweils in unterschiedlichen Händen, werden in der Zubereitung des Bissens, also der jeweiligen zum Mund zu führenden Portion der Speise, waagerecht gehalten, nicht senkrecht. Horizontal, Ihr Prolls, nicht vertikal. Erst beim eigentlichen Verspeisen nähert sich die Gabel aus der Brusthöhe eines aufrecht sitzenden Menschen, Ellenbogen eng am Brustkorb, dem noch geschlossenen Mund, der kurzzeitig geöffnet wird. Beim Messer ist eh klar, dass es zum Zerschneiden eine zarten Horizontalbewegung folgt. Das ist doch keine Stichwaffe. Man schneidet; das ist auch kein Zerstampfer. Insgesamt gilt: Nicht wie der Bauer die Forke. Eher wie ein Cellist den Bogen.
Das ist nicht so arrogant wie es klingt. Gehen wir zu einem einfachen Mahl. Noch aufschlussreicher ist, wenn Spaghetti serviert werden. Ja, man isst sie nur mit einer Gabel. Zarte Wickelbewegung. Du weißt alles von einem Menschen, wenn Du gesehen hast, wie er Spaghetti isst. Nein, man schneidet sie nicht mit Messer und Gabel zu einem Brei, den man ablöffeln kann, so wie man es mit den Alete-Gläschen gelernt hat.
Ich wollte schon beim Franzosen oder Italiener verzweifeln, bis ich dann KFC gesehen habe, den Hähnchenflügelbräter. Panierte fettige Schlachtabfälle aus einem Eimer mit der bloßen Hand. Barbaren.
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ADJU-TANTEN.
Ein Unternehmenslenker soll ein guter Redner sein, der beste. Ich kenne den Herrn gar nicht. Nie gehört. Aber sein Redenschreiber gibt jetzt Interviews, wie er das hingekriegt hat. Ich bin irritiert.
Aus der Schule geplaudert. Von Ferdinand Piëch habe ich einiges gelernt. Unter anderem das mit den ADJU-TANTEN. Er fragte, wenn er ein GENIE entdeckte, stets: „Wer macht ihm das?“ Das zeigt eine gehörige Portion Skepsis, nämlich die Erfahrung, dass hinter der besonderen Begabung oft Handwerk steckt, angeeignetes Handwerk. Piëch interessierte sich stets für die BOGENSPANNER.
Ein Begriff aus der Welt von Pfeil und Bogen, als dem mittelalterlichen Schützen die gespannte Armbrust gereicht wurde. Die Franzosen schnitten den englischen Kriegsgefangenen übrigens den Mittelfinger von der spannenden Hand. Seitdem ist der hochgereckte Mittelfinger (digitus impudus) übrigens ein Ausweis der noch vorhandenen Wehrhaftigkeit. „Ich kann noch!“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Im Montanwesen heißt der ADLATUS handfest ZUSCHLÄGER. Übrigens nicht wegen des geschwungenen Schmiedehammers oder seiner besonderen Fertigkeiten bei Kneipenschlägereien, sondern wegen des geheimen Wissens um Legierungen, also des mineralischen Zuschlags zum verhütteten Metall. Im Militärischen sprich man von den ADJUNTANTEN, die dem Feldherrn zur Hand gehen. Wir Pazifisten machten uns über die lustig durch eine kleine Sprechpause zwischen dem AJU und den TANTEN. So wie beim Gendern.
Aber bleiben wir im Zivilen, dem Kampf mit Worten. In meinem Beruf sind es die Redenschreiber, die die großen Worte großer Männer zu Papier bringen, bevor sie deren Lippen verlassen. Auch ich habe als ein solcher Tintenkleckser begonnen; GHOSTWRITER genannt, ein verborgenes Amt. Hier erklärt sich das Interesse von Ferdinand Piëch, der nicht von Hause aus als Meister der Worte galt; er wollte wissen, wer das CHARISMA gebastelt hatte, mit dem andere GENIES auftraten. Weil es ein Geheimnis zu sein hat, wer den Rhetor fütterte.
PR ist die okkulte Kunst, Handwerk als Begabung erscheinen zu lassen, Profession als Berufung, Geschick als Gabe. Wir konstruieren das Authentische. Damit prahlt man nicht.
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PUTINS FEIND UND HELFER.
Der ukrainische Fascho-Bewunderer im Gewand eines Botschafters scheint entlassen. Er war hierzulande Putins bester Mann.
Mehr ist nicht zu sagen.
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MARATHON.
In Berlin findet an diesem Wochenende ein Marathonlauf statt, der die Straßen der Innenstadt den Autos entzieht und den sportlichen Massen gibt. Dazu habe ich als Anwohner eine Meinung, die nicht zählt. Als Bürger sage ich: Soll so sein. Schließlich ist zu feiern, dass im Jahr 490 v. Chr. die edlen Athener die elenden Perser geschlagen haben; dieser Sieg, das war die Botschaft des ersten Marathonläufers.
Nun haben die Aktivisten der LETZTEN GENERATION angekündigt, dass sie den Lauf blockieren wollen. Wg. Klima. So wie sie gerade das Brandenburger Tor mit Farbe beschmiert haben. Wg. Klima. Ich sehe im TV eine Sprecherin der LETZTEN, eine hysterische Dame der Oma-Generation mit dem Spruch, vor dem Klima könne man auch nicht weglaufen. Bei mir um die Ecke haben die Aktivisten ein Quartier in einer Kirche; dort filmt, als ich den Beussel Kiez erwandere, ein abgerissener Opa frech die vorgefahrene Wanne (Mannschaftswagen der Polizei). Beide Typen, Kampf-Oma wie Provo-Opa, könnte ich noch aus den Zeiten kennen, als wir „Ho, Ho, Hotschi Min!“ skandierten.
Es ist doch schön, wenn die Oldies im Alter noch eine Aufgabe haben. Und die Kids eine eigene Endzeit, derer sie sich erwehren. Jetzt aber mal im Ernst: Ihr verwirkt gerade den Anspruch darauf, noch ernst genommen zu werden. Man muss sich dieses Respektes selbst vor einer rigorosen Meinung auch würdig erweisen können.
Falsch, ist keine Meinung, sondern WISSENSCHAFT. Sagt der bullenfilmende Altachtundsechziger an der Wanne mir, dem promovierten Passanten. Ich frage ihn, ob er einen Abschluss hat. Statt einer Antwort spuckt er aufs Trottoir. Das ist also das, was Habermas deliberative Demokratie nennt. Egal, ich schlendre weiter Richtung Plötze. Da gehören sie eigentlich hin, geht mir durch den Kopf. Der Gedanke ist zu verwerfen.
Ob der historische Marathonlauf nun 38 km ausmachte oder über hundert (also von Sparta nach Athen ging), ist strittig. Für mich eh unerreichbar. Meine Physio will, dass ich 10.000 Schritte am Tag mache, also 10 km. Da könnte sich mal einer von der LETZTEN GENERATION in den Weg stellen und mir beim Schonen helfen. Jedenfalls schlugen damals 3.500 Christen aus Athen das Heer der 25.000 persischen Muslime, ohne ihre Mitgriechen aus Sparta hinzuziehen zu müssen. Das war im Jahr 490 v. Chr. So was weiß der studierte Mann.