Logbuch

DAS RECHT AUF LÜGE.

Der schon sehr alte Kant, manche sprechen von dem senilen, stellte sich selbst die Frage, ob man aus Menschenliebe lügen dürfe, und erdachte dazu ein Fallbeispiel. Ein Mörder steht vor der Tür und fragt, ob man jemanden bestimmten, den er suche, verstecke. Soll man nun die Wahrheit sagen, wenn genau das der Fall ist?

Darüber debattieren der Dichter Daniel Kehlmann („Lichtspiel“) und der Philosoph Omri Boehm („Universalismus“), weil der von den beiden geschätzte Kant völlig rigoros geantwortet hat. Man dürfe nicht lügen. Auch nicht unter diesen Umständen. Viele seiner Schüler haben die rigorose Antwort seiner Altersdemenz zugerechnet. Kehlmann führt das Argument eng und fragt den New Yorker Juden Boehm, ob das auch gegolten hätte in der Braunen Zeit und wenn die Gestapo vor der Tür gestanden hätte. Ich will nicht verraten, wie die Debatte der gelehrten Klugscheißer ausgeht, da bei Propyläen als Buch verlegt.

Habe aber doch eine Anmerkung zum KATEGORISCHEN IMPERATIV vom ollen Immanuel. Das Ding lautet nämlich kurzgefasst: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Es geht hier nicht um Moral im Sinne eines praktischen Fehlverhaltens, also die Niederungen des Alltagslebens. Wie er überhaupt kein Moralapostel ist. Verfehlungen im Praktischen sind ohnehin dahingestellt. Es geht darum, welche Maxime im Alltag zum Tragen kommt und ob sie lediglich meine banale Niedertracht oder mein Tiersein bedienen kann. Oder ob ich als Mensch handeln will. So, dass das Gesetz meines Verhaltens für jedermann gelten könnte. Der Mensch in diesem Sinne ist immer Zweck, nie Mittel. Klar?

Es geht um eine Debatte über legitime Maximen vor einem aufgeklärten Publikum. Um die Vernunft der allgemeinen Gesetze.  Das ist das Gegenteil von Fanatismus. Und was ist jetzt mit den braunen Bullen im Hausflur? Wenn ich mich recht erinnere, hat niemand die Pflicht, sich selbst zu belasten, oder? Und den Nachbarn? Den doch? Empfehle dazu das neue Buch von Götz Aly („Wie konnte das geschehen?“)

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HITLERJUNGE QUEX.

Alptraum. Erschreckt von Wiedergängern. Gestern sah ich ihn in den Nachrichten, den jungen Horst Wessel. Und Diederich Hessling, der immer an den Ohren litt. Hitlerjunge Quex, der Befehle so schnell befolgte wie Quecksilber. Ich sah Joseph G. als Knaben. Tiefer Schrecken. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Nun muss ich meine Abneigungen sortieren. Die abgeschmackten Kommis der SED-Linken nehme ich ohnehin nicht ernst. Mir gefällt natürlich nicht, was ich bei den Jungen Grünen höre, aber winke es durch als quasi-religiöse Radikalität der Jugend. Mir gefällt nicht, was Jusos da pubertär erhitzt vortragen, um die Alte Tante SPD zu erzürnen. Mich irritieren die Jungschen in der CDU, diese Alerten, denen Oma nicht auf der Tasche liegen soll. Was ich aber zum Teil bei der AfD-Jugend sehe, das erschreckt mich tief.

Diese eifernd erhitzten Fascho-Imitationen. Man schlägt nationalkonservative Töne an, faselt vom deutschen Interesse und sagt stolz, dass man sich von Reaktionären wie Identitären und klar faschistischen Kreisen nicht distanziere. Halbe Glatzen. Was soll, räsoniere ich, aus denen mal werden, diesem Teil der stolzen Jungen. Das Lager der Neuen Rechten hat zweifelhaften Nachwuchs.

Was sich hier andeutet, liegt in den USA offen zu Tage. Dort hat der „woke“ Zeitgeist eine Antwort provoziert, die man mit einer neuen oder alternativen Rechten nur unvollkommen beschreibt. Stolze Reaktionäre. Es kann sogar sein, dass Ursache und Wirkung umgekehrt sind. Vielleicht ist das Woke als Subkultur eine regelrechte Erfindung der Rechten; eine Restmenge all dessen, was White Supremacists nicht wollen. Schon bei dem Begriff stockt einem der Atem. Arierkult.

Eine rassistische Vorstellung von der prinzipiellen Überlegenheit des Weißen Mannes (und wahrscheinlich der Blonden Frau) gegenüber afrikanisch oder asiatisch stämmigen Zuwanderern. Heteronormativ, patriarchalisch, autoritär, rassistisch. Die Nachwehen einer Sklavenhaltergesellschaft, die durch gewollte Migration von Frömmlern, Hungerleidern und Kriminellen entstanden ist? Parteipolitisch überformt höre ich das so aus demokratischem Mund über die republikanische Hegemonie. Der Bürgerkrieg dauert an. Man kann insofern durchaus Zweifel haben am Amerikanischen als liberaler Leitkultur.

Mögen andere von ihrer Schande reden, ich rede von meiner. Was wächst mir da als Deutschtum heran? Und besudelt mit braunem Stumpfsinn, was uns als Land der Dichter und Denker eigentlich aufgegeben? Wir sollten den Geist der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der sich ohnehin aus französischen und deutschen Quellen speiste, zurückholen. All men are created equal… Wer damit Probleme hat, ist dann eingeladen über seine Remigration nachzudenken, wenn ihm das Unwort so nahe liegt.

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MAIL ORDER KAISER.

Wäre ich als GENIE angelegt und nicht nur als Tintenkleckser, hätte ich mein Geld in Wähns und Wellpappe angelegt. Ich hätte nun wirklich wissen können, wo die Zukunft liegt, nämlich in Wähns und Wellpappe. Weil, ich habe seit Schüler- und Studentenzeiten in den Ferien als ZUSTELLER gejobbt, damals noch „Briefträger“ genannt. Noch keine achtzehn zog ich eine gelbe Karre von Haus zu Haus und zahlte eine gewaltige Summe in kleinen Renten aus wie ich GEZ-Gebühren einzog. Und neben den Briefen waren es die Zeitschriften („ADAC“) und Päckchen („Langholz“), die das Leben schwer machten. Im Kern hatte ich damals aber schon alles, was heute den Einzelhandel revolutioniert.

Ab 1966 tauchte damals ein Versandhandel für Bücher auf, den ein gewisser Klaus-Jürgen Kaiser in München als „Mail Order Kaiser“ gegründet hatte. Eine Sensation. Man war als Bibliophiler in der Provinz elektrisiert. Ich bestellte per Postkarte und zahlte dann das Päckchen per Nachnahme. Machte der Bote an der Tür. Das war drei Jahrzehnte bevor Jeff Bezos mit Amazon mit seinem Versandbuchhandel überhaupt begann. Nicht nur ich hatte keine Ahnung, die MAIL ORDER wurde später von Verlagsdeppen wie Springer ruiniert.

Warum hat der Postbote Kläuschen K. mit Sackkarre und umgehängter Geldtasche, der die Dinge an die Tür brachte, nicht geahnt, dass dies einmal ganze Innenstädte veröden würde? Stadtbild. In der Struktur war doch schon alles da, während Fußgängerzonen mit monströsen Ladenlokalen und Department Stores zugebaut wurden. Man wollte selbst in Oer-Erkenschwick sein wie Harrods in Knightsbridge. Welch ein Irrtum. Der Mann mit der Tasche, das war die Zukunft. Ich.

Heute sehe ich auf dem Lande vier, fünf verschiedene Lieferdienste täglich die Dörfer durchpflügen; auch noch Alex von der Post, die jetzt DHL heißt. In der großen Stadt genießen die Paketzusteller das Sonderrecht freien Haltens, wo immer es gefällt, ein eigenes Hoheitsrecht der Laster namens PRIME und ihrer polnischen Kumpels. Abends räumen sie ganze Berge unzugestellter Pakete in Spätis und andere Buden wie Läden, wo sie dann die Generation Z abholt. Und bei Nichtgefallen zurückbringt. Auf den Müll damit; tolle Share Economy. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Man hätte wissen können, dass E-Commerce kommt. Trotzdem hat dann der Bezos in Baltimore noch mal fast dreißig Jahre oben drauf gebraucht, bis er die Internetseite der Tür-zu-Tür-Revolution geregelt hatte. Auf den Moment hätte ich spekulieren sollen und mir ein Monopol an Lieferwagen und Verpackungsmaterial schaffen. Dann wär ich heute der König der Welt. Was sage ich? Mit Wähns und Wellpappe wär ich deren Kaiser.

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BACKSTAGE.

Hinter der Bühne, da passieren die wichtigen Dinge. Im Scheinwerferlicht benehmen sich danach alle gut. Gepöbelt wird in der Garderobe. Alter Talkshow-Trick von mir.

Einen wirklichen Gegner in der Talkshow-Arena muss man beleidigen, bevor die Kameras angehen. Am besten in der „Maske“, wenn die Gäste in Schminkstühlen nebeneinandersitzen und abgepudert werden, damit sie im Studio nicht glänzen wie die Ostereier. Hier ein gezielter Schlag unter die Gürtellinie und dann im Studio den Gentleman geben. Der Beleidigte findet aus dem Beleidigen nicht mehr raus und macht eine schlechte Figur.

So auch Bundeskanzler Schröder in der legendären „Elefantenrunde“ am 18. September 2005, als er die knappe Wahlsiegerin Angela Merkel anranzte. Man schob das auf den Rotwein, dem er schon zugesprochen hatte. Das war aber anders. Der kluge Journalist Peter Zudeick offenbart das in seinem neuen Buch („Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“ im Westend-Verlag). Der ZDF-Moderator Nikolaus Bender hatte in der Garderobe Merkel devot als „Bundeskanzlerin“ begrüßt (was sie noch nicht war) und den amtierenden Kanzler ironisch mit „Guten Abend, Herr Schröder!“ Davon hat sich Gerd nicht mehr erholt. Inzwischen eine Kultsendung.

Mein nettestes Erlebnis in der Kategorie hatte ich bei Anne Will mit einem Vorsitzenden des BeamtenBundes (wo auch die Lokführer-Separatisten hausen), der neben mir gepudert wurde. Er war in einem englischen Sportwagen der Oberklasse angereist, der vermeintliche Tröster von Witwen und Waisen; am Vorabend hatte ich ihn in einem Luxusrestaurant mit Gattin gesehen, wo er den ganz großen Max gab. Ich fragte also laut in der „Maske“, wem denn auf dem Parkplatz vor dem Studio die „Zuhälterkarre“ gehöre. Davon hat er sich nicht mehr erholt.