Logbuch
UNGEPFLEGTE LANGEWEILE.
Es mag ja die englische Teenerven schonen, wenn „business as usual“ herrscht, für Medien ist das schlecht für‘s Geschäft. Für Meinungskolumnisten gar tödlich. Die Empörungskommunikation verlangt Skandale, die das Publikum aufschreien lassen. Die Sozialen haben den Trend noch verstärkt. Meine Beobachtung: Das Geschäftsmodell geht im allgemeinen Gähnen unter.
Die Überraschungen liegen nur noch im Kleinen. Nehmen wir die sprichwörtliche Gefahr von rechts. Betrachtet man den Wählerwillen in der gestrigen Kommunalwahl in NRW (meine Heimat), so hat die AfD zugelegt, aber noch ist sie bei einem Sechstel der Stimmen. Die CDU macht das Rennen mit dem, der die Haare schön hat. Machtergreifung geht anders. Jetzt können nur noch einzelne Städte für Untergangsstimmung sorgen; Gelsenkirchen etwa, oder Oer-Erkenschwick. Aber wen kümmert das?
Das gleiche Gähnen im Heimatland der zitierten Teenerven. Der britische Premier hat seinen Botschafter in den USA geschasst, weil Baron Peter Mandelson Ergebenheitsadressen an den verpönten Investmentbanker Epstein gerichtet hatte. Nun, Peter ist „the godfather of all spindoctors“; wir verehren ihn als THE PRINCE OF DARKNESS. Ich habe ihn noch kurz vor seiner Ernennung in seinem Londoner Büro besucht, mit einer Delegation des Wirtschaftsforums der SPD. Er war einst zusammen mit Bodo Hombach der Autor des Blair-Schröder-Papiers zu NEW LABOUR, bei uns Neue Mitte genannt. Sir Peter stürzt zum dritten Mal in seinem politischen Leben über eine Compliance-Frage. Alta, lernst Du es mal?
Apropos Ergebenheitsadressen. In Berlin will die SPD wieder den Regierenden stellen und hat sich einen abgelegten Kandidaten aus Hannover besorgt, der es dort trotz Ambition zu keinem Ministerposten gebracht hat. Provinzreservoir. An der Leine scheint ein Nest zu sein. Einer von denen, mit dem ich bei Peter Mandelson war, engagiert sich schon auf den Sozialen mit einem braven Diener; es beginnt der Wahlkampf. Mit dem Hut in der Hand… Langweilt mich. Ich bin ohnehin für Franziska, diese Frau aus Frankfurt / Oder. Aber auch das ist Teil der von mir beklagten Langeweile.
Ich lese ersatzweise für Abenteuer im wirklichen Leben einen Roman über die Bilderberg-Konferenzen; der allerdings ist spannend. Ich will mich vorbereiten, falls ich im nächsten Jahr nach Oosterbeek eingeladen werde. Man weiß ja nie. So käme ein wenig Aufregung in mein allzu tristes Leben. Verdient hätte ich es. Der dunkle Prinz ist auch da.
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EIN MISANTHROP ALSO.
Die christlich argumentierende Rechte, ein umfangreiches Milieu in den USA, hat gerade einen ihrer Vertreter verloren, weil ihn ein Attentäter vor den Augen seiner Familie abgeschossen hat. Das hat dort ja Tradition seit Abraham Lincoln & John F Kennedy. Die Kommentarlage im Öffentlich-Rechtlichen hierzulande ist geprägt durch scheinheiliges Bedauern und den ausdrücklichen Hinweis darauf, dass der Ermordete ein Menschenfeind gewesen sei. Er habe menschenfeindliche Meinungen gezeigt. Ein Misanthrop also.
Zu belegen ist das durch Äußerungen, die er auf Debatten getätigt habe, jedenfalls einzelne Zitate, deren Kontext jetzt nicht so sehr interessiert, da er ja rechts, sprich ein Faschist gewesen sei, jedenfalls ein Menschenfeind. Ein Misanthrop. Die Kommentatoren konnotieren: Na, da braucht er sich ja nicht wundern. Jedenfalls warnen sie das Publikum vor Mitleid. Der Mann war rechts. Tiefenphrase: Ein Nazi weniger. Da darf ein wenig Terror schon mal sein. Werden wieder Süßwaren verteilt?
Der Menschenhass, der den Misanthropen verrät, zeigt sich, wenn man sich die politische Agenda in den USA anschaut, in symbolisch gestellten Kontroversen um Abtreibung und Homosexualität, also das Familienbild. Dabei gibt es evangelikale Begründungen durch eine Laienexegese der Bibel, auch des Alten Testaments. Was steht bei Leveticus? Die amerikanische Linke empfindet die von ihr abweichende Gesinnung als Hass, der der Verfolgung bedarf; zur Not auch unterhalb der Schwelle der Strafwürdigkeit. Auch auf unseren Straßen wird „Ciao, bella, ciao!“ gegen die allgegenwärtigen Nazis gesungen.
Es gibt bei uns inzwischen Meldestellen zur Denunziation von abweichender Meinung, bei der man leider noch nicht den Staatsanwalt schicken kann. Denn Hass geht ja gar nicht. Geht also der Misanthrop zu Recht seiner Menschenrechte verlustig? Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Menschenfeind. So redet des Menschen Freund? Merkst Du auch, oder?
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WALKING THE DOG.
Nicht, dass ich auf meinen Arzt hörte, aber ich soll mich acht Kilometer am Tag ergehen. Per pedes, zu Fuß. Das sind 10.000 Schritte. Sitzen, sagt der Weißkittel, sei das neue Rauchen. Auf dem Land fällt das nicht schwer, weil alles immer mindestens ein Dorf entfernt; selbst in die nächste Kneipe sind es vier Kilometer. Aber im großstädtischen Kiez? Alles ist, wie man hier sagt, umme Ecke.
Ich kann im Umfeld von 1.000 Schritten zum Italiener, zahllosen Türken, drei Vietnamesen, einem Inder, der China Pfanne und einem Hotelrestaurant, einer bayrischen Schwemme und zwei Berliner Eckkneipen. Acht Spätis, das sind, was im Revier Trinkhalle oder Büdchen genannt. Mein Schrittzähler bringt es auf keine Werte.
Man rät mir zu einem Hund, der mindestens zweimal täglich raus müsste, also Schritte bringt. Das kann ich nicht. Ein Hund gehört in keine Wohnung, weil wer das macht, wird sehr bald sehen, dass nicht der Hund bei ihm eingezogen ist, sondern er beim Köter. Herrchen (so heißen die Halter in tiefer Ironie) wohnt danach in einer Hundehütte, die mal seine Wohnung war. Frauchen nimmt die Töhle gar mit ins Bett. Pervers.
Ich habe aber, clever, wie ich bin, die Lösung. Ich tue nur so. Ich schlendre morgens wie am späten Nachmittag meine Runde durch den Kiez, gemessenen Schrittes, grüß freundlich die Völker der Erde und bleibe an Straßenbäumen wie Laternenpfählen kurz stehen, so als müsse ich auf das Schnüffeln eines Köters Rücksicht nehmen. Ich knurre dann schon mal: „Komm, Hector, komm!“ So heißt der Hund, den ich nicht habe.
Alle sind froh, mein Doc, mein Schrittzähler, die Nachbarn, die mich zweimal am Tag sehen. Nur der greise Vater meiner armenischen Bäckerin redet schlecht über mich. Er sitzt ganztägig vor dem Lokal auf einem Holzstuhl und beobachtet den Kiez. Er versündigt sich an meinem Ruf und erzählt irres Zeug über mich. Ich hätte gar keinen Hund. Seit gestern habe ich schwarze Plastikbeutelchen in der Tasche. Ich hebe ab und zu, wenn einer kuckt, einen Haufen auf. Liegen ja genug rum. Picking up after one‘s dog. So macht das ein Gentleman. Ha!
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STILBRUCH.
Was ein Stil ist, erkennt man, wenn er gebrochen wird. Stilbruch ist ein künstlerisches Verfahren. Aber nicht jeder SCHLECHT GEKLEIDETE ist ein Künstler. Zum Beispiel: Schuhe, Sandalen, Latschen.
Früher trug man im Dienst und sonntags einen anständigen LEDERSCHUH. In schwarz, braun oder, wenn sehr kühn, weinrot. Das war natürlich ein geschlossenes Schuhwerk, keine Sandale. Schon gar keine Latschen. Wir waren hier ja nicht bei den Taliban. Sandalen mit Socken, das ist der Prototyp von schlechtem Geschmack. Kurze Hosen ("Shorts"), Sandale & Socken, so geht man nur auf einem deutschbesetzten Campingplatz. Damit kam man in HARRY'S BAR gar nicht rein; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Dann kam der Einbruch des Sportschuhwerks in die Alltagskultur als modisches Attribut. ADDI DASSLER und andere. Wo bisher ein Fuß atmen und, ja, transpirieren konnte, da wurde er nun in einer Plastikkapsel luftdicht verschlossen. So kam der Terminus der TENNISSOCKE zu weitergehender Bedeutung. Hautärzte berichten von ausführlichem Pilzgeschehen. Mir bleibt der Geruch von Turnhallen (ein absolutes "no go" für mich) in der Durchmischung dessen mit Bohnerwachs ein Leben lang in Erinnerung.
Man sah dann TV-Moderatoren mit Baseball-Schuhen und, ganz wichtig, offenen Schnürsenkeln. Noch bevor die weiblichen Moderatoren dazu übergingen, PUMPS mit Bleistift- oder Pfennigabsätzen zu tragen, die sich sonst bei dem russischen Publikum auf dem Ku-Damm einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Und dann auch Anzugträger mit Sneakern, wie sich die Freizeitware mittlerweile nannte. Als Covid uns die Cravatten nahm und alle auch im Büro so aussahen, als kämen sie gerade aus der gemischten Sauna. Aber immer noch geschlossener Schuh. Ich trug zu meiner Studentenzeit übrigens, peinlich genug, Cowboy-Stiefel (wichtig: schräger Absatz, texanische Ware, direkt importiert) zum Trenchcoat und der RIDER-JEANS (enge Röhren). Aus heutiger Sicht mir eher peinlich.
Deshalb sehe ich der jungen Dame im Restaurant nach, dass sie zu dem Outfit "business smart" (das berühmte KLEINE SCHWARZE) einen englischen Arbeitsschuh mit Luftkissensohle ("Doc Martens") trägt. Ein Stilbruch, gelungen, sehr nett. Übrigens habe ich den Burberry Raincoat aus den Uni-Jahren immer noch; der hat dann bald 40 Jahre gehalten. Aus reiner Baumwolle. Gemacht für den Tommy im Schützengraben; da kommt der Name "trenchcoat" nämlich her.
Was sich aber wirklich gewandelt hat, jenseits der Moden, ist die Politisierung der Materialien: Baumwolle ist nicht mehr unproblematisch. Man fragt, wer sie wo und vor allem wie gepflückt hat. Und Leder ist völlig "raus": man fragt, wessen Haut das mal war. Das geht so weit, dass mein neuer Original Budapester Schuh gar nicht mehr zugibt, dass er aus nordamerikanischem Pferdeleder gefertigt ist. FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE. Der Schuh gesteht nur noch verdruckst in einer Ecke der Sohle: "Cordovan". Das meint Rossnappa, also Fury. Politisch nicht mehr korrekt.