Logbuch

MULTIKULTI.

Weltoffene Städte. Für Hong Kong galt das mal. Für KL gilt es noch. Und mit Einschränkungen für Singapur. Im Nordosten Europas ist Vilnius zu nennen. Eine Frage der Leitkultur.

Weiterfahrt vom Lettischen ins Litauische. Die Hauptstadt Vilnius war mal eine Metropole des Nordens. Uneinnehmbar für die Imperialisten des DEUTSCHEN ORDENS, der furchtbaren Ritter der Kolonialisierung des Ostens. Mich fasziniert der Grund für Stärke und Blüte. RELIGIONSFREIHEIT.

Vilnius galt als JERUSALEM DES NORDENS, mit einer großen jüdischen Gemeinde, zeitweise 40 % der Bevölkerung. Als die Nazis das Land überfielen, hatten sie 1000 Synagogen niederzubrennen. Und unter polnischem Einfluss gab es massiven Katholizismus. Vilnius ist auch das ROM DES NORDENS geworden. Kirchturm an Kirchturm.

Die Liberalität hatte Gründe: der Ort ist eine der ältesten UNIVERSITÄTSSTÄDTE. Die Pracht entstand seit dem Spätmittelalter und blühte noch im Barock; viele Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Wenn es nicht nur unter den vierzig Jahren der Sowjets so hätte verfallen können. Aber wir waren bei MULTIKULTI. So geht Blüte, war mein Argument.

Allerdings stand die Uni lange in schlechtem Ruf. Sie sollte der GEGENREFORMATION dienen und war eine Hochburg der JESUITEN. Da blickte das protestantische Preußen ex Königsberg böse hin. Aber örtliche Großbürgertum war evangelisch, da konnten die Schwarzen Seelen SJ deren Toleranz ausnutzen, aber mehr eben nicht. Alle anderen Religionen waren auch da. Bunt. Geschäftig.

Man wünscht sich, diesen Geist atmend, dass das reaktionäre Polen unserer Tage wieder unter litauischer Herrschaft stünde.

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KANN DAS WEG?

Geschichte sollte man nicht tilgen wollen. Insbesondere, wenn sie ungeheuerlich erscheint, verdient sie das WIEDERERZÄHLEN. Unrecht, das zu verschweigen ist, verlängert sich. Und jeder darf dabei mit reden. Buchstäblich jeder. Kern der AUFKLÄRUNG.

In Tallinn, Estland, spricht mich nach einem Vortrag ein Herr an, der zur COMPAGNIE DER SCHWARZEN HÄUPTER zählt, eine bürgerliche Gesellschaft seit Mitte des 14. Jahrhunderts. Die mit dem Silberschatz. Ob ich an einem Dinner seiner Kollegen in Riga interessiert sei. Das ist zwar ein Staat weiter, aber mit dem Auto in vier Stunden zu schaffen. Ich fahre also nach Lettland.

Noch in der Abenddämmerung das SCHWARZHÄUPTERHAUS in der wunderbaren Altstadt. Vor 500 Jahren in der mittlerweile 800 Jahre alten Stadt von der Hanse gebaut, dann 1941 den Hitlertruppen zerschossen und schließlich unter russischer Ägide zerfallen, jetzt aber wieder in alter Pracht. Die Hanse baute sich im 14. /15. Jahrhundert an ihren Stapelplätzen solchen Stätten für ihre Feste, gänzlich unbescheiden ARTUSHÖFE genannt.

Warum im Wappen der Schwarzhäupter (welch ein Name) der stilisierte „Mohrenkopf“ (vergleichbar Magdeburg oder Coburg)? Man habe sich St. Mauritius zum Schutzheiligen erwählt, lautet die Antwort. Und der werde über einen Mohrenkopf symbolisiert. Nun ja. So hysterisch die aktuelle Kritik an der Mohren-Ikonographie sein mag, so irritiert darf man schon über den massiven EXOTISMUS vor einem halben Jahrtausend bei den „ledigen Kaufmännern“ sein, die die COMPAGNIE bildeten. Bremischen Ursprungs. Die Fischköppe.

Auf der anderen Seite: vorher hatten sie den Heiligen Georg als Schutzheiligen, die Bengels von der Gilde. Ein Drachentöter zu Pferde mit Lanze im Rachen einer feuerspuckenden Exe, das ist auch nicht frei von Exotischem.

Wie man mit Geschichte angemessen umgeht, wenn man sie nicht schlicht vernichten will? Die Letten haben ein russisches Revolutionsmuseum (potthässlich, am Strelnieku laukums) in ein OKKUPATIONSMUSEUM umgewidmet. Es zeigt nun die Traumata der deutschen und der russischen Besatzung. Auch die der schwedischen? Aber die Vikinger, die kommen ja immer besser weg. Der Geier weiß, wieso.

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DEMENTI-FALLE.

Die Balten hassen die Russen mehr als es unsere kosmopolitischen Seelen ertragen. Sie mögen die Nachbarn zur anderen Seite, die Finnen aber auch nicht, weil die so was Schwedisches haben. Beherrschungsfolgen.

Episode im estnischen Reval, heute Tallinn genannt. Sehe mich im Hotel um, während ich auf meinen Freund warte. Im obersten Stock des Hotel Viru in der Viru Väkjak hatte der KGB früher ein geheimes Büro, nahe seiner dortigen Abhöreinrichtungen an Tisch und Bett. Auf der Zugangstür steht noch immer ein sorgsam gemaltes Schild mit einer Aufschrift in Estnisch und in Russisch. Ich lasse es mir übersetzen. Dort wurde verkündet: „Hier ist nichts!“

Tjo. Wo ich früher noch russischen Wodka kriegte, der MOSKWA-Bar, heißt der Laden jetzt WABADUS (Vabaduse Väljak), das estnische Wort für „Freiheit“, und es gibt Cocktails. Selbst die mit roter Beete. Die unvermeidliche rote Rübe. Das müssen die Russen aus Rache nachgelassen haben, die Vorliebe für Rote Beete. Nicht nur im Borschtsch, auch im Sling. Nachwehen im Land der Sänger.

Kommunismus ist Kohlsuppe und Elektrizität; ich glaube, das ist von Lenin. Lenin ist übrigens das historische Exempel dafür, dass auf die BAHN kein Verlass ist. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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DOOF WIE BROT.

Dass ein Lebenslauf geschönt ist, das kann einen PR-Manager nicht überraschen. Das ist ja sein Handwerk, aus Tand eine Torte zu formen, aus Krümeln einen Kuchen. Nie würde ein Profi das bestreiten.

Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Frau BÄRBOCK ist bei so einem „Pimp your CV“ („Möbel Deinen Lebenslauf auf!“) erwischt worden. Lässliche Sünde, Schnee von gestern. Wie aber verteidigt sie das heute? Dazu wusste die Sonntagszeitung nun wirklich Sensationelles zu berichten. Dort wird die PR-Truppe der „Kanzlerin in spe“ ausdrücklich erwähnt.

Man hat der Zeitung nämlich eine Liste gezeigt von biografischen Rühmlichkeiten, die BÄRBOCK auch noch im Lebenslauf hätte nennen können, aber es versäumt hatte. Sie hätte also noch mit ganz anderen Dingen prahlen können, als nur mit den geschummelten. Das ist das Argument. Man ist sprachlos. Aha. Was soll das jetzt beweisen?

Es soll beweisen, dass Frau BÄRBOCK nicht eitel ist, sondern nur schusselig war. Und ab und an mal schlampig zu sein, das ist ja kein Verbrechen. Stimmt. Der Artikel schildert sie überhaupt als SPIELERIN, die gerne fünf gerade sein lässt. Annalena zockt gern. Das wird dort politisch gelobt. Nur schlampig also. Will man eine Schlampe im Kanzleramt, fragt nun der Teufel. Diese Verteidigung ist so dumm, dass man Mitleid mit den Grünen zu spüren beginnt. TAND statt TORTE. Vom KUCHEN bleiben KRÜMEL.