Logbuch

MACHTFRAGEN. KRIEG.

Energiepolitik ist Machtpolitik. Es geht nicht um KOHLENWASSERSTOFF. Es geht darum, wer die Welt beherrscht. Genauer gesagt: einen wie großen Teil davon. FRIEDEN hat zwei Möglichkeiten.

Wer importabhängig und energiehungrig ist, hat geopolitisch zwei Chancen. Die erste liegt darin, das zu mildern. Deshalb sind ERNEUERBARE und EFFIZIENZ eben auch politisch und ökonomisch richtig. Auf jedes Dach Solar, na klar. Für mich ist das der kluge Kern der Energiewende.

Und die Kernenergie ist eine Chance, wenn man sie sicher betreiben kann; sie also Teil eines militärisch-industriellen Komplexes ist. Siehe Frankreich. In einem gefährlichen Sinne ist sie dann eine HEIMISCHE ENERGIE. Wie die KOHLE. Ja, ich weiß.

Die zweite Chance liegt in einer DIVERSIFIZIERUNG der Quellen, wenn man schon importieren muss. Soviel Gas aus Norwegen wie geht. STEINKOHLE aus Australien. Und möglichst geringes Interventionspotential für Transitländer. Direktleitungen machen großen Sinn. Und die Erweiterung der Erdgaslogistik durch Wasserstoff.

Maximale Nutzung der heimischen Energieträger und ein Welthandel ohne Gefahr der Oligopolbildung, jedenfalls ein ausbalanciertes Bezugs-Portfolio. Das ist ein Gedanke, eigentlich zwei. Auf die sofort zehn Einwendungen folgen oder zwanzig. Aber es ist ein Gedanke.

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DER GRÜNE TRAUM.

Da übersetzt jemand den Namen des Traumlandes von Bullerby, die Welt der Pippi Langstrumpf und vom sonstigem Freisinn, mit IDIOTEN KAUFEN EINFACH ALLES. Ein interessante Wendung, weil es mal gegen den VERBRAUCHER geht.

Ein Samstagvormittag bei IKEA verändert ohnehin das Menschenbild. Asia-Schrott und Astrid-Lindgren-Kitsch plus Würstchen vom schwedischen Pölser-Ren mit Zuckersauce. Jetzt bei Twitter ein Protest eines enttäuschten IKEA-Kunden gegen die Glühbirne, die ein Leben lang halten sollte und nach nur vier Jahren schon ersetzt werden muss. Obwohl mit dem neuen Standard namens LED oder so. Wo 100 Watt hell, aber nur 8 Watt Stromverbrauch: der LEBENSTRAUM der ÖKO-Welt von grünen Gnaden.

Schon wahr: Per EU-Dekret wurde auf deutsche Initiative hin die Glühlampe zu 69 Cent verboten und vom der Industrie freudig durch ein birnenförmiges Leuchtmittel zu 12€99, also 1299 Cent, ersetzt. Das rettet den Planeten. Der Stromverbrauch ist ja geringer.

Auch wahr: Der protestierende Pölserfreund gibt auf Twitter an, das Leuchtmittel sei bei ihm auf dem WC im Einsatz gewesen, sprich nur selten „an“, also in häufig wechselnden kurzzeitigen Betrieb. Wie kann es da kaputtgehen? Da staunt der Laie und der Fachmann freut sich. Was die Birnen ruiniert, ist das häufige An- und Ausschalten! Wenn sie ein Lebenlang halten sollen, muss man sie durchbrennen lassen. Tag und Nacht, 24/7. Der Stromverbrauch steigt so zwar insgesamt, aber die Öko-Birnen halten eben dann auch, fast für immer. Genuss ohne Reue.

Finger weg vom Schalter, Walther!

Warum findet ich das typisch?

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GEISTERSTUNDE.

Im Testament eine Verfügung über die eigene Grabstätte treffen zu wollen, bevormundet die Nachgelassenen. Das gehört zu den unerträglichen Eitelkeiten. Findet auch jemand, von dem ich weiß, dass er sich in einen Zinksarg einlöten ließ.

Ich meine BB, den Dichter. Wo bin ich? Am Grab von HEGEL. Geisterstunde. Der edelste der Berliner Friedhöfe ist der Dorotheenstädtische. Mitte des 18. Jahrhunderts eröffnet, ruht hier nun, was im linken und liberalen Horizont Rang und Namen hat. Der Promi-Friedhof. Gegen Mitternacht, das Eingangstor längst geschlossen, kommen die Seelen der Verstorbenen aus ihren Gräbern und unterhalten sich. Es soll gesittet zugehen, hatte ich von BB gehört, der mit mir auf der Rasenbank sitzt. Eher langweilig, sagt er.

Er liegt ansonsten, zusammen mit HELENE WEIGEL, hinten an der Mauer. Er sagt mir: „Wir hatten es nicht weit.“ Was wohl stimmt, da er mit der Weigel auf der angrenzenden Chausseestrasse gewohnt hat. Ich will wissen, ob das Doppelgrab mit der Weigel seine Idee war. Ich habe es kaum ausgesprochen, da prustet sein alter Kumpel JOHN HEARTFIELD vor Lachen. Und ich höre JOHANNES RAU sein altes Motto zitieren: „Im Stillen Gutes schaffen.“ Auch Seelen gehen fremd. Wie beruhigend.

Wie furchtbar der Promi-Status sein kann, habe ich auf dem Highgate Cemetry in London gesehen, wo sie KARL MARX zu Grabe getragen haben. Ganze Völkerstämme sind hierhin gepilgert. Von wegen RIP, sprich Ruhe in Frieden, eine Touristenattraktion. Da lobe ich mir die Ruhe auf San Michele, der Friedhofsinsel im venezianischen Inselreich. Ja, es gibt dort eine deutsche Ecke. Etwas runtergekommen, aber viele Namen aus der Zeit, als man hier noch wie THOMAS MANN nach Knaben schielte.

Meinen Herrn Vater haben wir zu meiner Frau Mutter gelegt, die sich Zeit ihres Lebens sicher war, dass er nicht ohne sie zurechtkäme, ein Diktum, das er brav mit Hilfe von Haushälterinnen, netten Nachbarn und den ihm zugewandten Seinen sowie frischem Mut fast ein Jahrzehnt lang zu dementieren suchte, wissend, dass es eigentlich stimmte.
Auf dem Dorotheenstädtischen lese ich, durch die Reihe schlendernd, einen überflüssigen lateinischen Hinweis. MEMENTO MORI: Bedenke, dass Du sterben wirst. Neben BB auf der Rasenbank sitzt inzwischen HEINER MÜLLER, wohl um Zigarren zu schnorren. Dann plötzlich verdrücken sich beide. Von hinten nähert sich rezitierend GÜNTER GRASS, der Schwätzer. Ab in die Kiste.

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INFORMALITÄT.

Auf einem Kongress in München mit dem verunglückten Namen „Bits & Pretzl“ (Informationseinheiten plus Laugengebäck) hält die ehemalige First Lady Michelle Obama eine Grußrede und kassiert dafür 700.000 € Honorar. Das finde ich stattlich. Und ich gönne es ihr, wenn sie es versteuert, wovon man ausgehen darf.

So wird Prominenz zu Geld gemacht. Leider bin ich selbst davon Lichtjahre entfernt. Ich ehre mich als Redner, so es mal zu einer Einladung kommt, damit, dass ich weder Honorar noch Spesen nehme. Ich will damit den Eindruck erwecken, ich könnte es mir leisten, bescheiden zu sein. Eine Art protestantische Eitelkeit. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Mir fällt unter hundert Rednern auf dem Promi-Kongress auf, dass nur genau einer der Kerle korrekt gekleidet ist, alle anderen aber einer anderen Regel strikt folgen. Man trägt durchgängig auch auf seinen eigenen Portraitfotos Freizeitkleidung. Offenes Hemd, keine Krawatte, eh klar. Eher so ein Stil, mit dem ich zum Sport ginge oder auf die Gartenarbeit. Bis hin zu regelrechter Unterwäsche am Oberkörper. Es herrscht das Gebot der INFORMALTÄT.

Warum? Niemand will mehr aussehen, als habe Mutti ihn für ein KONVENTIONELLES Ereignis zurecht gemacht. Der englische Geschäftsanzug ist verschwunden. Vor allem aber das geknöpfte Oberhemd mit Manschette. Vom Binder, dem halsumschlingenden Schmucktuch ganz zu schweigen. Die Uniform heißt CASUAL. Es gibt für diese Vermeidungsangst gegenüber Förmlichen einen tieferen Grund.

Der Gentleman unserer Tage ist immer LEISURE, in Freizeitambition; er trägt, was früher der PLAYBOY trugt, eine sportive Strandkleidung: Gunter Sachs in St. Tropez. Das historische Lacoste. Bei den Proleten unter den Neu-Modischen ist das heutzutage ein offenes Oberhemd mit Innenbordüre im Kragen. Boh, so geht heute piefig: Joe Kaeser als Mode-Ikone.

Der Grund? Diese Generation will zeigen, dass ihr der HOMO FABER zuwider ist, der Mensch als Schmied. „Business“ ist out. Sie spielen (!) den HOMO LUDENS, den Menschen als Spieler. Lauter wohlbetuchte PLAYBOYS dem Anschein nach. Und Spießer in der Seele. Sage ich. Ich habe mir gerade zum Nadelstreifen eine Krawatte rausgelegt. Allerdings Einreiher ohne Weste, weil sommerlich. Korrekt ist das nicht. Eigentlich trägt man immer dreiteilig, außer im Garten. Der Mann von Michelle kommt ja auch nicht zu ihren Keynotes in Turnschuhen. Oder? Sicher bin ich da nicht.