Logbuch

KLASSENKAMPF.

Das geht von oben nach unten. Und von unten nach oben. Ein Adel, der seine Bauern verhungern lässt. Wenn sie kein Brot haben, sollen sie halt Kuchen essen. Oder Städter, die die Köpfe der Adeligen rollen lassen. Es lebe die Brüderlichkeit. So weit, so ungut. Klassenkampf geht aber auch horizontal, von links nach rechts und rechts nach links. Ich höre im BBC Worldservice einen gutgestellten US-Farmer, der sagt, die DEMOKRATEN hätten noch nie was für die Landbevölkerung getan; er erwartet nichts von Joe Biden. Trump sei ihm zuwider, aber der höre seine Stimme. Erstaunlich. Und dann haben sie da im Radio einen Bergarbeiter aus dem Rostgürtel, der erst seine Krankenversicherung verloren hat, dann seine Gesundheit, dann den Job und jetzt das Häuschen, das eh nur ein Wohnwagen war. Auf die REPUBLIKANER angesprochen, will er auch die nicht mehr wählen, weil sie TRUMP fallen gelassen hätten, der um seinen Wahlsieg betrogen worden sei. JOE SIX PACK, nennen wir ihn so, weil wir MINER, sprich KUMPEL lieben, ist, bei Licht betrachtet, ein Depp. Einer jener Deppen, die dafür gesorgt haben, dass Trump bei der jetzt verlorenen Wahl in absoluten Stimmen mehr Anhänger hatte als bei seinem Amtsantritt. Man weiß von ihm, dass er die Landeier und die Deppen mag, weil er sich prollig gibt. Selbst unter den Afro-Amerikanern und den Latinos war seine Zustimmungsquote gestiegen. Das versteht hier in Deutschland niemand. Wie schon der Verschiss, in dem Hilary Clinton einst war, nicht verstanden wurde. Die DEMOKRATEN stehen in den USA für die „neoliberal meritocracy“, zu Deutsch: NEOLIBERALE LEISTUNGSGESELLSCHAFT. Das ist eine Klasse, eine horizontale und eine vertikale. Das sind die, die in ihrem protestantischen Herzen finden, dass die Malocher an ihrem Elend selbst schuld sind. Sie stoßen mit kalifornischen Wein an, während Joe Six Pack nach seinem Dosenbier langt.

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BROT & SPIELE.

Aus dem Alten Rom. Jetzt, da die Leidensfähigkeit der Massen erlahmt, ihre Geduld, Weisung zu ertragen, reicht es nicht mehr, die Kornkammern zu öffnen. Wer hätte erahnt, dass es so weit kommt, dass die Pauker die Schüler nicht in die Holzbänke prügeln müssen, sondern diese ihre Schulpflicht zu einem Recht auf Schule machen; es einfordern? Die Sklaven wegen der verordneten Faulheit murren. Die Handwerker den Aufstand planen. Woher kommt die Vorstellung, öffentliches Leben schlicht aussetzen zu können? Das Motto hieß schon bei den Vätern nicht einfach nur "Brot und Wasser". Zum trocken Brot braucht es jetzt Spiele, großartige Spiele. Man öffne den Circus Maximus und lasse die Gladiatoren ihres Amtes walten. Dachte bei sich der strenge Cato senex und schwieg.

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DIGITAL GENIAL.

Auch für mich kann es hip werden. Ich darf smart mit dabei sein: SINGLE POINT OF CONTACT. Das wird eine App auf meinem Handy, von der ich dann alle Banksachen machen kann. Eine Generalvollmacht und ein Click, und schon ist alles im Lack. Mit 5G. So heißt das neue Netz, das ich mit dem 12er erreiche. Und dann alle Finanzdienstleistungen erledigt mit einem Wisch & Click. Das Motto heißt also neuerdings: „All eggs in one basket!“ Weil man als „Nerd“ etwas kriegt, das sie allen Ernstes SPOON FEEDING nennen. Kleine Dosen. Sich langwierig umschauen? Stapelweise Papier ausfüllen? Wettbewerb suchen und für sich nutzen? Uncool. Und wenn man schon vergleichen will, dann mit der einen Plattform, wo man 24 Stunden alles „checkt.“ Da fehlen zwar die günstigsten Angebote und alle sind provosionsgestützt und die miesen Produkte haben immer hohe Provisionen, aber all das ist Oberbedenkenträgertum. Der junge Mann, der mir das vorträgt, trägt ein ungebügeltes Freizeithemd über der Hose, er ist übernächtigt, aber aufgekratzt, sagt Modewörter des Internets. Hmmm, ist das Bolivianisches Marschpulver an der Nasenspitze? In der Industrie würde man das, was mir hier angepriesen wird, SINGLE SOURCING nennen; galt früher als eher nicht so schlau. Ganz ehrlich? Die überzeugendste Lösung eines Bezugsmonopols war für mich in meinem Leben die Mutterbrust. Als Säugling. Im Kindergarten kam dann schon Jutta dazu, die Nachbarstochter. Die hatte Brote, die mit Zucker bestreut waren (Zucker statt Wurst und Käse, eine Armutslösung, aber von mir heiß geliebt). Später habe ich mich dann, wenn ich ganz ehrlich sein soll, an jeden Tisch gesetzt, der zum Verweilen einlud. Kein Kostverächter. Da werde ich mich im gesetzten Alter mit dem Löffel füttern lassen? Wohl kaum.

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LESERIN.

Historische Logbücher künden von Weltreisen. Columbus entdeckt in der Weite des Raums Amerika; so was in der Art. Es rührt aber auch Beiläufiges aus den engen Gassen. So gestern.

Auf dem Weg ins Bürgerbüro der Kommunalverwaltung, mein Reisepass ist abgelaufen, grüßt mich freundlich eine Mitbürgerin, mit der ich früher oft beim gleichen Italiener zu Gast war. Lange nicht gesehen. Sie ruft mir zu, dass sie meine Berichte im Logbuch gerne lese. Ich bin erfreut. Eine Leserin!

Diese Hochwertvokabel beseelt alle armen Poeten. Es ist der Gedanke, dass da draußen in der banalen Welt ein paar edle Seelen hausen, die etwas darauf geben, was man zu Papier bringt. Das ist die Eitelkeit der Aufklärung, von der schon Immanuel Kant erzählt. Er unterscheidet zwischen dem Privaten (meint: Privatwirtschaftlichem), wo jeder seiner Gemeinde und sich selbst dienen möge. Und dem Öffentlichen, wo er sich dem Urteil seiner Leser zu stellen habe, also der Vernunft. Kant kannte also beides, leidige PR und wirkliche Literatur.

Zu der imaginären Verpflichtung gegenüber seiner Leserschaft empfindet der Literat eine tiefe Selbstüberschätzung seiner Wirkung. „Wenn ich zu Tinte und Papier greife“, heißt es bei Lichtenberg, „möge das Leben sich in Acht nehmen.“ Der Schreiberling fühlt sich als Weltenrichter. Er kann zu allem etwas sagen. Immer ein Urteil zur Hand.

Damit ist es so ähnlich wie mit meinem neuen Reisepass. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt einen brauche. Ich könnte damit aber die Welt bereisen. Der Gedanke beseelt, auch wenn man nur auf dem Dorfe hockt oder im Kiez. Weltenbürger zu sein, das ist eine Angelegenheit des Herzens.