Logbuch
KAUFKRAFT, SINKENDE.
Unser Geld verliert an Wert. Die Preise steigen rabiat. Die Banken erheben auf Guthaben Strafzinsen. Willkommen in der Inflation.
Wir werden wieder eine SOZIALE FRAGE kriegen, wenn das Geld ehrlich arbeitender Menschen nicht mehr für ein bescheidenes Leben in einigem Anstand reicht. Das kriegen dann die GRÜNEN und die GELBEN nicht weggequatscht. Und siehe Mieten in Berlin: Auch ROTE Rhetorik hilft dann nicht. „Wo Du nicht bist, Herr Jesus Christ“, pflegte meine Frau Mutter in tiefer Ironie zu sagen und eine Geste des Geldzählens zu machen. Es könnte die Ampel ausfallen.
Es begann an den Tankstellen. Der Dieselpreis ging durch die Decke. Zwischenzeitlich habe ich unsere Heizöltanks füllen müssen, teurer Spaß. Jetzt sehe ich es auch bei Lebensmitteln. Auf der abgepackten Wurst bei Edeka ist der aufgedruckte Preis geschwärzt und mit Kulinotiz erhöht, von 2,89€ auf 3,99€. Ich bin im Kopfrechnen schwach; aber ist das nicht mehr als ein Drittel oben drauf? Alter Schwede. Mehl wird so kostbar wie das andere weiße Pulver.
Ich habe kein Geld auf der Bank, jedenfalls keine überbordende Liquidität (was denen neuerdings recht scheint, da sie im Ruf stehen, dicke Konten zu vertreiben) und ich hatte nie eine Kiste mit Krügerrand im Keller unter der Kartoffelkiste. An Bitcoins glaube ich nicht. Wie also sorge ich vor? Würde ich den Gurus folgen, durch neue Schulden. Elon Musk hat sich die 44 Milliarden für Twitter schlicht geliehen. Was aber machen Leute, bei denen es so gerade reicht? Was macht, wer mit einem Mindestlohn zurechtkommen muss?
In Frankreich hat die Rechte von Madame Le Pen die Kaufkraft zum Wahlkampfthema gemacht. Mit politischem Erfolg. In England kommt das noch, wenn die exorbitanten Brexit-Kosten durchschlagen und die dekadente Oxbridge-Bourgeoise vom Leben eingeholt wird. Das sind die reicheren Nationen Europas. Ich sorge mich um Griechenland. Um nur ein Beispiel zu sagen für AUSTERITÄT. Das hat nichts mit Austern zu tun, eher ganz im Gegenteil.
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INFLATION.
Meine ROLEX heißt AIR KING, kommt aus den fünfziger Jahren und ich habe sie mir als Student in Plymouth gebraucht gekauft. Für einen BAFÖG-Satz, das konnte ich mir gerade so leisten. Irgendwas um 250€ nach heutigem Geld. Daran dachte ich gestern wehmütig.
Das Städtchen Münster an einem sonnigen Mittag, ein nettes Restaurant mit Tischen vor der Tür. Dicke Bohnen mit Speck. Die Welt ist in Ordnung. Bürgerliche Idylle. Insbesondere wenn man die Tristesse von Koblenz kennt. Und dann sehe ich zwei Oligarchen vorfahren, den Maybach ins Halteverbot stellend und hinter einem Bauzaun verschwindend. Sonst verirren sich nur wohlhabende Holländer in dieses beschauliche Studentenstädtchen. Man fährt Fahrrad. Viele Beamtenmienen.
In der besten Lage baut ein Juwelier sein Geschäft um; er modernisiert das Ladenlokal in den historischen Arkaden. Man investiert, wohl weil man sich auch künftig gute, sehr gute Geschäfte verspricht. Der eigentliche Gegenstand des Geschäftes ist aber nicht Schmuck, also Juwelen, sondern Uhren, Armbanduhren, vornehmlich Schweizer Fertigung. Eine andere Kundschaft als die trendigen Apple-Watcher mit den iPhone-Ührchen.
Ich gehe nach dem Lunch zu einem noch erhaltenen Schaufenster und betrachte die Auslage. Da fallen sie mir auf, die kleinen Schildchen zwischen den ROLEX, die ausweisen, dass man hinter dem Panzerglas nur ANSICHTSEXEMPLARE zeige. Die ROLEX stehen nicht zum Verkauf, trotz der saftigen Preise, die überall ausgewiesen sind. Verstehe ich das? Fehlen etwa die Werke in den Uhren? Hat man Angst, dass die Scheibe sonst von Bösewichten zertrümmert wird und sich die teuren Zeitmesser auf den Weg nach Moskau machen? Neugierig versuche ich den Laden zu betreten.
Die Tür ist verschlossen, ein Sicherheitsmensch öffnet mir. Ich finde mich schnell belehrt. Die Lieferfristen betragen mehrere Jahre. Man nimmt aber ohnehin zurzeit gar keine Bestellungen an. Ich bin entlassen und echt verwirrt. Später erfahre ich, dass es einen Schwarzhandel im Netz gibt, bei dem ein Vielfaches des Listenpreises aufgerufen wird. Mit dem Risiko, dass es sich um sogenannte BLENDER handelt, also Markenpiraterie aus Asien. Immer Faktor 5 oder 10. Ich bin baff. Und die Oligarchen sitzen bräsig in Sesseln und halten Champagnergläser. Shampanskoje.
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DER NÄCHSTE KANZLER.
Wer folgt auf den Sozialdemokraten Olaf Scholz als nächster Kanzler, sprich wer wird es nach der nächsten Bundestagswahl? Ein GRÜNER und zwar Robert Harprecht. Wir sind uns da sicher.
Diskussion vor Kommilitoninnen und Kommilitonen der Politischen Wissenschaften an der ehrwürdigen Universität zu Bonn am Rhein. Mit mir, dem Freischärler der Feder, auf dem Podium ein wirklich kluger und kreuznetter Chefredakteur einer wichtigen Regionalzeitung; Namen tun mal nichts zur Sache, weil ich ihn gleich für ein Urteil in Anspruch nehmen will, ohne dass ich das mit ihm abgestimmt hätte. Und ein ehrwürdiges Mitglied des Lehrkörpers. Ein Triumvirat also von Intellektuellen aus drei Generationen.
Der Ratschluss: Der nächste Kanzler wird ein GRÜNER. Frage der Parteienpräferenz. Die Grünen können inzwischen alles bedienen. Ich sage: alles vom Pazifisten bis zum Bellizisten… Und der Kanzler der Grünen wird dann ROBERT HAARPRACHT. Ja, der Kinderbuchautor aus dem Norden. Wenn ich sehe, mit welchem Fleiß sich Robert Hagenbeck von Entscheidung zu Entscheidung quält, wie er es kaum schafft, täglich zu duschen oder sich anständig zu kleiden, wie er ergraut. Sich verzehrend dient er. SERVIENDO CONSUMOR, so lautet der Lehrsatz des preußischen Beamten.
Seine Kollegin von den Grünen, die „aus dem Völkerrecht“, die spielt das lifestyle-Püppchen, sagt empathische Sätze, aber leidet sie? Ergraut sie? Verzehrt sie sich? Das alles ist natürlich nur meine Sicht der Dinge. Ich gehe immer eher vom Oberflächlichen her an die Dinge. Und kann mir keine Namen merken. Der Akademiker und der Journalist sehen das sachlicher. Kommen aber zum gleichen Urteil.
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WELTENBÜRGER.
Sich fremd fühlen im eigenen Land. Das ist die Grundstimmung bei vielen Bewohnern der Provinz. Die metropole Elite dagegen fühlt sich überall wohl; sie hat in London studiert, fliegt am Wochenende nach Barcelona und hatte die Kinder für zwei Jahre am deutschen Gymnasium in Athen. Wenn im Osten Deutschlands, so lebt man in Leipzig oder Dresden, lieber aber in Berlin.
Man spricht Englisch und kennt sich von LinkedIn und TikTok. Die Welt scheint zu zerfallen in „Citizens of the World“ und den Trotteln vom Land. Im Vereinigten Königreich hat das zum Verlassen der Europäischen Union geführt, dem „Brexit“. Es galt die Ansage der Konservativen, nach der „citizens of the world … citizens of nowhere“ seien. Ein vaterlandsloses Gesindel. So stehen national gestimmte Alte gegen polyglotte Junge, jedenfalls großstädtische Eliten gegen die VERÄNDERUNGSVERLIERER aus dem Ländlichen, eher noch den Kleinstädten, Orte des Gesichtslosen.
Der Schnitt geht auch mitten durch den Kapitalmarkt. Es gibt die Residualen, die in Immobilien machen oder Industrie, old school, und die Hybriden, die aus Starbucks Derivate bewegen. Polyglotte Parasiten als new economy. Man spricht von der Dichotomischen Spaltung der Kultur; das ist wohl übertrieben. Aber unterschiedliche Milieus sind es schon. Das eine drängt euphorisch in die Metropolen, das andere hadert mit dem Zeitgeist in der Provinz. Ich lebe in beiden Welten, ohne leidenschaftliche Präferenz.
Anmerkung zum „Weltbürger“: das meint nicht „Bürger“ als Pendant eines „Staates“; einen solchen globalen Staat haben wir zum Glück nicht. Es geht bei Kant entschieden im Plural um WELTENBÜRGER. Nicht Untertan eines Provinzfürsten, sondern den vielen Welten dieser Erde zugetan. Dann ist die Frage, ob mich diese Vielfalt schreckt oder lockt.