Logbuch
ES BEGAB SICH ABER.
Obdachloses Paar erlebt Niederkunft eines Kegels zu bitteren Zeiten von staatlichen Kindesmorden und sieht ihr Elend wie ihr Glück durch drei fremde Wahrsager in die allerhöchsten Erwartungen gestellt.
Der MESSIAS… Es ist klar, dass das Ärger geben wird. Von der Krippe an das Kreuz; zwischendrin erstaunliche Korrekturen der Moral: „Euch ist gesagt…. Ich aber sage Euch…“ Mit einiger Entschiedenheit: „Deine Rede sei ja ja oder nein nein, was darüber ist, ist vom Übel.“
So habe ich als Jugendlicher, ich war protestantischer Pfadfinder, die Weihnachtsgeschichte gelesen. Ohne jede Sentimentalität, mit dem Ruch der Revolution. Fasziniert mich bis heute.
Logbuch
CULTURAL CODES.
Beim Betrachten des offiziellen Fotos der neuen Regierung des Landes Berlin: Frisuren und Kleidung sind Botschafter. Auch des schlechten Geschmacks. Piefig.
Dass eine Uniform ein Nachrichtenträger ist, das bezweifelt niemand. Das ist ja ihr Sinn. Hoheitszeichen, Dienstgrad und so weiter. Auch drei Ohrringe im linken Ohr eines erwachsenen Mannes können Nachrichtencharakter haben. Dieser Code ist nicht festgeschrieben, aber diejenigen, die es angeht, wissen worum es geht.
Dann bei der Chefin diese Kleider und Kostüme aus dem Quellekatalog oder dem Reich der Änne Burda, gezielt gewählt, weil aus der Zeit gefallen. Das hat schon was, wie konsequent die Dame mit dem vorübergehenden Titel den Geschmack der Wilmersdorfer Witwe trifft. Kompliment. Ich mag auch ihre eigenartige Rhetorik, dazu gehört was. Willy Brand in weiblicher Version und aus Frankfurt/Oder. Die wird noch was.
Aber diese anderen Gestalten. Wo kann man sich eine solche Pottfrisur machen lassen? Oder ist das eine Perücke? Dann bitte ich um Entschuldigung. Und der Korpulente; nicht nur dick, das passiert, sondern feist. Angestrengt grinsend. Dann eine ohne jede Frisur. Saccofrei. Wo läuft man so rum und findet es auch noch chic?
Aber politisch passt es ja. Dieses Kabinett, es tut mir leid, spiegelt diese Stadt. Perfekter als Trachten und Volkstanz es könnten, finden sich in diesen Fummeln&Frisuren die Kulturen der Gettos, die sich selbst so lieben. Berlin, Du bist ein piefiger Narzisst.
Logbuch
NINOs NOTIZEN.
Mit Bedacht zu lesen. Ich erhalte als Geschenk das Logbuch eines NINO und erfahre, dass der Autor für seine Gedanken in den Kerker ging, der ihn gesundheitlich ruinierte.
Fünf, sechs Bände liegen vor mir. Tausende Seiten von NOTIZEN. Eigentlich ein Weihnachtsgeschenk, aber ich bin zu neugierig und öffne das Paket, beginne schon zu lesen. Ordentlich editiert beginnt die Sammlung von NINOs NOTIZEN mit einer Chronik. Ich lese von einer großen Tragik: die angegriffene Gesundheit übersteht nicht die Kerker, in die man ihn über Jahrzehnte gepfercht hat.
Kein Titan in der Erscheinung, eher verwachsen, schreibt er sich groß; so jemand wird Journalist. Und Politiker. Recht große Namen fallen. Leo Trotzki zum Beispiel habe an NINO gelobt, dass er der einzige seiner Genossen gewesen sei, die den Aufstieg Benito Mussolinis ernstgenommen habe und kommen sah, was dann das Gesicht der Erde veränderte. Zu lesen mit Bedacht: der Autor dieses Logbuchs hat um Papier und Stifte bitten, ja betteln müssen.
Ein „Pessimist des Verstandes und Optimist des Willens“ wollte er sein. Was mich dabei schon jetzt beeindruckt ist die Attitüde des Autodidakten, dem es nicht an der Wiege gesungen wurde. Wer sich Wissen erkämpfen muss, weiß um seinen Wert. Vor allem jene, die sich als „Hofmeister“, sprich Nachhilfelehrer, ihr karges Brot verdienen mussten. Wie hat Hölderlin darunter gelitten. Von NINO weiß ich das noch nicht, aber bald. Man wird hier noch von ihm lesen, denke ich, der ich gern Gedanken stehle.
Logbuch
AUS DEM AUGENWINKEL.
Was liegt eigentlich zwischen einem „guten Freund“ (der bei Mädchen „beste Freundin“ heißt) und einem „entfernten Bekannten“, den man so gerade noch wiedererkennt? Wie nennt man diese eigenartige ferne Nähe auf der Mitte? Man sagt wohl „guter Bekannter“, ein seltsames Wort.
Gestern Abend treffe ich neben einigen alten Kolleginnen und Kollegen auch diesen einen Typen, mit dem ich mich immer verbunden gefühlt habe, aber nie in einem engen Sinne befreundet war. Es ist auch nicht so, dass wir ein Geheimnis zu teilen gehabt hätten, oder? Jedenfalls hatte ich im Geschäftlichen nichts mit ihm zu tun. Immer aber begrüßen wir uns mit einem festen Handschlag; erfreut, sich wiederzusehen.
Was uns in diesen Momenten verbindet, sie passieren in einem Vierteljahrhundert zuletzt höchstens einmal im Jahr, ist das AUGURENLÄCHELN. Unkomplizierter habe ich es nicht. Cato der Ältere wundert sich, warum zwei Auguren, wenn sie sich treffen, nicht lächeln. Nun, ich kann verraten, sie lächeln.
Es gab in der Antike den Beruf der Wahrsager durch das Betrachten der Eingeweide von Opfertieren und in der gleichen Profession die Jungs, denen dazu der Vogelflug reichte. Meint: Personen vom Fach, die sich einer Profession rühmten. Und wenn die sich ab und an aus dem Augenwinkel betrachteten, dann grinsten sie. Es ist so: AUGUREN lächeln, wenn sie sich treffen. Das ist die Verbundenheit der Geheimnisvollen, die voneinander wissen, dass sie gar kein Geheimnis haben. Das ist ihr Geheimnis.