Logbuch

WES GEISTES KIND.

„Der Geist steht links!“ Das war ein heftig umstrittener Glaubenssatz meiner Jugend. Und damit waren Strömungen links von der SPD gemeint, jedenfalls links von Helmut Schmidt (Bergedorf). Ich selbst lauschte als Pennäler Rudi Dutschke und studierte Herbert Markuse. Lire le capital. Mit der Zeit wurde man allerdings klüger.

Der Zeitgeist wurde dann im Laufe der Jahre vor allem eines: grüner. Heute hat das Grüne im Kleinbürgertum die Selbstverständlichkeit eines „common sense“. Gerade erzählt mir ein Herausgeber der konservativen FAZ, dass seine Wirtschaftsredaktion von grüner Mentalität geflutet sei; für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gilt das allemal.  Der gesunde Menschenverstand ist „woke“; dazu ist viel diverser Unsinn aus der nordamerikanischen Linken salonfähig geworden. Im „juste milieu“ herrscht ruckzuck Gutmenschenterror.

In Abwandlung eines Zitats von Mao Tse Tung hat die Außerparlamentarische Opposition meiner Studentenjahre, ich nenne Jürgen Trittin, einen „langen Marsch“ durch die Institutionen begonnen, der zu Erbhöfen geführt hat, die heute von einer grünen Nachfolgegeneration besetzt wird. Die Revolution frisst ihre Kinder nicht, sondern verbeamtet sie. In der Binnenkultur dieser Eliten konserviert sich eine Hegemonie des Grünen, auch wenn die Wahlen ärschlings gehen. Man wähnt sich als qualitative Elite.

Gestern fahre ich in der Provinz durch‘s Nachbardorf und sehe dort ein Plakat der AfD mit der Parole „GEZ abschaffen!“ Da ist er, der Gegenton, die Revolte von Rechts gegen die „Systemmedien“, im Internetjargon „legacy media“ genannt. Hier herrscht eine krude Mischung aus deutschnationaler und libertärer Mentalität, die die „wokeness“ der grünen Kleinbürgerlichkeit zum Kotzen findet. Dieser unpassende Ton gehört zur Politik des Pöbelns von Rechts. Das rechtsradikale Milieu ist in Deutschland noch nicht zur Kultur stabilisiert, aber schwimmt auf einer Welle von Zustimmung. Im Osten Deutschlands schon hegemonial. Der reaktionäre Zeitgeist hat zudem einflussreiche Freunde in den USA und Osteuropa. Europa ist in Gefahr.

Wo steht der Geist meiner Präferenz? Die Gretchenfrage. Erstens lasse ich mich nicht kaufen. Ich bin selbstverständlich vorsätzlicher Wechselwähler; auch meine eigene Partei ist vor meiner Kritik nicht sicher. Zweitens will ich, egal wo und egal wie, eine westliche Kultur der aufgeklärten Liberalität. Nähme ich eine zweite Staatsbürgerschaft, wählte ich zusätzlich die Italiens. Es grüßt geistig aus Rom Cato der Ältere.

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SCHMACKOFATZ.

Ist der grausige Ritus der Henkersmahlzeit eigentlich historisch belegt? Und warum sollte mich angesichts des Todes durch den Strang oder den kühlen Stahl der Guillotine noch kümmern, was auf dem Speisezettel steht? Wenden wir das Makabre ins Genussvolle. Morgen habe ich Geburtstag und ich darf mir ein Menu wünschen; nur so als Gedankenspiel zur Erheiterung in der Fastenzeit.

Vorspeise entfällt wg. Aperitif. Dry Martini Cocktail, gerührt, Lemonslice („Secco, molto secco e doppio!“)

Erster Hauptgang Fisch, eine Seezunge (dover sole) Müllerinnen Art; dazu wird der Flachfisch in Mehl gelegt, mit Butter ausgebraten und Grapefruit. Am Stück serviert und an der Gräte gewendet. Erinnert mich an das wunderbare Ehepaar Furthmann vom Kölner Hof in Essen West. Zur Zeit großartig in der Traube der Schleiers in Vallendar bei Koblenz.

Dazu ein Nachtschattengewächs, das meinem Nationalcharakter entspricht, Erdäpfel (pommes de terre) oder Grumbeere (Birnen aus dem Grund) genannt, vorsichtig gekocht und in Butter geschwenkt; auf keinen Fall als Stäbchen in Fritteusen ertränkt. Der gelegentlich ebenfalls gereichte Salat wird für meine Begriffe überschätzt.

Zweiter Hauptgang vom Rind ein kleines Filet medium rate, vom Bäckchen und gebratene Stopfleber der Gans. Dazu wieder, was die Hausfrau Salzkartoffel nennt. Ja, ich weiß. Wenn Gemüse, Rosenkohl.

Wir trinken einen elsässischen Riesling von Trimbach, den Clos Sainte Hune von 2016. Der Jahrhundertjahrgang, ist schließlich mein Geburtstag. So, das wär, was ich als Henkers Mahl gern hätte. Eine anschließende Verschiebung des eigentlichen Anlasses wär mir recht; ich finde solche Staatsakte unnötig pathetisch. Ich würde lieber bescheiden am Projekt „in otio cum dignitate“ weiterwerkeln.

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DIE MAGISCHEN FÜNF KOMMA FÜNF.

Politische Skandale sind Geschichten, die das Publikum spalten; ein Teil wird geröstet, wie das Neudeutsch heißt, sprich gegrillt, der andere amüsiert sich. So wie die GRÜNEN im Süden den CDU-Kandidaten in die Rehaugenfalle haben laufen lassen. Kriegt man heutzutage auch von der KI, den perfiden Rufmord. Ob sie wahr sind, diese Narrative, das fragen nur Naive. Der Spaß besteht ja darin, dass man weiß, dass sie einerseits hinterhältig ersonnen und andererseits nicht zu dementieren. Böse Halbwahrheiten.

Die SPD in Baden-Württemberg hatte einen Kandidaten, Name ist mir entfallen, der als Wahlkampfnummer eine TAFEL besuchte, eine Armenspeisung. Na gut. Während er sich mit dem Interesse an Bedürftigen schmückte, war sein Fahrer mit dem Dienstwagen (Audi A8 lang) nach Frankreich geschickt, um Gänsestopfleber für‘s private Abendbrot zu besorgen. Die Presse kriegte das mit. Wasser predigen und Wein saufen.

Wir erleben ein soziologisches Experiment mit drei sozialen Milieus. Die bourgeoise Attitüde, die nur vom Feinsten speist; Oskar Lafontaine lässt grüßen, der Salonsozi. Für mich kein Problem; schon CATO stopfte Gänse mit Feigen. Dann der Parteibonze, der deutlich oberhalb seiner Kinderstube die Annehmlichkeiten des Mandats auch privat nutzt; Rudolf Scharping winkt uns zu. Auch in Ordnung; ein Chauffeur soll sein und der A8 ist ein klasse Auto. Schließlich der sozialdemokratische Anwalt der Transfer-Empfänger, der die Reichen zunehmend besteuert, um es den Faulen zu geben. So jedenfalls sieht es aus. Ich bitte die wirklich Bedürftigen um Nachsicht.

Es geht mir um das riesige Loch in der Mitte. Zwischen dem Groß- und Kleinbürger einerseits und den vom Schicksal gestraften Menschen in der Suppenküche andererseits, da müssten sie sein, die fleißigen Leute, denen es nicht an der Wiege gesungen wurde, die jeden Morgen den Arsch aus dem Bett kriegen und Gemüse putzen oder Blech biegen oder Zettel sortieren. Ich schreibe hier zu deren Ehre, als „working class hero“. Wer steht politisch noch für die arbeitende Bevölkerung, aus der die AfD eine Volksgemeinschaft machen möchte?

Im Übrigen staune ich, wie die sogenannte Brandmauer die CDU in eine babylonische Gefangenschaft der GRÜNEN führt. Wie der grüne TSCHEM den schwarzen MANUEL am Nasenring durch die Manege führt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zunächst ging es darum, dass die SPD die soziale Mitte verloren hat. Verlust des sozialen Trägers. Der Esken-Bös-Effekt. Als Partei dieser Dämlichkeit erzielt sie das magische Ergebnis von 5,5%.

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KAMERADEN.

Rechtsanwälte haben sie. Die Mafia hat sie auch. Ärzte reden sich so an. Die KOLLEGIALITÄT, ein verhalten freundschaftlicher Umgang innerhalb der eigenen Gruppe. Früher hieß das KAMERADSCHAFT.

In einer Einladung der Awo (Arbeiterwohlfahrt) zu einer kleinen Rede lese ich einen Begriff, den ich hier gar nicht vermutet hätte. Eine Gründungsmutter dieser karitativen Organisation sprach dereinst vom Ideal der KAMERADSCHAFTLICHKEIT. Jetzt müssen alle Neoliberalen ganz stark sein: das ist sozialistisches Gedankengut von vor hundert Jahren. Es geht um das, was die Franzosen BRÜDERLICHKEIT genannt haben. Ein komischer Begriff, so als sei das Familienleben immer und überall freundschaftlich. Ich kenne mehr feindliche als einander zugewandte Brüder. Und was ist mit den Schwestern?

Das Wort vom Kameraden entstammt der Militärsprache. Und so zweischneidig ist es. „Die Kameradschaft ist dem Soldaten befohlen“, heißt es bis heute. Das mag KOLLEGIALITÄT unter den Uniformierten meinen. Kann aber eben auch eine KONFORMITÄT meinen, die das eigene Gewissen hintanstellt. Als solche gilt sie dann auch in paramilitärischen Gemeinschaften bis hin zur ORGANISIERTEN KRIMINALITÄT. Warum die vermeintlichen Soziokulturen der Mafias bei uns Folklore sind, wissen ohnehin nur die Götter und Petra Reski.

Ursprünglich war Camera das Wort für eine STUBE, eine beheizte Schlafgelegenheit, dann für die Gemeinschaft der dort zwangsweise Zusammenschlafenden, so wird es zu einer SEKUNDÄRTUGEND der „Gezogenen“ oder Verschworenen, einer horizontalen Bindung. Von oben nach unten, sprich vertikal, gilt das Gebot des GEHORSAMS, untereinander, sprich horizontal, das der Kameradschaft. So organisiert sich in militärischen Gemeinschaft die Entantwortung des Einzelnen, die das Töten des Feindes erleichtert. Heute tauscht der Begriff im rechtsradikalen Jargon wieder auf; es sei gewarnt.

Was mich jetzt aber fasziniert: Dies war vor hundert Jahren auch ein Leitbegriff der ARBEITERBEWEGUNG und anderer Reforminitiativen. Ich lese von der KAMERADSCHAFTSEHE als einem Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter, sprich der Emanzipation der Frau. So ist es dann wohl auch in das Selbstverständnis der „Arbeiterwohlfahrt“ eingegangen. Es meint dann da SOLIDARITÄT und einen fürsorglichen Umgang mit denen, denen es nicht schon an der Wiege gesungen wurde. Die Entdeckung der Solidargemeinschaft.

Wie vieles andere auch, die NAZIS haben dies missbraucht und in das totalitäre Konzept der VOLKSGEMEINSCHAFT überführt, eine rassistische Konstruktion, die dann auch den Völkermord rechtfertigen sollte. Zu bitter, um zu kleiner Münze gemacht zu werden, aber eben auch nicht zu vergessen. Endpunkt der Kollektivierung des Individuums. Detail aus dieser antibürgerlichen Vervolksgemeinschaftung: Das SIE wurde als Anrede verpönt und sollte durch ein allgemeines DU ersetzt werden, berichten von den Nazis zwangsbeschulte Zeitzeugen.