Logbuch
VATER & MUTTER.
Gestern war der Jahrestag der Befreiung. Vom selbstgewählten Unglück. Der Generation unserer Väter und Großväter erschien der Krieg als etwas Drittes, in das sie geraten waren. Wie ein Unwetter. Dabei waren sie der Krieg.
An Ende des Krieges stand die bedingungslose Kapitulation des Vaterlandes. Meine Vorfahren hatten, wie sie fanden, zufällig überlebt. Die Besiegten als Befreite. Das Vaterland fürderhin eine Schande unter den Völkern.
Und dann gestern noch Muttertag. Dieser alberne Muttertag ist ein Teil der paternalistischen Verlogenheiten. Aber nehmen wir es für einen Moment ernst: Dankbarkeit.
Ich höre, dass die Juden ihre Ahnenfolge nach den Müttern zeichnen, nicht nach der väterlichen Linie, sondern eben nach der Frage, wer die Mutter war. Das scheint mir klug.
Und der Rest ist Schweigen.
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HELDIN VON MORGEN.
Man kennt Michelle O‘Neill hierzulande nicht. Dabei könnte sie die bedeutendste Politikerin Europas werden. Sie könnte die gesamte irische Insel als neuen europäischen Nationalstaat begründen. Der Exit für den Brexit.
So vieles muss man historisch wissen, um zu verstehen, was die Iren von den Engländer trennt, deren Reich ja korrekt so heißt: „Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland“. Wer hat noch in Erinnerung, dass SINN FEIN einen terroristischen Kampf gegen die englischen Imperialisten in Ulster (Nordirland) und England führte. Ein veritabler BÜRGERKRIEG, mit Militärischen Mitteln auf der einen und Guerilla-Methoden auf der anderen. Viel Blut ist geflossen, viel tiefer Hass bis heute geblieben.
Da weckt die Geschichte die WORKING CLASS HEROES. Jetzt will ein Kind dieser Terroristen (englische Perspektive) als Heldin der Nationalisten (irische Perspektive) in das von den orangenen Unionisten (die zum Königreich loyalen Nordiren) bestimmte Nordirland einen FRIEDEN bringen, der die WIEDERVEREINIGUNG des europäischen Teils im Süden mit dem ehemals britischen im Norden möglich werden lässt. Das ist für Europa so bedeutend wie 1989 der Mauerfall für Deutschland.
Ich breche mir bei der Formulierung die Arme, weil ich den alten Konflikt nicht mit Begriffen der Religion beschreiben will. Es geht nicht um religiöse Fragen. Oder politische Ambitionen der EU. Denn hier würde keine katholisches EU-Mitglied sein Territorium erweitern; es würde ein alter kolonialistischer Wahnsinn der Engländer beendet; das schon eher. Frieden ist möglich, er folgt auf Waffenstillstand.
Vor allem aber hätten die Westminster-Bourgeoise unter dem rechten Clown Boris Johnson und seinen dekadenten Oxbridge-Kumpanen ihren Brexit-Wahn der SPLENDID ISOLATION endgültig zerlegt. Eine wirtschaftlich blühendes Irland, eine europäisch orientierte Demokratie, ein versöhnter Bürgerkrieg… das alles wäre schon was. In diesen Zeiten. Michelle könnte das. Ich kenn sie aus Belfast und ich glaube, dass sie das Zeug zu einer solchen HELDIN hat. Man nehme das bitte auf Wiedervorlage!
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VERLOGENE VERLUSTANZEIGE.
„Ich bin der Welt abhandengekommen.“ Ein berühmtes Wort. Warum nur? Welch ein schwülstiger Quatsch, diese Weltflucht. Ob sie ihn jetzt wohl vermisst, die Welt?
Erstens eine Zufallszeile eines elenden Vielschreibers. Zweitens aus einem Buhlschreiben; er wollte eine Angebetete rumkriegen, der Herr Skribent. Drittens die notorische leere Drohung mit dem eigenen Tod. Viertens böhmisch vertont.
Es gibt ja große Stücke von Gustav Mahler. Aber seine LIEDER? Elend. Das ist vielleicht das Schlimmste, wie ein Tenor oder Bariton die Mahlersche Vertonung vorträgt: Iiiich binnn derrr Wäält abhandengekommen… Überhaupt sollte man Tenöre verbieten. Und Baritone. Liederabende, das ist so was von 19. Jahrhundert. Furchtbar.
Weltflucht also. Der Welt Gewimmel sei er entflohen. Und wohin? In sein Lied und seine Lieb. Man glaubt es nicht, der brünftige Troubadour. Was so ein Hormonstau alles anrichtet. Sentimentales Zeug. Also, der Beethoven war klasse gestern, der Schubert großartig. Und der Wein, ein Sauvignon Blanc, kalt genug und damit trinkbar. Dazu kleiner Schnittchenteller für 9,50€, kann man nicht meckern.
Wenn nur dieses „Ich bin der Welt abhandengekommen“ nicht gewesen wäre. Der Welt Gewimmel entflohen. Paaah. Ach so, und alles ohne Maske. Das lobe ich sehr. Endlich wieder ohne Maske in die Philharmonie. Also doch: Der Welt entflohen.
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KAMERADEN.
Rechtsanwälte haben sie. Die Mafia hat sie auch. Ärzte reden sich so an. Die KOLLEGIALITÄT, ein verhalten freundschaftlicher Umgang innerhalb der eigenen Gruppe. Früher hieß das KAMERADSCHAFT.
In einer Einladung der Awo (Arbeiterwohlfahrt) zu einer kleinen Rede lese ich einen Begriff, den ich hier gar nicht vermutet hätte. Eine Gründungsmutter dieser karitativen Organisation sprach dereinst vom Ideal der KAMERADSCHAFTLICHKEIT. Jetzt müssen alle Neoliberalen ganz stark sein: das ist sozialistisches Gedankengut von vor hundert Jahren. Es geht um das, was die Franzosen BRÜDERLICHKEIT genannt haben. Ein komischer Begriff, so als sei das Familienleben immer und überall freundschaftlich. Ich kenne mehr feindliche als einander zugewandte Brüder. Und was ist mit den Schwestern?
Das Wort vom Kameraden entstammt der Militärsprache. Und so zweischneidig ist es. „Die Kameradschaft ist dem Soldaten befohlen“, heißt es bis heute. Das mag KOLLEGIALITÄT unter den Uniformierten meinen. Kann aber eben auch eine KONFORMITÄT meinen, die das eigene Gewissen hintanstellt. Als solche gilt sie dann auch in paramilitärischen Gemeinschaften bis hin zur ORGANISIERTEN KRIMINALITÄT. Warum die vermeintlichen Soziokulturen der Mafias bei uns Folklore sind, wissen ohnehin nur die Götter und Petra Reski.
Ursprünglich war Camera das Wort für eine STUBE, eine beheizte Schlafgelegenheit, dann für die Gemeinschaft der dort zwangsweise Zusammenschlafenden, so wird es zu einer SEKUNDÄRTUGEND der „Gezogenen“ oder Verschworenen, einer horizontalen Bindung. Von oben nach unten, sprich vertikal, gilt das Gebot des GEHORSAMS, untereinander, sprich horizontal, das der Kameradschaft. So organisiert sich in militärischen Gemeinschaft die Entantwortung des Einzelnen, die das Töten des Feindes erleichtert. Heute tauscht der Begriff im rechtsradikalen Jargon wieder auf; es sei gewarnt.
Was mich jetzt aber fasziniert: Dies war vor hundert Jahren auch ein Leitbegriff der ARBEITERBEWEGUNG und anderer Reforminitiativen. Ich lese von der KAMERADSCHAFTSEHE als einem Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter, sprich der Emanzipation der Frau. So ist es dann wohl auch in das Selbstverständnis der „Arbeiterwohlfahrt“ eingegangen. Es meint dann da SOLIDARITÄT und einen fürsorglichen Umgang mit denen, denen es nicht schon an der Wiege gesungen wurde. Die Entdeckung der Solidargemeinschaft.
Wie vieles andere auch, die NAZIS haben dies missbraucht und in das totalitäre Konzept der VOLKSGEMEINSCHAFT überführt, eine rassistische Konstruktion, die dann auch den Völkermord rechtfertigen sollte. Zu bitter, um zu kleiner Münze gemacht zu werden, aber eben auch nicht zu vergessen. Endpunkt der Kollektivierung des Individuums. Detail aus dieser antibürgerlichen Vervolksgemeinschaftung: Das SIE wurde als Anrede verpönt und sollte durch ein allgemeines DU ersetzt werden, berichten von den Nazis zwangsbeschulte Zeitzeugen.