Logbuch

HALBSEIDEN.

Franziska Giffey wird Regierende in Berlin, mit Bravour, da bin ich sicher. Meine Frau Mutter hätte sie HALBSEIDEN genannt und damit den Grund ihres politischen Erfolges erfasst. Die Dame ist BERÜHMT-BERÜCHTIGT, das ist es, was es in dieser Stadt braucht. „A walking contradiction“, da passt der Charakter zur Stadt. Ihre immer zu hohe und leicht gebrochene Stimme und der Jargon des Ostens verstärken diese Inszenierung zum Authentischen.
Ich hab den Ausdruck mit dem Halbseidenen nachschauen müssen. Halbseiden wurden Stoffe aus zwei verschiedenen Fäden genannt, die nach außen vornehm wie Seide glänzten, aber auf billiger Baumwolle gewirkt waren. So wie die DOKTORARBEIT der Dame, die ihr ein zugeneigter Lehrstuhl der Freien Universität möglich gemacht hat. Außen hui, innen pfui.
Oder der Gatte der Giffey, der als Beamter wegen Betrug aus dem Dienst geworfen wurde. Kein großes Ding. Er hatte in fünfzig Fällen bei der Arbeitszeit geschummelt, und ab und an bei den Spesen. Also ehrlich, sagt da die Berliner Volksseele: Wer macht das nicht?
Das Genie Berlins liegt in der Nonchalance, mit der aus Mittelmaß und Schlitzohrigkeit ein regelrechter Kult, die durchgängige Subkultur des Halbseidenen, gemacht wird. Das Dummdreiste weiß sich hier als Witz zu tarnen. Am Ort nennt sich dieses Prinzip AUS KACKE KUCHEN. Das ist mir als Wertung zu grob. Und es stimmt auch so nicht. Es ist eben von beidem etwas. Nennen wir es treffender ein politisches OXYMORON.

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MIT WÜRDE UND IN RUHE.

Mir fällt ein Buch einer befreundeten Historikerin aus 1966 in die Hand, ein geschichtswissenschaftlicher Band der berühmten WISSENSCHAFTLICHEN BUCHGESELLSCHAFT zu DARMSTADT. Edles Leinen. Ein Sammelband zum Thema „Das Staatsdenken der Römer“. Darin zu einem interessanten Thema zwei Aufsätze aus 1941 und 1956, und zwar zu einem Motto Ciceros, mit dem er die politische Maxime einer sozialen Klasse im Alten Rom beschreibt, die sich so nennt: die OPTIMATEN.
Das hat ja fast was Lustiges. Im Mittelbau die POPULAREN und oben, an der Spitze des Gemeinwesens, die OPTIMATEN. Sich selbst als Optimum sehen. So viel Selbstbewusstsein muss man erst einmal haben. Jetzt aber zur Maxime, zu dem Motto. Es lautet: „Cum dignitate otium“, was eine ganze Reihe von Übersetzungen zulässt. Otium, das ist Arbeitslosigkeit, nicht im prekären Sinne, sondern als Zustand des Wohllebens. Keine falsche Geschäftigkeit. Schon mal ein Wort.
Diesen Zustand der Ruhe will man ausdrücklich „cum dignitate“, sprich „mit Würde“, erfüllen oder erfüllt wissen. Der alte weiße Mann im Alten Rom. Eine Definition des Alten Mannes (Senator von „senex“, sprich „alt“), die einem gefallen könnte: MIT WÜRDE leben und IN RUHE. Ach, wie schön. Wenn da nicht die Gewissheit wäre, dass sie ruppige Diktatoren waren, die Senatoren, die sich als OPTIMATEN empfanden.

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LEIBSPEISE.

Gestern aus einem örtlichen Lieblingsrestaurant italienischer Prägung geholt: Kalbsleber, in Salbeibutter gebraten, Kartoffelstampf mit Trüffeln, Salat, Mandelkuchen. Köstlich. Wirklich großartig. Adresse des wunderbaren Lokals am Alten Bahnhof nur an Freunde, weil Geheimtipp. Dann, zum Wein, die Idee, dass die Völker Europas jenes Gericht zu einem idealen Dinner beitragen sollten, das sie erwiesenermaßen besonders gut können.
Das darf dann ein Kotelett vom iberischen Schwein sein, das mit Kastanien genährt wurde. Oder ein „Knochen mit Loch“, Ossobuco, aus Italien, eine geschmorte Kalbshaxe. Oder zum Falschen Filet, dem sogenannten Bürgermeisterstück, mit Pommes und kleinem Salat, die berühmte Sauce Bernaise, der Pariser Mittagstisch, dort als Filet verkauft.
Der Schotte kann Haggis, dazu füllt er einen Schafsmagen mit Lunge, Leber, Herz, Nierenfett und Hafermehl; das ganze scharf gewürzt und lange im Wasserbad gekocht. Man kann ja BLANCHIEREN, SIEDEN, KOCHEN oder SCHMOREN, neben dem BRATEN oder RÖSTEN. Siehe Claude Levi-Strauß. Oder aber VERGÄREN. Im Tierreich gibt es noch den Aasfresser. All das hilft, die Eiweiße zu knacken. Der Schwede empfiehlt dazu die Milchsäuregärung.
Der saure Hering, SURSTRÖMING genannt, ist ein in Salzlake eingelegter und von Milchsäurebakterien in Gärung gebrachter Fisch, der die Konservendose fast zu spurenden droht, zu dem die Eingeborenen angeblich Buttermilch trinken, faktisch Bier und selbstgebrannten Schnaps. Der Geruch ist sehr intensiv, wie bei Fäulnisprozessen mit Buttersäure zu erwarten. Man nimmt zu den begleitenden Kartoffeln eine große Portion roher Zwiebeln. Gibt es in der IKEA-Kantine aber wohl nicht.

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Man darf nur Lokales! Vom Bauernmarkt um die Ecke. Sonst ist man ein Menschheitsvernichter. Sogar auf dem EDEKA-Laster steht, dass er nur Regionales hat. Änderungen der Esskultur. Skandale: Erdbeeren aus Israel. Tomaten aus Holland. Gurken aus Portugal. Rosen aus Kamerun. Nach der Entsaisonalisierung kam die Entregionalisierung. Nur so konnten sich die großen Monokulturen lohnen. Beides geht einher, dritter Mega-Trend, mit der Ethnisierung der Küchen. Man ging ZUM ITALIENER für die Pizza, ZUM CHINESEN für die 97 süß sauer. DER KROATE kam und DER GRIECHE. Uozo aufs Haus. Dönerbuden an jeder Ecke, Sushi wurde verlangt. In London sehe ich, völlig skurril, ein Stand mit deutscher Bratwurst, und zwar der Thüringer Art, bei der die Rohwurst ja aussieht wie ein schlecht gefülltes Kondom. Spreche den Verkäufer auf Deutsch an; er kommt aus Gotha. Aber nicht immer ist es autochthon. Es kommen in Mode Restaurants mit FUSIONs Küche. Inder übernahmen in Berlin Tandorri-Grill-Buden mit Döner, dänischen Würstchen als heißer Hund sowie Curry im Darm mit Schranke (Pommes rot weiß). Es wird bunt; was mich natürlich nicht stört. Aber auch kompliziert. Ich lerne, dass es VIETNAMESISCH sein muss, nicht einfach nur 97 süß sauer beim Chinamann. Der Trend der kulinarischen Ethnisierung ist natürlich nur eine Pseudo-Ethnisierung, ein Mode mit vermeintlich nationalen Farben. Und dann sagt mir eine Berliner Freundin, sie kaufe im WEDDING bei einem bestimmten Metzger, weil der nur regionale Produkte habe. Kühe im Wedding? Kühe aus dem Wedding? Kühe nur aus dem Wedding ? Ich glaube, dass jene auf REGIONALEM stehen, also beim Essen, die das auch sonst in ihrem Leben als bindendes Prinzip beherzigen. Inzucht.